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NSU-PROZESS: Welche Schuld trägt Beate Zschäpe?

Mehr als vier Jahre dauert der Prozess gegen die mutmassliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe. Nun geht das Verfahren in die Schlussrunde. Geklärt werden muss die Frage, ob Zschäpe die Morde mitgeplant und unterstützt hat.
Christoph Reichmuth, Berlin
Hauptangeklagte im NSU-Prozess: Beate Zschäpe. (Bild: Sebastian Widmann/EPA (München, 19. Juli 2017))

Hauptangeklagte im NSU-Prozess: Beate Zschäpe. (Bild: Sebastian Widmann/EPA (München, 19. Juli 2017))

Christoph Reichmuth, Berlin

22 Stunden: So lange dauert das Schlussplädoyer der Bundesanwaltschaft im Mammutprozess gegen die 42-jährige deutsche Rechtsextremistin Beate Zschäpe. Das sind fünf volle Verhandlungstage. Gestern hätten die Ankläger mit ihrem Schlussvortrag beginnen sollen, doch wegen Anträgen der Verteidigung musste der gestrige Verhandlungstag vorzeitig abgebrochen werden. Das Plädoyer ist nun für nächste Woche angesetzt.

815 Zeugen wurden in 373 Verhandlungstagen gehört, 42 Sachverständige befragt, um die Hintergründe der rechtsextremen Terrorzelle «Nationalsozialistischer Untergrund» (NSU) aufzuarbeiten und die Rolle der Hauptangeklagten Beate Zschäpe zu beleuchten.

Verteidigung sieht Zschäpe als Mitläuferin

Die Bundesanwaltschaft ist überzeugt: Die heute 42-Jährige war nicht bloss Anhängsel der beiden Rechtsterroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos – beide nahmen sich im November 2011 das Leben –, Zschäpe hat die insgesamt zehn Morde, die Nagelbombenanschläge mit Dutzenden von Verletzten und die Raubüberfälle mitgeplant und mitkoordiniert.

Die Verteidigung zeichnet hingegen das Bild einer Frau, die nicht selbst Täterin, sondern bloss eine in die Fänge brutaler Rechtsterroristen geratene Mitläuferin war, die von den Morden und ­Anschlägen immer erst im Nachhinein erfahren haben soll. Als Zschäpe im vergangenen Herbst ihr jahrelanges Schweigen vor Gericht brach, schob sie die Schuld allein auf die beiden Uwes. «Ich verurteile, was Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos den Opfern angetan haben», sagte sie in einer Erklärung. Sie bedauere ihr «eigenes Fehlverhalten», da sie die Kraft nicht aufgebracht habe, sich aus der Abhängigkeit der beiden Uwes zu lösen.

Prozessbeobachter wie der Münchner Journalist Robert Andreasch oder Kai Mudra von der «Thüringer Allgemeinen» halten diese Darstellung für unglaubwürdig. «Für mich besteht kein Zweifel, dass sie aktiver Teil des NSU war und die Morde unterstützt hatte», sagt Andreasch. Mudra meint: «Das Trio hat fast 14 Jahre im Untergrund eng zusammengelebt. Ihre Einlassungen sind nicht glaubhaft.»

Das Bild der zurückhaltenden Mitläuferin deckt sich auch nicht mit Erzählungen und Berichten von Zeugen über Zschäpes Vergangenheit. Ehemalige Nachbarn, Weggefährten und ein Sozialarbeiter, der Zschäpe als Teen­agerin in einem Jugendclub in einer Jenaer Plattenbausiedlung kennen gelernt hatte, beschreiben die Hauptangeklagte als selbstbewusste Frau, die genau wusste, was sie wollte. «Klug, kokett und voller Selbstbewusstsein», heisst es in einem Zeitungsartikel über Beate Zschäpe.

Bereits als Jugendliche in der rechtsextremen Szene

Zschäpe schloss sich bereits als Teenagerin zu Beginn der 90er-Jahre der damals starken rechtsextremen Szene in Thüringen an. Jena wurde damals von den politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen nach der Wiedervereinigung voll getroffen, die Lehrer in der Schule lobten nun nicht mehr den Sozialismus, ­sondern Demokratie und freie Marktwirtschaft. Volkseigene Betriebe der DDR machten dicht, Menschen verloren Arbeit, etliche verliessen die Stadt in Richtung Westen.

Vielen Heranwachsenden habe es damals nicht nur an Arbeit gefehlt, sondern auch an Orientierung und bisweilen auch an Hoffnung, erinnert sich der ehemalige Sozialarbeiter Thomas Grund. In dem Jugendclub, in dem Grund damals arbeitete, traf Zschäpe auf die Rechtsextremisten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Die junge Frau, die zuvor noch eher links angehauchte Clubs besucht hatte, wurde in wenigen Monaten Teil der Thüringer Nazi-Szene, radikalisierte sich und legte auch eigene Gewaltbereitschaft an den Tag.

«Nicht nur ein Anhängsel»

Eine blosse Mitläuferin der beiden Uwes, wie es die Verteidigung Zschäpes nun darstellt, sei sie von Anfang an nie gewesen, sagt Sozialarbeiter Thomas Grund: «Sie hat sich nicht nur solidarisiert, sie hat den Männern auch gezeigt, dass sie nicht nur ein Anhängsel ist. Eine typische Frauenrolle der rechten Szene, das wollte sie nicht sein.»

Nächste Woche geht der Prozess gegen die letzte Überlebende des NSU weiter. Wann das Urteil fallen wird, ist noch unklar. Der 42-Jährigen droht eine lebenslange Freiheitsstrafe.

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