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Österreich sucht den Superstar

Kandidaten Wenn die Österreicher erst einmal davon überzeugt sind, eine Regierung sattzuhaben, dann muss ein Wunderbringer her. Mit einem Hoffnungsträger begnügt sich die kochende Volksseele dann nicht. Der Heilsbringer muss nicht nur ein Alleskönner sein, sondern überzeugend den Anschein erwecken, als könne er tatsächlich Wunder wirken. Sebastian Kurz, der junge Chef der konservativen ÖVP, befindet sich da auf dem bestem Weg.

Kurz ist mit 31 Jahren das dienstälteste Mitglied der Regierung – das allein grenzt an Zauberei. Schon mit spätpubertären 24 Jahren wurde er Staatssekretär für Integrationsfragen, mit 27 übernahm er das Aussenministerium, das er seit vier Jahren innehat. Während sich die meisten seiner Altersgenossen am Anfang ihrer beruflichen Karriere befinden, steht Kurz vor dem Kanzleramt. Er ist klarer Favorit der Wahl am 15. Oktober. Kein Wunder, dass ihn die Klatsch- und Krawallblätter bereits bis nahe an die Heiligsprechung hochjubeln. Zweifel oder gar Kritik an Kurz gelten fast als Sakrileg, kritische Zeitungskommentatoren erhalten immer öfter böse Leserbriefe, manchen werden gar Prügel angedroht.

Auf den Spuren von Jörg Haider

Dabei wissen die Österreicher auch, dass sich Wunderwuzzis oft als Strizzis – wienerisch für kleine und grosse Spitzbuben – entpuppen, die dem Land letztlich mehr Schaden zufügen als Nutzen bescheren.

Der bislang grösste Wunderwuzzi aller Zeiten war Jörg Haider, der am Ende auch am tiefsten gefallen ist. Jahrelang schlug der raffinierte Menschenverführer und Schmähreisser (Grossmaul) das Land in seinen Bann. Haider war der Prototyp des österreichischen Rechtspopulisten, der gern mit bissigen Nazi-Sprüchen provozierte und das «alte System», die repräsentative Demokratie, abschaffen wollte. Das System hat’s überlebt, Haider nicht: Noch lange vor seinem Unfalltod im Jahr 2008 hatte er es zu Stande gebracht, das Bundesland Kärnten in den Bankrott zu regieren und mit dem Hypobankenskandal der Republik die grösste Milliardenpleite der Nachkriegszeit zu hinterlassen.

Ex-Wunderkind im Visier der Justiz

Aus Haiders Umfeld kam auch das vermeintliche Wunderkind Karl-Heinz Grasser, mit nur 31 Jahren Finanzminister der ÖVP-FPÖ-Koalition (2000–2006) unter Kanzler Wolfgang Schüssel. Grasser war gleichsam der Schwiegersohn der Republik, er verwöhnte die Massenmedien mit reichlich Klatsch aus seinem Privatleben. Doch kritische Beobachter wussten schon damals: Der eitle Kärntner Beau war nur ein mässig begabter Finanz­minister, aber ein geschickter Bluffer. Seit rund zehn Jahren ermittelt die Justiz gegen ihn wegen Korruption und Amtsmissbrauchs, ohne eine Anklage zu Stande zu bringen.

Noch macht der neue Wunderwuzzi Kurz fast alles richtig, noch gelingt ihm fast alles spielend. Sein Wahlsieg scheint geradezu unvermeidlich, wenn die Umfragen nicht trügen. Kurz ist ein intelligenterer Populist, als Haider es je war, er kommuniziert zielgenau seine Botschaften in vielerlei Richtungen und strahlt eine Gelassenheit und Seriosität aus, die eher einem doppelt so alten Landesfürsten anstünde. Aber niemand weiss, wofür Kurz wirklich steht und wohin die Reise mit ihm als Kanzler führen soll. Sein wiederholtes Versprechen jedenfalls, ein politisches Programm vorzulegen, hat er bislang nicht eingelöst. (rgw)

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