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Deutschland erinnert sich an die Schrecken der Novemberpogrome

Die Novemberpogrome vor 80 Jahren waren der Auftakt zum Massenmord an den europäischen Juden. Ressentiments gegen Juden nehmen zwar ab – doch der Hass äussert sich heute wieder aggressiver, sagt die Forschung.
Christoph Reichmuth, Berlin
Bei einer Mahn- und Gedenkstunde an der Stelle der ehemaligen Synagoge wird der Pogromnacht von 1938 gedacht. Bild: Bernd Wüstneck/Keystone (Mecklenburg-Vorpommern, 8. November 2018)

Bei einer Mahn- und Gedenkstunde an der Stelle der ehemaligen Synagoge wird der Pogromnacht von 1938 gedacht. Bild: Bernd Wüstneck/Keystone (Mecklenburg-Vorpommern, 8. November 2018)

Alon Meyer ist heute Gast bei einer Gedenkveranstaltung in einer Berliner Synagoge, auch Bundeskanzlerin Angela Merkel wird dort sein. Deutschland gedenkt der Novemberpogrome vor 80 Jahren. Jüdische Geschäfte wurden damals geplündert, Synagogen im ganzen Land in Brand gesteckt, Juden ermordet oder in den Suizid getrieben.

Die Novemberpogrome bildeten den Auftakt zum späteren systematischen und industriellen Massenmord an den europäischen Juden, dem bis Kriegsende etwa 6 Millionen Menschen zum Opfer fielen. Alon Meyer, 44, ­Familienvater aus Frankfurt und Präsident des jüdischen Sportvereins Makkabi, sagt: «Es ist nicht fünf vor zwölf, es ist eine Minute vor zwölf.»

80 Jahre nach dem Auftakt zu diesem unvorstellbaren Verbrechen fühlen sich viele Juden in Deutschland wieder nicht mehr sicher. In Chemnitz greifen Rechtsextremisten ein jüdisches Restaurant an, arabischstämmige Demonstranten verbrennen bei Kundgebungen Israel-Flaggen, in Schulen gilt «Jude» als Schimpfwort, ein junger Mann mit Kippa wird mitten in Berlin auf offener Strasse angegriffen. Auch Alon Meyer spürt – vor allem bei sportlichen Wettkämpfen – den Hass, der den Juden entgegenschlägt. Voriges Wochenende nach einem Fussballspiel der Makkabi-Junioren, die Teenager wollen nach dem Spiel Shakehands als sportliche Geste mit den Gegnern machen. «Das sind Scheissjuden, die hätte man besser vergast», schreit der Captain der Gegner und verbietet seinem Team den Händedruck, erinnert sich Meyer.

«Wir erleben immer mehr Hass, immer mehr Übergriffe, weil wir ein jüdischer Verein sind.» Beim Sport äussere sich der Judenhass vor allem durch arabisch-stämmige Gegner. «Es sind keinesfalls alle Muslime, aber ich habe das Gefühl, dass seit zwei, drei Jahren der Judenhass von Muslimen selbstbewusster geäussert wird», gibt der Makkabi-Präsident zu bedenken.

Oft rechtsextremistisch motiviert

Meyer spricht ein subjektives Gefühl an, noch gibt es kaum Erhebungen, wonach der Antisemitismus durch Zuwanderer gestiegen ist. Marcus Funck vom Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin warnt davor, das Problem an dem «importierten Antisemitismus» festzumachen. «Importierter Antisemitismus würde voraussetzen, dass es diese Form von Judenfeindlichkeit zuvor in Deutschland nicht gegeben hat.»

Den Leipziger Soziologen ­Oliver Decker erstaunt es nicht, dass sich in Deutschland lebende Juden wieder verstärkt in ihrer ­Sicherheit bedroht fühlen – obwohl der Antisemitismus bundesweit nicht angestiegen ist, wie die von Decker mitverfasste «Autoritarismus-Studie» diese Woche zutage führte. Antisemitische ­Gewalt ist in Deutschland etwa zu 90 Prozent rechtsextremistisch motiviert, die Leipziger Soziologen haben den Judenhass unter Zuwanderern allerdings nicht ­gemessen. Der Antisemitismus werde nicht zuletzt auch deshalb aggressiver und selbstbewusster nach aussen getragen, da die in Deutschland gewachsene Islamophobie Ressentiments gegen Menschen anderer Religionen ­salonfähig gemacht habe.

Während in Westdeutschland antisemitische Ansichten rückläufig sind, nehmen antisemitische Ressentiments in Ostdeutschland laut Decker leicht zu. Laut der Studie bejaht ungefähr jeder zehnte Deutsche Sätze wie «Juden haben etwas Besonderes an sich und passen nicht so recht zu uns». Solchen Aussagen stimmen nochmals 20 Prozent latent zu. «Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich antisemitische Denkmuster nach wie vor in ­gefährlicher Grössenordnung ­bewegen», so der Soziologe.

Dem Antisemitismus müsse begegnet werden, sagt Alon Meyer. Gute Bildung, Aufklärung über die Gräuel als Pflichtfächer in den Schulen. Es brauche aber auch klare Regeln für Zuwanderer, die in Deutschland leben möchten. «An die Spielregeln müssen sich alle halten.» Der 9. November sei ein Tag, an dem der schrecklichen Ereignisse erinnert werden müsse. Als deutscher Jude fühlt sich Alon Meyer doppelt in der Pflicht, dieses Gedenken hochzuhalten. «Lassen wir Antisemitismus geschehen, gefährden wir die demokratische Grundordnung unserer Gesellschaft. Dann wird es gefährlich», warnt der 44-Jährige.

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