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ÖSTERREICH: Österreichs ältester Holocaust-Überlebender will Erzählen bis an sein Lebensende

Vor 80 Jahren wurde Österreich von Hitler-Deutschland einverleibt. Dass derzeit eine Partei an der Regierung beteiligt ist, die Nazi-Verbrechen verharmlost und Antisemitismus duldet, gibt dem Gedenken an das «Anschlussjahr» 1938 eine besondere Brisanz.
Rudolf Gruber, Wien
Am 12. März 1938 marschierte die Wehrmacht in Österreich ein. Der sogenannte «Anschluss» wird vollzogen. (Bild: Keystone)

Am 12. März 1938 marschierte die Wehrmacht in Österreich ein. Der sogenannte «Anschluss» wird vollzogen. (Bild: Keystone)

Rudolf Gruber, Wien

Ende Mai wird Marko Feingold 105 Jahre alt. Österreichs ältester Holocaust-Überlebender und Zeitzeuge des Nationalsozialismus sitzt am Podium des gerammelt vollen Vortragssaals im «Haus der Geschichte» in St. Pölten, westlich von Wien. Auffallend viele junge Leute sind gekommen, einige von ihren Eltern begleitet. Der Körper wirkt gebrechlich, aber die Stimme tönt kräftig: Feingold erfasst immer noch Zorn, wenn er vom Jubel erzählt, den die Wiener am 12. März 1938 den einmarschierenden Nazis bereiteten. «Wie Trauben haben sich viele Frauen an die deutschen Soldaten gehängt, um ein Busserl zu erhaschen.» Als drei Tage später Adolf Hitler seine ­berühmte «Anschlussrede» auf dem Heldenplatz hielt, lag ihm eine Hakenkreuzfähnchen schwenkende, fanatisch-entzückte Menschenmasse zu Füssen, der er mit kreischendem Pathos «den Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich» verkündete.

Alles war für die Machtübernahme vorbereitet, innert weniger Stunden verschwand Österreich für sieben Jahre von der Landkarte. Die Erste Republik, von Bürgerkriegswirren, Massenarbeitslosigkeit und sozialen Spannungen zerrüttet, fiel Hitler wie eine reife Frucht in den Schoss. Österreich war international isoliert und militärisch nicht in der Lage, sich zu verteidigen. Die Regierung war längst von Nazis unterwandert. «Wir weichen der Gewalt ... Gott schütze Österreich», resignierte Kanzler Kurt Schuschnigg und trat zurück.

«Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung»

Jetzt explodierte in Wien und den Landeshauptstädten die latent antisemitische Stimmung: Ein halbes Jahr lang verfolgten brüllende und plündernde Schlägertrupps Juden auf offener Strasse, verdroschen und vertrieben sie aus ihren Wohnungen und zerstörten ihre Geschäftslokale. Ein berühmtes Foto zeigt zynisch grinsende Wiener Nazis, die kniende jüdische Akademiker und Geschäftsleute zwingen, mit Zahnbürsten das Strassenpflaster zu schrubben. Der bereits todkranke Sigmund Freud notierte in sein Tagebuch: «Finis aus­triae», das Ende Österreichs.

Der Geschäftsmann Feingold, der damals in Italien lebte, war Mitte Februar 1938 nach Wien gereist, um seinen österreichischen Pass zu verlängern – und geriet in die Fänge der SS. Er überlebte Qualen in vier Konzentrationslagern, darunter Auschwitz. «Nur durch Zufälle», wie er sagt. Auf 30 Kilogramm war er abgemagert, als 1945 US-Soldaten ihn und andere Häftlinge aus dem KZ Buchenwald befreiten. 200 000 Juden lebten vor 1938 in Wien, heute sind es rund 12 000; 65 000 wurden in KZ ermordet, der grosse Rest emigrierte.

Wenn Feingold Beispiele widerwärtigster Nazi-Barbarei in den KZ schildert, wird es im Saal mucksmäuschenstill. Seit Jahrzehnten erzählt er seine Geschichte, seine liebsten Zuhörer sind Schüler. Nach zweieinhalb Stunden Vortrag mit Diskussion signierte er Bücher, die seine Erinnerungen festhalten. Woher er trotz seines hohen Alters die Energie nehme, wird er oft gefragt: «Ich habe mir geschworen: Wenn ich diese Hölle überlebe, muss ich darüber erzählen, bis an mein Lebensende.» Denn die einzige Chance, dass diese Zeit nicht mehr wiederkehre, sei «Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung».

Österreich steht in diesem Jahr ein Gedenkmarathon ins Haus. Erinnert wird nicht nur an den «Anschluss» an Hitler-Deutschland vor 80 Jahren, wozu heute ein Staatsakt in der Wiener Hofburg zelebriert wird. Die Republik Österreich, hervorgegangen aus der Erbmasse der Habsburger-Monarchie und den Trümmern des Ersten Weltkriegs, feiert auch den 100. Geburtstag. Über einhundert Ausstellungen und unzählige Vorträge stehen auf dem Programm. Der Buchmarkt und die Medien widmen den Gedenkjahren 1918 und 1938 die gebührende Aufmerksamkeit.

Weniger Gedenken, mehr Erinnerung

An offiziellen Anlässen und einschlägiger Literatur hat es in Österreich kaum je gefehlt. Die Frage ist: Was bleibt davon im Bewusstsein der nachkommenden Generationen haften? Altbundespräsident Heinz Fischer, der als Regierungskoordinator des Gedenkjahres fungiert, mahnt, die Österreicher sollten weniger gedenken und sich mehr erinnern. Dennoch zieht er positiv Zwischenbilanz: Die Zweite Republik nach 1945 sei «eine Erfolgsgeschichte», basierend auf dem «systematischen Versuch, möglichst viele Fehler aus der Ersten Republik zu vermeiden». Zu einer gemeinsamen Geschichtsbetrachtung haben es die staatstragenden Parteien aber bis heute nicht geschafft. Die ÖVP sieht in den autoritären Kanzlern Engelbert Dollfuss – 1934 von den Nazis ermordet – und seinem Nachfolger Schuschnigg Widerstandskämpfer gegen Nazi-Deutschland. Die Sozialdemokraten sprechen von Austrofaschismus, dessen Repräsentanten Demokratiefeinde und «Arbeitermörder» gewesen seien. Beide Auffassungen sind nicht falsch, aber für sich allein wissenschaftlich nicht korrekt.

Bislang nicht aus der Geschichte lernen wollte die Rechtspartei FPÖ: Von Altnazis gegründet, bietet sie seit Jahrzehnten Ewiggestrigen und Antisemiten eine politische Heimat. Nach den kürzlich entdeckten Nazi-Liederbüchern bei parteinahen, rechtsextremen Burschenschaftern versprach die Parteiführung erstmals eine Selbstreinigung von ihren braunen Flecken.

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