Erster Auftritt mit Kamala Harris: Nun hat Joe Biden im «Kampf um die Seele» Amerikas eine Mitstreiterin

Erstmals sind am Mittwoch der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden und seine neue Wahlkampf-Partnerin Kamala Harris gemeinsam aufgetreten – in einer High School an Bidens Wohnort in Delaware. Die beiden teilten mächtig aus, deckten sich aber auch mit Lob ein. Auf den direkten Kontakt mit den Schaulustigen verzichteten sie aber.

Renzo Ruf aus Wilmington
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Erster Auftritt als «Team»: Joe Biden (links) und Kamala Harris.

Erster Auftritt als «Team»: Joe Biden (links) und Kamala Harris.

Keystone

Vielleicht war es blosser Zufall. Aber am Mittwoch, als der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden in der Nähe seines Wohnhauses in Wilmington (Delaware) erstmals gemeinsam mit seiner neuen Wahlkampf-Partnerin Kamala Harris auftrat, war es genau drei Jahre her, seitdem Neonazis in Charlottesville (Virginia) aufmarschierten – und ein Rechtsextremer eine junge Frau tötete, in dem er sein Auto in einen Demonstrationszug steuerte.

Zufall oder nicht. Biden erinnerte in seiner kurzen Ansprache in einer Turnhalle einer High School an diesen traurigen Jahrestag. Und der 77-Jährige sagte, einmal mehr, dass er aufgrund der Ausschreitungen im historischen Universitätsstädtchen aus dem Ruhestand zurück in die politische Arena gekehrt sei – habe er doch nicht teilnahmslos zusehen können, wie sich Amerika in einem «Kampf um die Seele» des Landes befinde, in dem Präsident Donald Trump die andere Seite befehlige.

Harris: Der fleischgewordene Kontrast zu Trump

So weit, so bekannt. Dank der Anwesenheit von Harris, der 55 Jahre alten Senatorin aus Kalifornien, konnte Biden nun am Mittwoch seiner recht pessimistischen Lagebeschreibung eine neue Wendung geben. Harris, deutete er an, sei der fleischgewordene Kontrast zum aktuellen Präsidenten: Die Tochter von Einwanderern (Mutter aus Indien, Vater aus Jamaika), die es dank Intelligenz und Ehrgeiz an die Spitze geschafft habe. Er bezeichnete Harris' Karriere als eine amerikanische Geschichte («America's Story») und sagte: «Das ist es, was diese Nation von anderen abhebt.» Mit harter Arbeit und den Fähigkeiten, die von Gott gegeben worden seien, könnten «alle – und wir meinen alle» ihre Träume verwirklichen.

Harris übt scharfe Kritik an Präsident Trump

Harris wiederum übte in ihrer Rede scharfe Kritik an der Arbeit der Regierung Trump in der Corona-Krise. Solche Attacken gehören zu den traditionellen Aufgaben eines Vize; während sich der Präsidentschaftskandidat darauf konzentriert, eine positive Vision zu verbreiten, kann seine Stellvertreterin austeilen.

Harris nutze ihren ersten grossen Auftritt sei dem Ende ihrer Präsidentschaftskampagne im Dezember 2019 aber auch dazu, die positiven Qualitäten von Joe Biden hervorzustreichen. Sie erwähnte ihre lange Freundschaft mit dem ältesten Biden-Sohn, der als Justizminister von Delaware amtiert hatte, als sie in Kalifornien das gleiche Amt ausübte. (Beau Biden starb im Jahr 2015 an einer Krebserkrankung.) Dank Beau habe sie Joe kennengelernt, erzählte Harris, und mit eigenen Augen gesehen, wie wichtig ihm seine Familie sei. Und wie er sich stets darum bemüht habe, das Leben seiner Mitbürgerinnen und Mitbürger zu verbessern.

Biden, der während Harris Ansprache in ausreichend grosser Distanz auf einem Stuhl sass, zeigte sich sichtlich berührt über die Worte von Harris – die er zuvor, zusammen mit ihrem Gatten Doug, zu Ehrenmitgliedern seiner Familie ernannt hatte.

Gegen 200 Schaulustige bei der High School

Auf den direkten Kontakt mit Wählerinnen und Wähler verzichteten sowohl Biden als auch Harris. In der Turnhalle der High School waren nur Medienschaffende anwesend, und keine Zuschauerinnen und Zuschauer. Nach ihren Reden stiegen die beiden Demokraten in die wartenden Geländewagen und machten sich ins Stadtzentrum von Wilmington auf, wo sie in einem Hotel eine virtuelle Spendengala veranstalteten. (Insgesamt nahm das Biden-Lager in den ersten 24 Stunden seit der Bekanntgabe der Kandidatur von Harris stolze 26 Millionen Dollar ein.)

Bei der Alexis I. du Pont High School waren vorübergehend 200 (maskierte) Schaulustige versammelt, die sich erhofften, einen Blick auf die beiden Kandidaten der Demokraten zu werfen. Sie tauschten Anekdoten über den berühmtesten Bewohner von Wilmington aus, und versicherten einander, wie stolz sie auf Joe Biden seien. Im Gespräch sagte die Lokalpolitikerin Velda Jones-Potter, eine Afroamerikanerin, sie sei sehr zufrieden über die Wahl, die der Präsidentschaftskandidat getroffen haben. Die Tatsache, dass Biden mit einer Schwarzen ins Rennen um das Weisse Haus steige, sei für sie die Bestätigung dafür, dass in Amerika «alles möglich ist» – just die selbe Botschaft, die auch Biden und Harris verbreiteten.