Interview

Obama-Berater Jeff Eggers zieht Bilanz: «Ich hoffte, Guantanamo wird geschlossen»

Der ehemalige Berater von Barack Obama, Jeff Eggers, spricht im Interview mit der «Nordwestschweiz» über das Vermächtnis des 44. Präsidenten — und über den 45., Donald Trump.

Fabian Hock
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Es war ein erklärtes Ziel von Barack Obama, das umstrittene Gefangenenlager Guantanamo zu schliessen. Doch der Kongress machte ihm einen Strich durch die Rechnung. (Archivbild)

Es war ein erklärtes Ziel von Barack Obama, das umstrittene Gefangenenlager Guantanamo zu schliessen. Doch der Kongress machte ihm einen Strich durch die Rechnung. (Archivbild)

Keystone

Auf der gefährlichsten Strasse im Irak Richtung Falludscha wären beinahe zwei seiner Soldaten bei einem Angriff ums Leben gekommen – wegen seiner Fehleinschätzung. Die Männer überlebten. Doch Jeff Eggers hat das zum Umdenken bewegt. Der ehemalige Elitesoldat der Navy Seals und Kommandant einer Sondereinheit im Irak beschäftigt sich intensiv mit Führungsstrukturen – im Militär, aber auch in der Politik und anderen gesellschaftlichen Bereichen.

Eggers kämpfte 20 Jahre lang in der wohl berühmtesten Spezialeinheit der Welt, den Seals, bevor er ins Weisse Haus wechselte. Von 2010 bis 2015 beriet er US-Präsident Barack Obama in strategischen Fragen der Aussenpolitik und der Nationalen Sicherheit. Als «Special Assistant» des Präsidenten war der heute 45-Jährige zuständig für die Region Südasien, zu der Irak wie auch Afghanistan gehören. Mit der «Nordwestschweiz» sprach Eggers am Rande des Worldwebforums in Zürich über Obamas Erfolge und Misserfolge, die Trump-Administration und die Gefahr von «Fake News».

Herr Eggers, warum braucht ein US-Präsident Berater mit Kampferfahrung?

Jeff Eggers: Für Leute, die in strategischen Angelegenheiten der Aussenpolitik und der Nationalen Sicherheit Empfehlungen abgeben, ist es wichtig, dass sie verstehen, was politische Entscheide in der Praxis bedeuten. Taktische und operative Erfahrung am anderen Ende des Spektrums ist da sehr hilfreich. Damit wir nicht nur in abstrakten Begriffen über den Einsatz von Soldaten sprechen, die Familien haben. Wir sprechen von ihnen nicht nur als «boots on the ground» (ein Ausdruck für Bodentruppen, d. Red.).

Was war aus Ihrer Sicht Obamas grösste Niederlage?

Eines der Dinge, von denen ich gehofft hatte, dass sie erreicht und abgeschlossen werden, ist die Schliessung des US-Gefängnisses in Guantanamo. Es mangelte nicht an Anstrengungen. Der Präsident hat sich diesem Ziel fest verschrieben und war engagiert, vom ersten Tag an.

Der Kongress aber nicht.

Das stimmt. Ich hätte das gern abgeschlossen gesehen. Das ist nicht unbedingt als Kritik gemeint. Es ist eher eine gewisse Enttäuschung, dass das Ziel in den beiden Amtsperioden, die der Präsident hatte, nicht erreicht wurde.

Wie fällt Ihre Bilanz zu Obamas Aussenpolitik insgesamt aus?

Das können Historiker in einigen Jahren besser beantworten. Viele Dinge werden erst mit der Zeit klarer. Allgemein lässt sich jedoch sagen, dass Präsident Obama in der Art und Weise, wie Amerika seine Konflikte im «Post-9/11-Umfeld» angeht, viel erreicht und zum Positiven gewendet hat. Das ist jedoch immer noch nicht abgeschlossen, es gibt noch «unfinished business».

Wo genau?

Der Übergang von al-Kaida im Irak zum «Islamischen Staat» ist ein Beispiel, dass dieses schwierige Umfeld auch nach Obamas Amtszeit weiter besteht. Ich bin sicher, er hätte gerne eine deutlichere Schliessung des «Post-9/11-Kapitels» gesehen. Insgesamt wird die Veränderung des aussenpolitischen Narrativs der USA unter Obama jedoch positiv bewertet.

Sie sprechen vom Rückzug der USA aus gewissen Bereichen.

Richtig. Davon, zu akzeptieren, dass amerikanische Interessen, vor allem auch Sicherheitsinteressen, mit Blick auf Konflikte im Ausland limitiert sind. Die Art und Weise, wie Amerika seine Interessen militärisch verfolgt, musste neu definiert werden. Nicht mit gross angelegten Einsätzen von Bodentruppen. Sondern mit anderen Mitteln. Etwa mit Sicherheits-Unterstützung für unsere Alliierten und Partner.

Jeff Eggers Ehemaliger «Special Assistant» von Ex-Präsident Barack Obama.

Jeff Eggers Ehemaliger «Special Assistant» von Ex-Präsident Barack Obama.

MOSHE ZUSMAN PHOTOGRAPHY STUDIO

War der Atomdeal mit Iran der grösste aussenpolitische Erfolg Obamas?

Falls er unter der Trump-Administration bestehen bleibt, was eine offene Frage ist, dann ist das ganz sicher ein grosser Durchbruch. Ein unvollkommener Durchbruch zwar. Aber so etwas wie eine perfekte Lösung gibt es in diesen komplexen Themen oft nicht. Das Beste, was man erreichen kann, ist ein bedeutsamer Durchbruch, auch wenn er nicht perfekt ist.

Die neue US-Regierung hat die Arbeit aufgenommen. Wie bewerten Sie das Verhalten von Donald Trump über die letzten Wochen und Monate hinweg?

Die Kampagne war negativ und spaltend. Das gilt jedoch nicht nur für Trump. Es gibt einen grösseren Trend zu diesem Politik-Stil. In Amerika und weltweit. Wir erleben eine Verlagerung hin zu populistischer Politik.

Das gilt auch für Europa, etwa für Frankreich und Deutschland, wo dieses Jahr gewählt wird.
Die populistischen, Anti-Globalisierungs-Trends sind nicht auf Trump limitiert – sie greifen derzeit überall um sich. Ich hoffe, dass sich diese politischen Botschaften bald wieder mässigen, dass es weniger spaltend, dafür integrativer zugeht. Wir müssen abwarten, wie es sich entwickelt.

Die Präsidentschaft von Barack Obama in Bildern:

Die Präsidentschaft von Barack Obama Oktober 2016: Obama begrüsst Superman Walker Earnest an Halloween.
32 Bilder
November 2016: Das erste persönliche Gespräch zwischen Donald Trump und Barack Obama im Oval Office dauerte viel länger als geplant.
November 2016: Der neugewählte 45. US-Präsident Donald Trump bei seinem ersten Besuch im Weissen Haus bei Barack Obama. Der erklärt, dass er alles Mögliche für einen reibungslosen Übergang tun werde.
November 2016: Michelle Obama lud ihre designierte Nachfolgerin Melania Trump zu Tee und Guetzli ins Weisse Haus in Washington ein.
Mai 2016: Obama erhält von der Universität Connecticut einen Schaukelstuhl.
März 2016: Obama besucht Kuba und kommt per TV in die guten Stube - die Kubaner mögen den US-Präsidenten.
März 2016: Ein Tänzchen mit dem mächtigsten Mann der Welt: Die argentinische Tangotänzerin Mora Godoy schmiegt sich an Barack Obamas Schulter.
September 2015: Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga beim Empfang durch Michelle und Barack Obama in New York.
August 2015: Familie Obama erholt zurück aus den Ferien auf der Nobel-Insel Martha's Vineyard.
Juli 2015: Obama besucht Kenya und die Leute flippen aus
April 2015: Präsident Barack Obama und der Osterhase
Dezember 2014: Barack Obama öffnet ein Weihnachtsgeschenk.
September 2014: Besuch des legendären Bauwerks "Stonehege" in England.
Mai 2014: Besuch bei den US-Truppen in Afghanistan. Obama hält eine Rede, zuvor trat Country-Sänger Brad Paisley auf.
März 2014: Ein Baby tastet Obamas Nase ab.
September 2013: Michelle und Barack Obama überraschen Kinder, welche eine Tour im Weissen Haus gebucht haben.
Juli 2013: Obamas in Tansania
Juni 2013: Familie Obama in der ehemaligen Zelle von Nelson Mandela in Südafrika
März 2013: Obama besucht den angeblichen Geburtsort von Jesus in Bethlehem im Westjordanland.
Februar 2013: Sind sich einig, "Bibo" und First Lady Michelle Obama.
Januar 2013: Michelle und Barack Obama beginnen die zweite Amtszeit und schwelgen im Glück.
November 2012: Die Weihnachtsgeschenke geht Obama höchstpersönlich einkaufen: Hier mit seinen beiden Töchtern.
August 2012: Obama am Staatsdinner für Kinder
September 2011: In San Diego nimmt der Präsident ein Bad in der wartenden und jubelnden Menge und zeigt sich volksnah.
Mai 2011: Obama verfolgt die Tötung von Staatsfeind Osama Bin Laden
September 2010: Obama spielt mit dem Familienhund "Bo".
März 2010: Obama unterzeichnet die Krankenversicherung Obamacare
November 2009: Obama in Burma in der Shwedagon Pagoda
April 2009: Obama hebt ein Baby in der US-Botschaft in Prag
Februar 2009: Die erste Auslandreise für Obama.
Januar 2009: Ein denkwürdiges Bild mit fünf US-Präsidenten: George Bush (1989-1993), Barack Obama (ab 2009), George W. Bush (2001-2009), Bill Clinton (1993-2001) und Jimmy Carter (1977-1981).
Januar 2009: Obamas erster Arbeitstag

Die Präsidentschaft von Barack Obama Oktober 2016: Obama begrüsst Superman Walker Earnest an Halloween.

The White House

Macht Donald Trump die Welt zu einem unsicheren Ort?

Ich möchte nicht spekulieren. Die Welt wird komplexer. Die Effekte von gewissen Entscheiden werden heute in einer Art und Weise verstärkt, die sich deutlich vom 20. Jahrhundert unterscheidet. Digitales Zeitalter heisst, dass sich die Natur von Information ändert. Auch, wie Statements des Präsidenten interpretiert und wie sie kommuniziert werden und welche Effekte sie haben. All das verändert sich. Hier müssen wir sehr vorsichtig sein.

In Sachen Information haben wir es aktuell besonders mit einem Phänomen zu tun: «Fake News». Wie denken Sie darüber?

«Fake News» sind ein spezielles Beispiel dafür, wie wir heute Informationen verarbeiten. Das Versprechen von mehr Transparenz, mehr Vernetzung, höherer Geschwindigkeit von Informationen war ursprünglich sehr hoffnungsvoll und sehr positiv. In der Theorie sollten Demokratien mit einem grösseren Informationsfluss, mit leichterem Zugang zu Informationen besser funktionieren. In der Theorie sollte das Demokratien stärken.

Im Moment erleben wir das Gegenteil.

Was wir in der Praxis sehen, ist, dass die Art, wie sich das Internet organisiert, eine Schattenseite hat. Die sozialen Medien können polarisieren, sortieren und anonymisieren. Das trägt zu der Spaltung bei, die wir gerade erfahren. Es entsteht eine Situation, in der jeder zum Journalisten werden kann – und «Fake News» zur Normalität werden. Es gibt Vorteile, aber eben auch sehr reale Nachteile. In der frühen Phase der digitalen Transformation erfahren wir die negativen Effekte, bevor wir das positive Potenzial erleben.