Brexit

Nordirlands Einheit in Gefahr: Grossbritanniens Ausstieg aus der EU reisst alte Wunden auf

Sebastian Borger, Lisnaskea/Newry
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Noch ist die Grenze offen Zerschossenes Schild an der Grenze zu Nordirland.

Noch ist die Grenze offen Zerschossenes Schild an der Grenze zu Nordirland.

Getty

Manchmal kommt es Ernie Wilson (82) so vor, als sei alles erst gestern passiert. Dabei liegt der Sommertag, der das Leben des weisshaarigen Herrn veränderte, bereits dreissig Jahre zurück.

Wilson hatte gerade im nordirischen Städtchen Lisnaskea seinen Schulbus in den zweiten Gang geschaltet, da blendete ihn ein greller Schein, «als sei direkt vor meinen Augen der Blitz eingeschlagen». Einen Augenblick später ein ohrenbetäubender Lärm – und Wilson wusste: Er war Opfer eines Bombenanschlags der irisch-republikanischen Terrortruppe IRA geworden.

Ernie Wilson, Opfer von IRA-Terror: «Es war als wäre ein Blitz eingeschlagen.»

Ernie Wilson, Opfer von IRA-Terror: «Es war als wäre ein Blitz eingeschlagen.»

Keystone

Mit der Handbremse brachte er den Bus zum Stehen, «weil ich glaubte, die Beine seien weg». Das stellte sich glücklicherweise als Irrtum heraus. Wilson inspizierte sein Fahrzeug. Eine resolute Jugendliche wies ihn auf eine schwer verletzte Mitreisende hin.

«Ich hob das Mädchen auf und legte sie auf die Rückbank. Ihre Augen verdrehten sich, ihre Atmung stoppte. Wir machten Mund-zu-Mund-Beatmung, sie kam zurück, dann übergab ich sie den Sanitätern. Aber das Weiss in ihren Augen hat mich jahrelang im Traum verfolgt.»

Sein Sohn hielt es nicht aus

Wilson spricht leise, zwischendurch muss er sich eine Träne aus den Augen wischen – nicht zuletzt, als die Rede auf seinen Sohn James kommt, der sich ein Jahr nach dem Bombenanschlag 27-jährig das Leben nahm. «Er machte sich Vorwürfe, weil er den Bus nicht nach Bomben abgesucht hatte. Aber das war gar nicht seine Aufgabe.» Psychologische Betreuung gab es nicht, weder für den Vater noch den Sohn. «Sonst wäre er vielleicht noch am Leben.»

Regelmässig erhält der Witwer in seinem schmucken Häuschen nahe Lisnaskea Besuch von jener resoluten knapp 18-Jährigen, die damals ihren 16 Mitpassagieren «Keine Panik!» zugerufen hatte. Inzwischen ist Arlene Foster, 48, Vorsitzende der grössten unionistischen Protestantenpartei Nordirlands, der DUP – und wer ihre harte Haltung im sich zuspitzenden Brexit-Streit zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU verstehen will, tut gut daran, Menschen wie Wilson zuzuhören.

Sie sind überwiegend, zumal auf dem Land, sehr konservativ und religiös, beseelt von ihrer Zugehörigkeit zu Grossbritannien und wenig interessiert an der Republik Irland, die von Lisnaskea keine zwanzig Kilometer entfernt liegt.

Seit sie ihre unangefochtene Vormachtstellung verloren haben, sehen sich Nordirlands Protestanten in der Defensive. Bitterlich beklagen sich Aktivisten wie jene der örtlichen Opfer-Stiftung Seff, die Wilson schliesslich eine Gesprächstherapie ermöglichte, über die Auswirkungen des Friedensabkommens vom Karfreitag 1998: immer neue Zugeständnisse an die IRA-Terroristen und deren Partei Sinn Féin, zu wenig Hilfe für deren Opfer. Mit Besorgnis starren viele Protestanten auf die Bevölkerungsstatistik, die den Katholiken binnen weniger Jahre die Mehrheit unter den rund 1,8 Millionen Nordiren verheisst. Freilich, was heisst das?

Zwar sieht das Karfreitagsabkommen die Möglichkeit einer Volksabstimmung über die Wiedervereinigung mit der Republik im Süden vor. Doch schienen sich viele Katholiken ganz gut eingerichtet zu haben mit den Verhältnissen. Schliesslich sorgte die grosszügige Subventionierung von der Nachbarinsel für kommoden Lebensstandard, die Durchlässigkeit der Grenze tat sein Übriges. Bis zum Brexit.

Im Fall des Brexit sei es «unvorstellbar», so damals Theresa May, die heutige Premierministerin, dass die offene Grenze so bleiben könne wie sie ist. Seit sie ihr Amt übernommen hat, redet May anders: Nun will sie die 300 Kilometer lange Grenze offenhalten, wozu die bereits vergangenen Dezember festgeschriebene Auffanglösung für Nordirland dient: Sollte keine andere Einigung zustande kommen, verbleibt der britische Teil der grünen Insel in der Zollunion und weiten Teilen des Binnenmarktes der EU.

Mary Lou McDonald, Sinn-Féin-Chefin: «Bei Chaos-Brexit stellt sich Verfassungsfrage.»

Mary Lou McDonald, Sinn-Féin-Chefin: «Bei Chaos-Brexit stellt sich Verfassungsfrage.»

Keystone

Weil sich die DUP mit Händen und Füssen dagegen wehrt, ist May von der Vereinbarung aber wieder abgerückt. Die Nordiren entschieden sich mit 56 Prozent für den Verbleib in der EU, jüngste Umfragen ermittelten ein Remain-Anteil von 65 Prozent. Soll nun ausgerechnet ihre Grenze die Einigung mit der EU verhindern? Prompt steht ein weiteres Referendum am Horizont. Sollte es zum Chaos-Brexit ohne Austrittsvereinbarung kommen, sagt Sinn-Féin-Chefin Mary Lou McDonald, «muss die Verfassungsfrage gestellt werden».

Wer will wieder eine Grenze?

Wie Sinn Féin warben vor zwei Jahren alle nordirischen Parteien für den EU-Verbleib – alle, bis auf die DUP. Die Achtung vieler gemässigter Katholiken haben Foster und ihre Leute dadurch verspielt. Im knapp 100 Kilometer entfernten Newry steht der Leiter der örtlichen Industrie- und Handelskammer, Connor Patterson, auf dem leeren Parkplatz der ehemaligen Zollstation.

Ende der Achtzigerjahre entstand das riesige Gelände samt 200 Meter langem Abfertigungsgebäude, gesichert von Stacheldraht und Polizei. Die Abfertigung von Lastwagen dauerte damals mehrere Stunden. Seit Eröffnung des EU-Binnenmarktes 1993 verfallen die Bauten. «Wir wissen genau, wie eine Zollgrenze aussieht», sagt Patterson. «Glauben Sie, die wollen wir wiederhaben?»

Der Leiter der örtlichen Industrie- und Handelskammer ist ein typisches Produkt der katholischen Mittelschicht: Seinen Doktortitel der Wirtschaftswissenschaft hat er in London gemacht, die Einführung des EU-Binnenmarktes erlebte er im schottischen Aberdeen. 1995 kehrte er nach Newry zurück, um beim wirtschaftlichen Wiederaufbau seiner Heimatstadt zu helfen. 2,5 Millionen Konsumenten im Umkreis von 100 Kilometern lassen sich von Newry aus erreichen, predigt den Einzelhändlern und Vertriebsfirmen.

Vor dem Friedensvertrag konnte die britische Armee um Newry nur aus der Luft versorgt werden. Überall Wachtürme und Kasernen. Auf drei Zivilisten kam ein Soldat. Friedensvertrag und EU haben in der IRA-Hochburg einen Boom ermöglicht, in dem die Identität kaum noch eine Rolle spielte. Die Arbeitslosenquote, einst bei 30 Prozent, liegt heute bei zwei Prozent.

Aber jetzt, ärgert sich Patterson, treibe der Brexit einen Keil zwischen die Bevölkerungsgruppen. Im benachbarten Wahlkreis hat die gemässigte Nationalistin Margaret Ritchie ihren Parlamentssitz verloren, profitieren konnte Sinn Féin. Warum? Patterson weiss die Antwort: «Weil die katholische Mittelschicht, Ärzte, Buchhalter, Anwälte, sich geringschätzig behandelt fühlt.»