«Blicke der Patienten brechen mir das Herz»: Norditaliens Spitäler stehen kurz vor dem Kollaps – das medizinische Personal leistet beinahe Übermenschliches

In Italien spitzt sich die Situation in den Krankenhäusern wegen der Pandemie täglich zu. Es herrscht ein dramatischer Mangel an Betten.

Dominik Straub aus Rom
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Provisorisches Covid-19-Zelt in Brescia: In Norditalien gehen die Kapazitäten in den Spitälern zur Neige.

Provisorisches Covid-19-Zelt in Brescia: In Norditalien gehen die Kapazitäten in den Spitälern zur Neige.

Bild: Luca Bruno / AP

Am Samstag um 12 Uhr sind hunderttausende Italiener auf die Balkone ihrer Wohnungen getreten, um zu klatschen: Der langanhaltende Applaus galt dem medizinischen Personal im ganzen Land, das in diesen Tagen beinahe Übermenschliches leistet, um den immer zahlreicheren Covid-19-Patienten zu helfen und sie in den überlasteten Intensivstationen am Leben zu erhalten. Ärzte, Krankenschwestern, Pfleger, medizinisches Hilfspersonal: Sie sind längst zu den neuen Helden Italiens geworden.

Die Fallzahlen nehmen trotz drastischer Quarantäne-Massnahmen weiterhin zu: Bis zum Sonntag sind in Italien 24'747 Menschen positiv auf das Virus getestet worden. 1809 der Infizierten sind gestorben, (am heutigen Sonntag alleine 369), 1672 Covid-Patienten befinden sich auf der Intensivstation.

Trotz der Hingabe und der Selbstaufopferung des medizinischen Personals – landesweit haben sich bereits über 1500 Ärzte und Pflegerinnen und Pfleger selber mit dem Coronavirus angesteckt – stehen die Intensivstationen der am meisten betroffenen Region Lombardei kurz vor dem Kollaps: «Der Moment ist nah, an dem wir keine freien Betten in den Intensivabteilungen mehr haben werden», erklärte am Sonntag der Regionalpräsident der Lombardei, Attilo Fontana. Allein am Samstag sind in die Spitäler der Lombardei weitere 85 Covid-19-Patienten eingeliefert worden, die Intensivpflege benötigten – doppelt so viele wie noch vor einer Woche. Am Sonntag waren die freien Plätze noch an einer Hand abzuzählen. «Es gelingt uns zwar, täglich 20 bis 25 neue Plätze zu schaffen – aber wir stehen kurz vor dem ‹Point of no return›», betonte auch der lombardische Gesundheitsminister Giulio Gallera.

Täglich kommen allein in Bergamo 300 Fälle dazu

Besonders dramatisch ist die Situation in den Provinzen Bergamo und Brescia, die inzwischen als die beiden wichtigsten Infektionsherde des Landes gelten. Aus Bergamo werden täglich rund 300 neue Fälle gemeldet, in Brescia sind es etwa 250; etwa jeder zehnte von ihnen benötigt Intensivpflege oder muss zumindest mit zusätzlichem Sauerstoff versorgt werden. «Wir müssen jeden Tag neue Covid-19-Patienten intubieren und sind pausenlos im Einsatz», berichtete am Sonntag Ivano Riva, der Chef der Reanimationsabteilung des Stadt-Spitals Giovanni XXVIII:

«Wir halten nicht mehr lange durch.»

In einer einzigen Woche hat das Corona-Virus in den beiden Provinzen mehr als 400 Menschen dahingerafft, in Bergamo bis zu 61 pro Tag. Die Krematorien in den beiden Provinzen haben auf 24-Stunden-Betrieb umgestellt.

Ärzte müssen über Leben oder Tod entscheiden

Das medizinische Personal in vielen Krankenhäusern Norditaliens muss sich aufgrund der fehlenden Kapazitäten bereits an eine neue Abkürzung gewöhnen: «NCR». Das steht für «non candidabile alla rianimazione» – und bedeutet soviel wie: «kann nicht in der Reanimation aufgenommen werden».

Der sich täglich zuspitzende Mangel an Betten in den Intensivstationen hat dazu geführt, dass die Ärzte in Einzelfällen bereits über Leben und Tod entscheiden müssen: «Wenn jemand zwischen 80 und 95 Jahre alt ist und grosse Atemprobleme hat, reservieren wir die wenigen noch vorhandenen Plätze in den Intensivstationen für Patienten mit grösseren Überlebenschancen. Das gleiche gilt, wenn eine mit dem Virus infizierte Person eine Insuffizienz in drei oder mehr lebenswichtigen Organen aufweist», betonte der Narkosearzt Christian Salaroli aus Bergamo schon vor einigen Tagen. Diese Patienten kommen in der Regel direkt in die Palliativ-Medizin, also in die Abteilung der Sterbenden.

18-Stunden-Schichten in Krankenhäusern

Das Personal in den Krankenhäusern, das zum Teil 18-Stunden-Schichten leistet und kaum noch einen freien Tag beziehen kann, ist an der Grenze der physischen und psychischen Belastbarkeit angelangt. Gegenüber dem «Corriere della Sera» sagte die Mailänder Pflegefachfrau Maria Cristina Settembrese:

«Die Patienten, die uns mit angstvollen Augen ansehen, brechen mir das Herz.»

Sie berichtete von einem 48-jährigen Covid-19-Patienten, der gerade intubiert und dafür in Narkose versetzt werden sollte: «Er hat mir die Hand gegeben und gesagt: Schwöre mir, dass ich wieder aufwachen werde. Ich habe zwei Kinder.» Sie habe den ganzen Tag an ihn denken müssen; ihre Schutzmaske sei nass gewesen von den Tränen.

Das Gesundheitssystem Italiens war zumindest bezüglich der Intensivmedizin schlicht nicht auf die Corona-Krise vorbereitet: Für 60 Millionen Einwohner stehen im ganzen Land nur 5200 Plätze in Intensivstationen zur Verfügung, die aufgrund ihrer Knappheit schon vor der Corona-Krise fast vollständig ausgelastet waren. In Deutschland mit seinen 80 Millionen Einwohnern sind es rund 30'000. Besorgniserregend ist die Situation vor allem im Süden Italiens: Sollten im Mezzogiorno die Fallzahlen ebenfalls massiv ansteigen – was sie derzeit zum Glück noch nicht tun – droht laut einhelliger Expertenmeinung innerhalb von kurzer Zeit eine medizinische Katastrophe.

Die Schaffung neuer Plätze in der Intensivmedizin ist ein Wettlauf gegen die Zeit: Laut einer in diesen Tagen in der britischen Wissenschaftszeitschrift «Lancet» veröffentlichten italienischen Studie wird die Zahl der Infizierten in Italien ihren Peak voraussichtlich in etwa drei bis vier Wochen erreichen; bis zu diesem Zeitpunkt seien mindestens 4000 neue Betten auf Intensivstationen erforderlich. Die Regierung von Giuseppe Conte hat zwar schon vor einer Woche Kredite für die Neueinstellung von 20'000 Personen im Gesundheitsbereich gesprochen, und in Kürze soll ein weiterer Kredit für die Beschaffung von 5000 zusätzlichen Beatmungsgeräten bewilligt werden. Doch die bange Frage lautet: Können die 4000 benötigten Plätze rechtzeitig zur Verfügung gestellt werden? Und vorallem: Werden sie ausreichen?

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Stefan Brändle, Christoph Reichmuth, Samuel Schumacher, Dominik Straub