Notmassnahme
Xi Jinping ruft zur Paarungszeit: Chinesen dürfen neu 3 Kinder haben

Peking lockert aus wirtschaftlichen Gründen die Familienbegrenzung. Die Ein-Kind-Politik hat enorme Problem hervorgebracht – vor allem für Frauen.

Fabian Kretschmer, Peking
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20 Millionen Kinder kamen in China im vergangenen Jahr zur Welt: Viel zu wenige, um den wirtschaftlichen Aufschwung des Landes in die Zukunft tragen zu können.

20 Millionen Kinder kamen in China im vergangenen Jahr zur Welt: Viel zu wenige, um den wirtschaftlichen Aufschwung des Landes in die Zukunft tragen zu können.

Bild: Pixabay

Als Ausländer wird man in China nicht selten gefragt:

«Und, wie viele Kinder sind in eurem Land erlaubt?»

Die Vorstellung, dass die Regierung eigenmächtig über die Familienplanung ihrer Bürger bestimmen darf, hat sich bereits tief in das Bewusstsein vieler Chinesen eingebrannt.

Am Montag nun hat Pekings Staatsführung ihre Geburtenpolitik weiter gelockert. Nachdem die 1980 eingeführte Ein-Kind-Politik bereits im Oktober 2015 abgeschafft wurde, ist mittlerweile auch die Zwei-Kind-Politik nichtig. Fortan dürfen chinesische Familien drei Kinder grossziehen. Der Entschluss wurde bei einem Treffen des Politbüros unter Führung von Staatschef Xi Jinping getroffen, «um aktiv auf die Alterung der Bevölkerung zu reagieren» und «die Bevölkerungsstruktur zu verbessern», wie die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua verkündet.

2015 wurde die 1980 eingeführte Ein-Kind-Politik aufgehoben.

2015 wurde die 1980 eingeführte Ein-Kind-Politik aufgehoben.

EPA

Denn das bevölkerungsreichste Land der Welt leidet unter einer demografischen Krise, die schon bald zur grössten Bedrohung für den wirtschaftlichen Aufschwung des Landes werden könnte. Nur 12 Millionen Kinder wurden im letzten Jahr im Reich der Mitte geboren, fast 20 Prozent weniger als im Jahr davor und sie wenige wie zuletzt während der Hungersnöte vor 60 Jahren. Alle statistischen Indikatoren deuten darauf hin, dass die chinesische Bevölkerung von 1,4 Milliarden möglicherweise bereits in diesem Jahr bereits zu schrumpfen beginnt.

China hinkt Spanien noch immer hinterher

Global gesehen wäre dies angesichts eines übervölkerten Planeten durchaus eine begrüssenswerte Entwicklung – nicht zuletzt aufgrund der sich verschärfenden Klimakrise. Doch für die jeweilige Volkswirtschaft bedeutet Überalterung immer auch ökonomische Stagnation: Die Produktivität flacht ab, während die Kosten für die Sozialkassen steigen. Wenn zudem der demografische Wandel zu früh in der Entwicklung einsetzt, rückt breiter Wohlstand für die Bevölkerung in unerreichbarer Ferne.

China ist zwar mittlerweile die zweitgrößte Volkswirtschaft hinter den USA, hat jedoch seine Vision von einer «moderat wohlhabenden Gesellschaft» noch lange nicht erreicht: Allein um das Niveau von Spanien zu erreichen, muss sich das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf um mehr als zweieinhalb Mal steigern. Vor genau einem Jahr mahnte Premier Li Keqiang in einer viel beachteten Rede an, dass nach wie vor 600 Millionen Chinesen mit weniger als 1'000 Yuan pro Monat zurecht kämen müssen – umgerechnet etwa 150 Franken.

Dass nun im Zeichen des Wirtschaftswachstums die Geburtenpolitik gelockert wird, ist deshalb wenig überraschend. Denn bereits vor der offiziellen Bekanntgabe haben viele Lokalregierung ein drittes Kind stillschweigend geduldet. Doch die von oben verordnete Lockerung allein wird das Problem nicht lösen können: Die Ein-Kind-Familie ist nämlich längst aufgrund der immensen Kosten für Wohnung und Bildung längst zur Norm geworden.

Die Folge der Ein-Kind-Politik: zu viele Männer

Wichtiger als die reine Anzahl an erlaubten Kindern sind daher die «unterstützenden Massnahmen», die mit der neuen Politik einhergehen: Man wolle die Bildungskosten für Familien senken, den Mutterschaftsschutz ausbauen, die Wohnpolitik verbessern und das Pensionsalter graduell anheben.

Wer soll für die Alten zahlen? Auch China stellt sich diese Frage.

Wer soll für die Alten zahlen? Auch China stellt sich diese Frage.

AP

Es ist zudem eine historisch verpasste Chance, dass Pekings Zensurapparat nach wie vor eine öffentliche Aufarbeitung seiner Ein-Kind-Politik unterdrückt. Das 1980 eingeführte Gesetz gilt als eines der tragischsten Kapitel in der Geschichte des Landes und hat unendliches Leid in viele Familien gebracht. Wer sich unter älteren Chinesen umhört, bekommt nicht selten horrende Anekdoten von Zwangssterilisierungen und -abtreibungen zu hören. Vor allem aber hat die Ein-Kind-Politik zu einem Männerüberschuss von mindestens 30 Millionen geführt.

Auch mit der jetzigen Drei-Kind-Politik wird sich zunächst einmal wenig ändern. Die Nachrichtenagnetur Xinhua hat auf ihrem Weibo-Account am Montag eine Umfrage gepostet, die von den Usern wissen wollte, wie viel Kinder sie sich wünschen. Fast 90 Prozent von ihnen gaben an, dass «drei Kinder gar nicht in Frage» kämen. Nur wenige Minuten später wurde die Umfrage wieder gelöscht.