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NORWEGEN: Das Leiden nach dem Terror auf Utoya bleibt ein Leben lang

Vor fünf Jahren erschoss Anders Breivik 69 Menschen. Überlebende, Hinterbliebene und Helfer von damals leiden bis heute.
Diese beschauliche kleine Insel wurde Schauplatz des schlimmsten Terrorakts, den Norwegen je erlebt hat. (Bild: VEGARD GROETT (EPA))

Diese beschauliche kleine Insel wurde Schauplatz des schlimmsten Terrorakts, den Norwegen je erlebt hat. (Bild: VEGARD GROETT (EPA))

Bang. Bang. Bang. Alle zwei Sekunden. Jorn Overby kann sich noch an jede einzelne Minute des Abends vom 22. Juli 2011 erinnern. Angefangen damit, dass er am Ufer des Tyrifjord steht und die Schüsse hört. Und die vielen Köpfe im Wasser sieht. Jugendliche, die in Todesangst von einer Insel im Fjord wegschwimmen. Da weiss Overby noch nicht, dass um kurz nach 17 Uhr der Terror auf Utoya eingekehrt ist – dem friedlichen Stück Erde, auf dem über 500 Menschen das Sommerlager der Arbeiterpartei-­Jugend AUF besuchen. Dass Breivik hier eiskalt 69 Jugendliche und ihre Betreuer töten wird, viele aus nächster Nähe.

Zuvor hat der 32-Jährige eine Bombe im Osloer Regierungsviertel gezündet. Jetzt macht er mit einem Massaker weiter, das später als schlimmster Terrorangriff Norwegens in die Geschichte eingehen wird. Dafür wird Breivik zur höchsten Strafe verurteilt werden, die es im Land gibt, zu 21 Jahren Haft mit Sicherheitsverwahrung.

Rettung mit dem Boot

600 Meter trennen das Festland von der Insel. Overby springt in sein Boot, schmeisst den Motor an und rast Utoya entgegen. Während der Regen unerbittlich auf die Wasseroberfläche einprasselt, zieht der Norweger einen zappelnden Körper nach dem anderen aus dem kalten Fjord. «Da waren so viele Kinder im Wasser. Ich hole drei, vier heraus und bringe sie an Land, dann fahre ich wieder raus», erzählt der 50-Jährige. «Ich werfe alle meine Schwimmwesten ins Wasser, weil überall Leute sind.»

Etwa um dieselbe Zeit bekommt Mani Hussaini, heutiger Chef der AUF, eine SMS. «Bitte ruf uns nicht an, sie schiessen auf uns.» Die Gerüchte über Schüsse auf Utoya hat der damals 23-Jährige kurz davor noch für einen Witz gehalten. «Das ist doch der sicherste Ort überhaupt!», geht ihm durch den Kopf. Sorgen macht er sich trotzdem. «Ich glaube, ich habe um die 60 Leute angerufen.» Keiner antwortet. Seine Freunde kauern unter Felsvorsprüngen und stehen dicht gedrängt in den wenigen Hütten auf der Insel. Sie stellen sich tot oder springen ins Wasser, um von dem Ort wegzukommen, der kurz zuvor noch ihr Ferienparadies gewesen war.

Als Offizieller verkleidet

Der 15-jährige Sindre Lyso rennt, so schnell ihn seine Beine tragen. Mit einem Mädchen, das er nicht kennt, sucht er zwischen ein paar Büschen Schutz. Es gibt nicht viele gute Verstecke auf Utoya. «Wir hatten Angst, aber wir wussten nicht, wovor wir uns verstecken», erzählt der Junge. Als die Polizei endlich auf der Insel eintrifft und Breivik gefasst ist, trauen sich die Jugendlichen langsam aus ihren Verstecken. Sie haben Angst vor den Beamten, weil der Attentäter sich als solcher verkleidet hatte.

Overby hilft den Polizisten, zwischen den Leichen nach Überlebenden zu suchen. Sieht junge Leute, denen Breivik aus nächster Nähe in den Kopf geschossen hat. Ein dunkelhaariges Mädchen in Mickey-Mouse-Höschen, das mit dem Kopf nach unten im Wasser treibt. «Die Erinnerungen kommen immer wieder zurück. Jeden Tag», sagt er heute, fünf Jahre später. Von seinem Haus, das auf einer Anhöhe liegt, blickt er auf die Insel, die jetzt wieder so friedlich daliegt. «Es ist sehr schwer, hinüberzusehen», sagt Overby. Beim Anblick des kleinen Lichts, das am Inselufer leuchtet, läuft ihm eine Gänsehaut über den Rücken. «Es hat geregnet, es war neblig und windig, aber dieses Licht hat auf die toten Körper am Hafen geschienen.»

Rund 30 Jugendliche hat Overby gerettet, die meisten, bevor die Polizei eingriff. Kurz nach ihm fuhren andere mit Booten raus, Feriengäste vom Campingplatz, Bewohner von Utstranda. Seine Nachbarin Maria Holtane-Berge zog schwer verletzte Jugendliche aus dem Wasser, verband ihre Wunden. «Das Erste, was wir gesehen haben, war, wie neun Leute den Strand runtergerannt kamen, plötzlich stehen blieben und umfielen», erinnert sie sich.

Nach diesem Ereignis lag Norwegen in einer Schockstarre. «Wir haben unsere Unschuld verloren», sagt AUF-Chef Hussaini. Doch die kleine Nation schliesst sich auch zusammen gegen den Terror. Ministerpräsident Jens Stoltenberg hält eine kämpferische Rede, die seine Landsleute bewegt. «Unsere Antwort wird mehr Demokratie sein, mehr Offenheit und mehr Menschlichkeit. Aber nie Naivität», sagt er. In dem Regierungsgebäude, vor dem die Bombe hochgegangen war, befand sich sein Büro. Die Anschläge galten der von Breivik verachteten «Multikulti-Gesellschaft», der Sozialdemokratie, ihm.

«In den ersten Tagen wussten wir nicht, was mit unseren engsten Freunden passiert war. Waren sie am Leben?», erinnert sich Sindre Lyso, der heute 20 Jahre alt ist. «Wir haben einfach gewartet, gehofft, dass sie sich irgendwo verstecken», sagt Hussaini. Die Listen mit Opfern, die nach und nach veröffentlicht wurden, löschten diese Hoffnung aus. Sie hatten Freunde verloren, Eltern ihre Kinder, Kinder ihre Eltern, auf Utoya und in Oslo, wo acht Menschen starben.

Paradies zurückerobern

Am heutigen fünften Jahrestag kommen Überlebende und Angehörige wieder an den Orten der Anschläge zusammen. Manche kommen heute mit dem Erlebten irgendwie zurecht, wie Lyso. Aber: «Viele gehen immer noch nicht wieder in die Schule oder zur Arbeit», sagt Hussaini. «Es hat mich und alle anderen, die da waren, für den Rest unseres Lebens verändert», sagt Lyso. «Manche wachen jeden Tag auf und sehen ihre Narben.» Trotzdem will die Jugendorganisation AUF nicht, dass der 22. Juli der letzte Tag in ihrem Paradies war. Sie wollen es zurückerobern, erklären sie gleich nach den Anschlägen.

2015 findet erstmals wieder ein Sommerlager auf Utoya statt. Die Hälfte der Teilnehmer von damals ist wieder dabei. «Die beste Art, uns an Extremisten zu rächen, ist, weiter für die Werte zu arbeiten, für die unsere moderne Gesellschaft steht», sagt Hussaini. Nicht alle finden es passend, dass die Insel wieder zum Zeltplatz wird. Die ausgelassene Stimmung im Sommer reisst bei manchen Überlebenden und Angehörigen kaum verheilte Wunden auf. Sie haben auch Angst, dass die Ereignisse von damals bei all der Heiterkeit in Vergessenheit geraten.

Umstrittene Gedenkstätte

Ein Denkmal auf der Insel erinnert an die Opfer. Auf der Landseite gegenüber soll noch eins entstehen. Auf einer vorgelagerten Landzunge soll ein Schnitt in den Fels getrieben werden, an dessen Kante die Namen der Toten eingraviert werden. Er soll die Wunde symbolisieren, die Breivik den Norwegern zugefügt hat. Doch die Anwohner kämpfen verzweifelt gegen die Pläne der Regierung. Nur mit einer Klage können sie den Bau der Gedenkstätte noch verhindern. «Zu brutal», findet Holtane-Berge, die den Protest der Menschen in Utstranda anführt. «Wir werden nie vergessen, was passiert ist», sagt ihr Mann Dag-Kjetil. Das Denkmal sei nur für Touristen da.

Sigrid Harms und Julia Wäschenbach, dpa

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