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Notwehr oder Selbstjustiz?

Der Fall bewegt Frankreich seit Jahren: Ein Schmuckhändler wurde in Nizza brutal überfallen und erschoss einen Täter. Vor Gericht plädiert er jetzt auf Notwehr. Dafür erhielt er millionenfache Unterstützung via Internet.
Stefan Brändle, Paris
Bereits 2013 gab es Demonstrationen für den Schmuckhändler Stephan Turk. Sogar der damalige Bürgermeister von Nizza, Christian Estrosi (links) nahm daran teil. (Lionel Cironneau/AP)

Bereits 2013 gab es Demonstrationen für den Schmuckhändler Stephan Turk. Sogar der damalige Bürgermeister von Nizza, Christian Estrosi (links) nahm daran teil. (Lionel Cironneau/AP)

Stephan Turk, ein libanesischer Einwanderer, hatte am Morgen des 11. September 2013 gerade das Schutzgitter seines Schmuckladens hochgezogen und den Alarm ausgeschaltet, als ihn zwei Einbrecher überfielen. Sie trugen Motorradhelme und traktierten den alten, zu Boden fallenden Mann so lange mit Schlägen und Fusstritten, bis dieser den Safe öffnete. Darauf stopften sie die Beute aus Bargeld, Schmuck und Gold im Wert von 124 000 Euro in eine Tasche und machten sich auf einem Scooter davon. Doch inzwischen hatte Turk hinter dem Safe eine Pistole hervorgeholt. Dreimal schoss er den Fliehenden nach. Einer der Täter fiel von einem Rückenschuss tödlich getroffen vom Motorrad. Der zweite Täter verschwand mit der Beute, die bis heute nicht gefunden ist.

Am Montag hat in Nizza der ungemein medialisierte Prozess gegen Stephan Turk begonnen. Der mittlerweile 72-jährige Grossvater erschien wie immer - anständig, kleinbürgerlich und tadellos gekleidet. Seit bald fünf Jahren kennen die Franzosen sein Gesicht. Solange debattiert die Nation schon über Turks Reaktion auf den Raubüberfall: War sie richtig oder falsch, verständlich oder unverhältnismässig, rechtlich oder moralisch zulässig?

Solidärität hüben und drüben

Auf einer Internetseite erhielt Turk über 1,5 Millionen "Likes", die seine Reaktion gutheissen. Die schweigende Mehrheit oder zumindest Volksseele tat damit kund, dass Turk zuerst einmal ein Opfer gewesen sei und dass man doch das Recht haben müsse, sich gegen einen Raubüberfall zu wehren. Ein Solidaritätsmarsch für den seit zehn Jahren eingebürgerten Franzosen vereinigte in Nizza hunderte von Personen, darunter Schmuckhändler, die schon vier- oder fünfmal überfallen worden waren. Der teilnehmende Bürgermeister Christian Estrosi nannte Turks Verhalten "legitim". Aus der Ferne warf die Front National-Präsidentin Marine Le Pen der Justiz "Laschheit" vor.

Die Staatsanwaltschaft stuft Turks Verhalten als "vorsätzliche Tötung" ein und hält Notwehr anders als sein Anwalt für nicht gegeben, da die davonfahrenden Einbrecher für Turk keine Bedrohung mehr darstellten. Und Selbstjustiz ist in Frankreich wie überall – selbst in den USA – verboten, wie die im Gerichtssaal anwesende Familie des Erschossenen durch ihren Anwalt anmerken liess.

Emotionen vor Gericht

Das Schwurgericht versucht sich in der aufgeheizten Atmosphäre an die Fakten zu halten. Am Montag spielte es mehrfach einen kurzen Videoausschnitt aus der Überwachungskamera des Schmuckladens ab. Man sieht darauf, wie Turk im Ladeninnern mit einer Pistole niederkniet und zielt; es vergehen gut zwei Sekunden, dann schiesst er dreimal in kurzer Folge.

Im ersten Verhör fragte der Gerichtspräsident, warum Turk nicht die Polizei gerufen habe. Antwort des "Bijoutiers aus Nizza", wie ihn die Medien nur nennen: "Beim letzten Einbruch ein Jahr zuvor war die Polizei nicht gekommen." Warum er scharf geschossen habe? "Ich habe auf das Motorrad gezielt." Warum drei Schüsse? "Weil sich der Zweite auf dem Rad umdrehte und mich mit einer Waffen bedrohte." Wie dann der tödliche Schuss in den Rücken erklärbar sei? Jetzt verlor Turk erstmals die Contenance: "Ich bin es, der tot ist!", schrie er. "Ich bin seither mehr tot als lebendig!"

Der Gefühlsausbruch wurde vom Anwalt der Gegenseite mit der lapidaren Bemerkung quittiert: "Wir hingegen, wir haben einen richtigen Toten." Der Erschossene war 19 Jahre alt und hiess Anthony Asli. Er hatte schon über ein Dutzend Diebstähle begangen und mehr als zwei Jahre in Haft – und die übrige Zeit seines kurzen Lebens teils in Heimen - verbracht. Ein typischer Sozialfall aus der Banlieue. Der zweite Einbrecher, ein Boxer aus Nizzas Vorort Carros, war für den Überfall im Januar zu zehn Jahren Haft verurteilt worden. Bei Schmuckhändler Turk haben die Geschworenen eine breite Wahl von Freispruch bis zu dreissig Jahre Haft.

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