Nur einmal hat Erdogan auf die Uhr geschaut: Wir waren live dabei beim ersten Freitagsgebet in der Hagia Sophia seit 1934

Hunderttausende Türken feierten die Umnutzung des 1500-jährigen Baus in ein islamisches Gotteshaus. Sogar Jesus wurde für die Feier abgedeckt.

Susanne Güsten aus Istanbul
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Erst Kirche, dann Moschee, ab 1934 Museum, seit Freitag wieder Moschee: die Hagia Sophia.

Erst Kirche, dann Moschee, ab 1934 Museum, seit Freitag wieder Moschee: die Hagia Sophia.

Bild: Getty Images

Scharenweise pilgerten die Menschen am Freitagmorgen durch die Strassen der Istanbuler Altstadt hinauf zur Hagia Sophia. Alle wollten dabei sein beim ersten Freitagsgebet in der einstigen Moschee seit 86 Jahren. Die allermeisten mussten ihre Gebetsteppiche in den umliegenden Gassen ausrollen, weil der Platz vor dem 1500-jährigen Bau schon seit dem Morgen überfüllt war.

Mehmet Fatih und seine Familie sind aus dem zentralanatolischen Konya gekommen, um dabei zu sein: Sieben Stunden lang sind sie im Auto gesessen mit den drei Kleinkindern und sitzen nun festlich gekleidet in einer Gasse unterhalb der Hagia Sophia. Das Gebet in der «Ayasofya», wie das Bauwerk auf Türkisch heisst, sei für ihn die Erfüllung eines Lebenstraums, sagt der 32-jährige Architekt. «Meine Frau hat wegen ihres Kopftuchs nicht studieren dürfen», sagt er. Zeit seines Lebens hätten er und seine Angehörigen im frommen Konya sich fremd fühlen müssen im eigenen Land: fremdbestimmt von Werten, die nicht ihre waren – wie dem Säkularismus, dessentwegen der Republikgründer Kemal Atatürk die Moschee 1934 zum Museum erklärt hatte.

Weisse Stoffbahnen verhüllen das Jesuskind

Die Menge schwillt immer weiter an, schon längst gibt es kein Durchkommen mehr. Im Gedränge müssen die Krankenschwester Ayten und ihre Freundin ihr Ziel aufgeben, vor der Hagia Sophia zu beten. Nun kämpfen sie sich durch die Menge wieder bergab, um ein ruhiges Eckchen für ihr Gebet zu suchen. Ein Freudentag sei das für sie, sagt die 39-Jährige, die zum schwarzen Sommermantel ein geblümtes Kopftuch trägt. Nun erwarte sie von der westlichen Welt, dass sie den Glauben der Türken respektiere, fordert sie – «so wie auch wir ihre Propheten respektieren».

Im Laufe des Vormittags wächst die Menge auf mehrere hunderttausend Menschen an. Der Ruf «Allahu akbar» – Gott ist gross – brandet immer wieder auf. In der Hagia Sophia beginnen in weiss gekleidete Geistliche, Koransuren zu deklamieren. Grossleinwände übertragen das Geschehen nach draussen.

Präsident Recep Tayyip Erdogan trifft etwa eine Stunde vor dem Gebet ein. Er hat sein halbes Kabinett im Gefolge: Die religiöse Feier wird als Staatsakt zelebriert. Alle tragen Gesichtsmasken und knien vor der Gebetsnische auf dem neu verlegten, blaugrünen Teppich nieder. Im hinteren Teil der Hagia Sophia sind Teppiche für die Frauen ausgelegt. Unter der mehr als 50 Meter hohen Kuppel wirkt die Gemeinde fast ein wenig verloren. Weisse Stoffbahnen verhüllen das Mosaik der Gottesmutter Maria mit dem Jesuskind, weil der Islam keine Abbildungen des Menschen duldet.

Erdogan zieht sich eine Gebetskappe an und greift zum Mikrofon – doch nicht etwa, um eine Rede zu halten: Der 66-jährige Präsident intoniert die Fatiha-Sure, das erste Kapitel des Korans.

Mit dem Schwert auf der Kanzel

Die Menschen vor der Hagia Sophia erheben die Hände zum Gebet. Ali Erbas, der höchste islamische Geistliche des Landes, tritt mit einem Schwert in der Hand auf die Kanzel und erbittet in seiner Freitagspredigt Gottes Segen für die «heilige Nation» der Türkei. Erdogan hört mit gesenktem Kopf zu. Nur einmal schaut er während der mehrstündigen Zeremonie verstohlen auf seine Armbanduhr.

Das erste Freitagsgebet in der Hagia Sophia zeigte aber auch, wie gespalten das Land ist. «Ich bin auch ein Bürger der Türkei», sagt Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk. Als Atatürk die Hagia Sophia zum Museum erklärt habe, sei das ein Zeichen gewesen, dass die Türkei säkular und Teil der europäischen Kultur sein wollte, erklärte Pamuk in einem Interview mit der Deutschen Welle. Mit der Rückumwandlung in eine Moschee sage die Türkei: «Wir respektieren den Säkularismus von Kemal Atatürk nicht mehr.» Diese Botschaft will Pamuk «und Millionen andere, die säkular eingestellt sind» nicht mittragen. «Leider werden unsere Stimmen nicht gehört.»