USA
Obama: «Die längsten 40 Minuten meines Lebens»

«Ich war erleichtert und extrem stolz auf mein Team», sagt Barack Obama. Im CBS-Interview spricht der US-Präsident über die riskante und erfolgreiche Militäraktion gegen Osama Bin Laden.

Drucken
Teilen
US-Präsident Barack Obama im Exklusiv-Interview mit «60 Minutes»-Moderator Steve Kroft von CBS. key

US-Präsident Barack Obama im Exklusiv-Interview mit «60 Minutes»-Moderator Steve Kroft von CBS. key

CBS: Mr. President, war das die beste Woche Ihrer Präsidentschaft?

Barack Obama: Nun ja, es war sicherlich eine der zufriedenstellendsten Wochen nicht nur für mich, sondern auch für die USA, seit ich im Amt bin. Bin Laden war nicht nur
ein Symbol für Terrorismus, sondern auch ein Massenmörder, der sich der Justiz so lange entzogen hat.

War der Befehl zur Attacke Ihr schwierigster Entscheid als militärischer Oberbefehlshaber?

Immer wenn ich junge Frauen und Männer in den Krieg schicke, ist das eine harte Entscheidung. Es war eine sehr schwierige Entscheidung, weil wir keine absolut schlüssigen Beweise hatten, dass Bin Laden sich dort aufhielt, sondern nur Indizien dafür.

Wie reagierten Sie, als die CIA Ihnen im August 2010 den möglichen Aufenthaltsort Bin Ladens mitteilte?

Es schaute erfolgversprechend aus. Ich hatte bereits als Präsidentschaftskandidat klargemacht, dass es für die USA aus strategischen Gründen zwingend erforderlich sei, Bin Laden zu jagen. Kurz nach Amtsantritt habe ich CIA-Direktor Leon Panetta zu einem Gespräch unter vier Augen ins Oval Office eingeladen und ihm gesagt: «Wir müssen unsere Bemühungen, Bin Laden zu finden, verdoppeln. Ich möchte, dass mehr Ressourcen, mehr Fokus und mehr Dringlichkeit in diese Mission gesteckt werden.» Die CIA hat dann einen unglaublichen Job geleistet und in eineinhalb Jahren Bin Ladens Versteck gefunden. Im August zeigten mir CIA-Agenten Bilder des Verstecks und betonten, das sei der beste Beweis für Bin Ladens Aufenthaltsort seit Tora Bora im Dezember 2001. Ich forderte die CIA auf, einen besseren Nachweis für Bin Ladens Präsenz im Haus zu finden, und liess gleichzeitig die CIA und das Militär in beispielloser Kooperation einen Aktionsplan ausarbeiten.

Wie aktiv waren Sie selbst in die Planung der Militäraktion involviert?

Unsere Sondereinsatzkräfte sind die Besten der Besten. Ich war deshalb anfangs nicht involviert in die Planung. Aber es gab mehrere Sitzungen im Situation Room im Weissen Haus, wo der Plan im Detail vorgestellt wurde. Dabei diskutierten wir über verschiedene Optionen, wie die Operation ablaufen könnte. Dazu hatten wir auch ein Modell von Bin Ladens Haus anfertigen lassen.

Wie lange lebte Bin Laden in dem Haus in Abbottabad?

Wir wissen, dass er seit mindestens fünf Jahren dort lebte.

Was war der schwierigste Teil der Entscheidung zur Operation?

Am schwierigsten ist immer die Tatsache, dass Amerikaner in Gefahr gebracht werden. Viele Dinge hätten schiefgehen können. Die Aktion erfolgte in dunkelster Nacht. Die Soldaten wussten nicht, was sie antreffen würden. Sie wussten nicht, ob das Gebäude mit Sprengfallen versehen war. Sie mussten damit rechnen, dass beim Öffnen von Türen Bomben hochgehen würden. Sie gingen extrem grosse Risiken ein. Ebenfalls problematisch war, dass wir nur zu 55:45 Prozent sicher sein konnten, dass sich Bin Laden tatsächlich dort aufhielt. Wäre er es nicht gewesen, hätte das erhebliche Konsequenzen gehabt. Immerhin drangen wir ins souveräne Territorium eines anderen Landes ein, landeten mit Helikoptern und führten eine Militäroperation durch. Falls es sich herausgestellt hätte, dass ein Prinz aus Dubai in dem Haus gewohnt hätte, und wir wären mit Spezialeinheiten eingedrungen – das hätte Riesenprobleme gegeben. Es gab also auch geopolitische Risiken meiner Entscheidung.

Trotzdem beschlossen Sie, dass die Vorteile überwogen ...

Es war den Versuch wert. Denn wir haben seit 2001 enorm viel Blut und Geld eingesetzt im Kampf gegen die Kaida. Ich dachte an all die jungen Männer, die ich getroffen hatte, die immer noch in Afghanistan kämpfen. Und an die Familien von Terroropfern, mit denen ich sprach. Ich sagte also zu mir: Wenn wir eine gute Chance haben, die Kaida entscheidend zu schwächen, dann ist das sowohl die politischen Risiken als auch die Risiken für unsere Soldaten wert.

Haben Sie mit Ihrer Frau Michelle darüber gesprochen?

Nein, ich habe mit meiner Familie nicht darüber gesprochen. Nur ganz wenige Menschen im Weissen Haus wussten davon. Die meisten meiner Berater wussten nichts davon.

Gab es vorab Informationen an die pakistanische Regierung?

Wenn ich es meinen engsten Beratern nicht sage, werde ich sicher nichts davon Menschen verraten, die ich nicht kenne.

Wusste Pakistan Bescheid über Bin Ladens Aufenthaltsort?

Wir glauben, dass es in Pakistan eine Art Unterstützungsnetzwerk für Bin Laden gab.

Wie war die Stimmung im Situation Room während der Aktion?

Angespannt. Ich war nervös. Wir verfolgten die Situation in Realzeit, aber wir hatten keine Informationen darüber, was im Haus geschah. Lange Zeit mussten wir einfach warten. Es waren die längsten 40 Minuten meines Lebens, abgesehen vielleicht von dem Moment, als meine Tochter Sasha mit drei Monaten eine Hirnhautentzündung hatte und ich warten musste, bis mir der Arzt sagte, es gehe ihr gut.

Hörten Sie Schüsse?

Wir sahen Blitze von Gewehrfeuer und Explosionen. Wir wussten, dass ein Heli nicht nach Plan landete. Das machte uns noch angespannter.

Wurden auch Wände gesprengt?

Ja, wir haben Wände weggesprengt.

Wie reagierten Sie auf die Nachricht, dass es Bin Laden war?

Ich war erleichtert und extrem stolz auf mein Team. Später sah ich auch Fotos und erkannte darauf Bin Laden.

War es Ihr Entscheid, Bin Laden im Meer zu bestatten?

Es war eine gemeinsame Entscheidung. Wir konsultierten Islam-Experten. Ehrlich gesagt haben wir uns mehr Gedanken dazu gemacht, als Bin Laden sich machte, als er 3000 Menschen getötet hatte. Ihm war es egal, wie sie behandelt und entheiligt wurden. Aber das unterscheidet uns von ihm.

Haben Sie zum ersten Mal den Befehl zum Töten gegeben?

Immer wenn ich den Befehl zum Abfeuern einer Rakete oder zum Einsatz von Soldaten im Schlachtfeld gebe, ist mir bewusst, dass in der Folge Menschen getötet werden. Es ist eine ernüchternde Tatsache. Aber sie kommt mit meinem Job. Dass Bin Laden getötet werden könnte, hat mir keine Sekunde den Schlaf geraubt. Jeder, der bezweifelt, dass der Massenmörder nicht bekommen hat, was er verdiente, der sollte sich das Hirn untersuchen lassen.

Sehen Sie hier das Exklusiv-Interview mit CBS.

Quelle: CBS / Übersetzung: chn