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NORDIRLAND: Getrübte Jubiläumsfreuden zum Ende des Bürgerkriegs zwischen Protestanten und Katholiken

Vor zwanzig Jahren beendete das Karfreitagsabkommen den Bürgerkrieg zwischen Protestanten und Katholiken. Die politischen Fronten sind heute aber verhärtet – und der Brexit nährt Ungewissheit.
Sebastian Borger, London
Freudensprung über eine Schlagzeile: Im Mai 1998 hiessen die Nordiren das Karfreitagsabkommen auch an der Urne gut. (Bild: Paul Faith/Keystone (Belfast, 23. Mai 1998))

Freudensprung über eine Schlagzeile: Im Mai 1998 hiessen die Nordiren das Karfreitagsabkommen auch an der Urne gut. (Bild: Paul Faith/Keystone (Belfast, 23. Mai 1998))

Sebastian Borger, London

Die Meteorologen sagen in der Hauptstadt Belfast für heute Regen voraus, passend zur politischen Stimmung der Nordiren. Am 20. Jahrestag jenes Abkommens, das den Bürgerkrieg in der einstigen britischen Unruheprovinz beendete, hält sich die Feierstimmung in Grenzen. Zu unklar erscheint die Zukunft. Seit bald einem Jahr steht Nordirland ohne Regierung da, weil es die beiden grössten Parteien, die protestantisch-unionistische DUP und die katholische Sinn Féin, versäumt haben, gemeinsam eine Exeku­tive zu bilden. Zudem stiftet der Brexit Unsicherheit.

Vor 20 Jahren, an einem Karfreitag, traten übernächtigte Gestalten – Premierminister, Parteichefs, Delegierte – nach tagelangen Verhandlungen vor die Kameras, um über die Einigung zu sprechen. Es gab schon damals Zweifler, angeführt vom Fundamentalistenprediger Ian Paisley: Die demokratischen Politiker würden «Terroristen auch noch Lösegeld bezahlen», höhnte der Chef der damals kleineren protestantischen Unionistenpartei DUP.

Paisleys Prognosen gingen unter in der Erleichterung jener, die sich, anders als die DUP, die Mühe des Verhandelns auf sich genommen hatten und dabei schmerzhafte Kompromisse eingingen. Auf ihren Schultern lastete, wie es der damals 44-jährige britische Premierminister Tony Blair gesagt hatte, «die Hand der Geschichte»: Das Ende eines 30 Jahre dauernden Bürgerkrieges mit 3500 Toten und 47 000 Verletzten war in Sicht. Diese Chance wollten sie sich nicht entgehen lassen – und folgten dem Grundsatz ihres Verhandlungsleiters, des früheren US-Senators George Mitchell: «Kein menschlicher Konflikt ist unlösbar.»

Im gleichen Jahr wurden der Protestant David Trimble von der UUP-Partei und der katholische Chef der gewaltfreien Nationalistenpartei SDLP, John Hume, mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Doch ihren je eigenen Anteil an der Einigung hatten auch viele andere, allen voran Mitchell. Immerhin drei Jahre seines Lebens opferte der frühere Chef der demokratischen Mehrheitsfraktion im US-Senat der Zukunft von 1,9 Millionen Nordiren.

Ein schweres persönliches Opfer brachte Irlands Premier Bertie Ahern: Dem damals 46-Jährigen blieb keine Zeit für die Trauer um seine überraschend verstorbene Mutter; nur zu deren Beerdigung verschwand er kurzzeitig nach Dublin. Ahern legte sein Gewicht dafür in die Waagschale, damit die Sinn-Féin-Delegierten auch wirklich am Tisch sassen. Letztlich lief das Abkommen darauf hinaus, dass die Nordiren leben lernen sollten, gelassen mit Mehrfach-Identitäten umzugehen. Gewiss enthielt die Vereinbarung vom 10. April 1998 mancherlei Ungereimtheiten, belohnte etwa Terroristen ohne ausreichende Gegenleistung. Wahr ist aber auch: Ohne den Deal an jenem Karfreitag wären die weiteren Vereinbarungen nicht zu Stande gekommen, die den Nordiren 20 weitgehend friedliche Jahre beschert haben.

Die irische Fahne flattert seltener

Die Zeichen offenen Sektierertums sind rarer geworden. Über katholischen Wohnvierteln flattert seltener die irische Trikolore, die in den britischen Farben Rot-Blau-Weiss bemalten Trottoirs loyalistischer Ortsteile verblassen vielerorts.

An der Urne jedoch haben die Wähler stets die Extreme beider Seiten gestärkt: Sinn Féin auf ­katholischer, die DUP auf protestantischer Seite. Das Karfreitagsabkommen verpflichtet die Politiker, eine gemeinsame protestantisch-katholische Regierung zu bilden. Arlene Foster (DUP) und die nordirische Sinn-Féin-Chefin Michelle O’Neill stehen sich aber so unversöhnlich gegenüber wie einst ihre männlichen Vorgänger.

Vielleicht sollten die Nordiren heute Dienstag doch ein ­wenig feiern, allem Regen zum Trotz – auch wenn wenig dafür spricht, dass ihre politischen ­Anführerinnen das Format der Vorgänger von 1998 besitzen.

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