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Nowitschok-Opfer beigesetzt

Noch ranken sich viele Geheimnisse um den rätselhaften Giftmord an einer 44-jährigen Frau. Die Sonderkommission lässt kaum Infos durchsickern – um sich angeblich selbst zu schützen.
Sebastian Borger, London
Spezialisten sammeln Proben beim Übergansheim für Obdachlose mitten in Salisbury. Bild: Matt Dunham/AP (Salisbury, 6. Juli 2018)

Spezialisten sammeln Proben beim Übergansheim für Obdachlose mitten in Salisbury. Bild: Matt Dunham/AP (Salisbury, 6. Juli 2018)

Unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen ist gestern das Nowi­tschok-Opfer von Salisbury beigesetzt worden. Allem Anschein nach war Dawn Sturgess das unbeteiligte Opfer eines mysteriösen Anschlags mit einem chemischen Kampfstoff, der eigentlich dem russischen Überläufer Sergej Skripal gegolten hatte.

Der anglikanische Pfarrer Philip Bromiley, der die Trauerfeier leitete, hatte vorab die Briten zu Sturgess’ Ehren um eine freundliche Geste gegenüber Menschen ohne festen Wohnsitz gebeten. Das Übergangsheim für Obdachlose mitten in Salisbury, in dem das Mordopfer zuletzt gelebt hatte, gilt seit vergangener Woche nicht mehr als gefährdet. Die Polizei hat dort die kriminaltechnische Untersuchung abgeschlossen und die Sperrung der Strasse aufgehoben. Hingegen geht die Untersuchung diverser anderer Orte ebenso weiter wie in Queen Elizabeth Gardens.

Teure Parfümflasche gefunden

Dort hatte Sturgess den letzten Abend vor ihrer Vergiftung mit ihrem Lebensgefährten Charlie Rowley den Sommerabend genossen. Der 44-Jährige berichtete kürzlich britischen Medien, er habe mit Sturgess demnächst in seiner vom Sozialamt zugewiesenen Wohnung im 12 Kilometer entfernten Amesbury zusammenziehen wollen. Er denke besonders an Sturgess’ Kinder und andere Verwandte. «Ich kann noch immer gar nicht glauben, was da passiert ist.»

Rowleys Schilderung zufolge hatte er in den letzten Juni-Tagen eine «teuer aussehende» Parfümflasche in einer original wirkenden Verpackung gefunden und Sturgess geschenkt. Am Morgen des 30. Juni öffnete die 45-Jährige die Flasche, sprühte sich den Inhalt auf die Innenseiten der Handgelenke und verrieb ihn. Bereits 15 Minuten später habe sie über Kopfschmerzen geklagt, berichtet Rowley: «Kurz darauf fand ich sie voll bekleidet in der Badewanne, dann rief ich den Krankenwagen.» Er selbst habe an der Flasche gerochen. Da die Sub­stanz aber nicht nach Parfüm roch und sich ölig anfühlte, habe er sie sofort abgewaschen. Rowley wurde wenige Stunden nach Sturgess ins Kreiskrankenhaus Salisbury gebracht und konnte nach einigen Wochen entlassen werden. Sturgess starb eine gute Woche nach ihrer Einlieferung.

Die schrecklichen Ereignisse von Ende Juni wirkten auf die Menschen in Salisbury wie eine Kopie eines unwirklichen Zwischenfalls Anfang März. Damals waren auf einer Parkbank mitten in Salisbury der von Grossbritannien aus russischer Haft freigekaufte Ex-Agent Sergej Skripal und seine 33-jährige Tochter Julia bewusstlos aufgefunden worden. Die Grünfläche am Fluss Avon ist nur wenige Fussminuten von Queen Elizabeth Gardens entfernt, wo sich Sturgess und ­Rowley aufhielten. Die Skripals konnten nach wochenlanger Behandlung entlassen werden; öffentliche Erklärungen zum Fall haben sie nie abgegeben.

Sicherheitslücken bei den britischen Behörden

Im Fall der Skripals war die Mordwaffe offenbar auf die Türklinke von Sergejs Haus geschmiert, wie sich den extrem spärlichen Informationen der Sonderkommission entnehmen lässt. Fachleuten zufolge liegt die restriktive Informationspolitik daran, dass der Fall gefährliche Sicherheitslücken offenbart habe, die von den britischen Behörden nicht gern öffentlich gemacht werden. So hielt der Inlandsgeheimdienst MI5 den 2010 aus russischer Haft entlassenen Ex-Angehörigen des russischen Militärdienstes GRU und Doppelagenten für den britischen MI6 offenbar für ungefährdet. Dabei hatten GRU-Spezialisten offenbar bereits seit 2013 den E-Mail-Verkehr von Julia Skripal überwacht, wie der Nationale Sicherheitsberater Mark Sedwill im April der Nato mitteilte.

London hat schon früh Moskau für den Anschlag verant­wortlich gemacht; die Vorwürfe führten zur Ausweisung von 140 russischen Diplomaten durch Grossbritannien und seine Verbündeten, danach wurde die gleiche Anzahl westlicher Diplomaten aus Russland ausgewiesen.

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