NORDKOREA: «Kim will die Generäle beeindrucken»

Die Lage sei äusserst heikel, sagt Experte Rüdiger Frank. Doch eigentlich wolle der neue Machthaber Kim Jong Un innenpolitische Reformen durchsetzen.

Interview Christoph Reichmuth
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Die US-Marine hat eine schwimmende Radarstation vor die Küste Koreas verlegt. Damit sollen allfällige Raketenstarts frühzeitig erkannt werden. (Bild: Keystone)

Die US-Marine hat eine schwimmende Radarstation vor die Küste Koreas verlegt. Damit sollen allfällige Raketenstarts frühzeitig erkannt werden. (Bild: Keystone)

* Professor Rüdiger Frank (44), geboren in Leipzig, ist Vorstand des Instituts für Ostasienwissenschaften an der Universität Wien.

Rüdiger Frank, Nordkorea droht Südkorea offen mit einem atomaren Erstschlag. Ist das blosses Säbelrasseln, oder ist die Lage wirklich bedrohlich?

Rüdiger Frank*: Die letzten Wochen mit vielen Worten, aber zum Glück ohne Taten legen nahe, dass es sich «nur» um Rhetorik handelt. Leider ist diese nicht neu. Schon vor drei Jahren sorgte die Versenkung eines südkoreanischen Kriegsschiffes für eine angespannte Lage.

Ist die Situation vergleichbar mit damals?

Frank: Die Lage heute ist deutlich problematischer, da Südkorea jetzt zum Gegenschlag bereit ist, im Norden ein neuer Führer regiert, der seine Macht noch konsolidieren muss, und sich das Atomprogramm Nordkoreas weiterentwickelt hat. Auch die USA haben ihre Doktrin geändert und sind jetzt auch im Falle einer sogenannten Provokation zum Eingriff bereit.

Wie real ist die Gefahr, dass es zu einem Krieg kommen wird?

Frank: Wenn sich zwei hochgerüstete Militärs gegenüberstehen, ist das Risiko immer sehr hoch. Hier sollte man auf keinen Fall verharmlosen. Allerdings sehe ich den Ausbruch eines Konfliktes, wenn überhaupt, eher als eine Folge unglücklicher Umstände und nicht als geplante Aktion.

Wäre Nordkorea militärisch überhaupt in der Lage, einen solchen Konflikt zu bewältigen, oder würde ein Krieg das Ende des Regimes in Pjöngjang einläuten?

Frank: Nordkorea hat kein Interesse an einem Krieg. Die Führung erklärt lediglich, dass sie ihm nicht ausweichen wird – suchen wird sie ihn nicht, da er in der Tat mit grosser Wahrscheinlichkeit mit der Auslöschung des Regimes enden würde.

Wie verheerend wäre ein Krieg mit der Atommacht Nordkorea?

Frank: Ein Krieg würde sich auf das Verhältnis USA–China und damit auf die Welt und ihre Wirtschaft auswirken, unendliches Leid über Korea bringen und zu einer Reihe unerfreulicher Reaktionen führen. So etwa die Aufrüstung Japans. Zudem würde ein Krieg zu weiteren Atomwaffenprogrammen in anderen Ländern führen.

Was wissen Sie über das Waffen-arsenal Nordkoreas? Wie viele Atomwaffen besitzt das Regime?

Frank: Darüber habe ich keine Informationen, und spekulieren möchte ich nicht.

Kim Jong Un will sein Land als Atomstreitmacht weiter festigen, zugleich kündigt er an, die Wirtschaft mit Reformen anzukurbeln. Das steht doch in einem Widerspruch: Die atomare Aufrüstung führt zu einer noch stärkeren Isolation Nordkoreas, was die Wirtschaft kaum stimulieren wird.

Frank: Im Gegenteil, der Zusammenhang ist sehr deutlich. Die Japaner haben das im 19. Jahrhundert «Fukoku Kyohei» ge- nannt – reiches Land, starke Armee. In Korea wurde der Begriff sofort übernommen. Heute spricht man in Nordkorea von «Kangsong Taeguk» – reiche und starke Grossmacht. Auch Reformen wird Kim Jong Un eher aus einer Position der innen- und aussenpolitischen Stärke heraus initiieren.

Wie würden Sie denn die Kriegsdrohungen deuten, wenn Kim Jong Un das Land eigentlich stärken möchte?

Frank: Es ist vermutlich der Versuch Kim Jong Uns, die militärische Führung und die Generäle zu beeindrucken und die Generäle geschlossen hinter sich zu bringen. Gelingt ihm das, kann er später wirtschaftliche Reformen tatsächlich durchsetzen.

Wie fest sitzt der erst zirka 30-jährige Kim Jong Un im Sattel? Gibt es innerhalb der Armee Bestrebungen, den jungen Machthaber wegzuputschen?

Frank: Das Militär ist keine eigenständige politische Kraft. Aber es gibt Teile der Elite, die miteinander nicht zurechtkommen. Diese Kämpfe können sich auch auf den obersten Führer auswirken. Zu Kim Jong Un gilt es festzuhalten: Er ist neu, er ist jung, und er hatte nur wenig Zeit, um Loyalitäten aufzubauen. Doch er hat im letzten Jahr erhebliche Fortschritte gemacht.

Welche Fortschritte?

Frank: Mein Eindruck war, dass sich im Land nach dem Tod von Kim Jong Il eine grosse Hoffnung und Aufbruchstimmung breitgemacht hat. Kim Jong Un ist vielfach und persönlich in Erscheinung getreten, auch wenn er natürlich nicht alleine regieren kann.

Dennoch: Die Armut im Land ist gross. Wird sich das Volk erheben?

Frank: Davon ist nicht auszugehen. Laut World Food Programme war 2012 ein sehr erfolgreiches Jahr, die Ernte lag nur 0,2 Millionen unter den benötigten 5,1 Millionen Tonnen Getreide. Im Dezember 2012 betrug die tägliche Nahrungsmittelration 400 Gramm, auch das seit langer Zeit ein Höchstwert. Ob sich das Niveau wird halten oder gar steigern lassen, ist abzuwarten. Grundsätzlich führt an effizienzsteigernden Reformen aber kein Weg vorbei.

Die Schweiz hat Militärbeobachter an der Grenze zwischen Nord- und Südkorea: Ist ihre Lage gefährlich? Bringt dieser Einsatz überhaupt etwas?

Frank: Der Einsatz ist wichtig, auch um zu zeigen, dass sich Europa interessiert und engagiert. Die Schweiz spielt hier eine Rolle, für die ihr grosse Anerkennung gebührt. Die EU hält sich bedauerlicherweise sehr zurück.