Mandela
Ogi über Mandela: «Er war einer der eindrücklichsten Menschen überhaupt»

Alt-Bundesrat Adolf Ogi hat den verstorbenen Nelson Mandela zwei Mal getroffen und war tief beeindruckt. Ogi sieht Mandelas historische Leistung in dessen Politik der Versöhnung, die in der Regenbogennation Südafrika mündete.

Aufgezeichnet von Daniel Fuchs
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Adolf Ogi zusammen mit Nelson Mandela im FIFA-Hauptquartier in Zürich am 24. Oktober 2003.

Adolf Ogi zusammen mit Nelson Mandela im FIFA-Hauptquartier in Zürich am 24. Oktober 2003.

Keystone

„Als ich gestern Abend von Nelson Mandelas Tod erfuhr, ging mir als erstes mein Besuch auf der südafrikanischen Gefangeneninsel Robben Island durch den Kopf. Ich besuchte die Zelle, in der Nelson Mandela während 27 Jahren eingesperrt war.Man muss sich das einmal vorstellen: 1990, nach Jahren der Isolation, ohne jeglichen Kontakt zur Aussenwelt, lässt man ihn frei und er wird zum Mann der Versöhnung und der Vergebung. Statt sich von Rachegefühlen leiten zu lassen, ist er bereit, auf die Weissen, auf die Andersdenkenden zuzugehen. Ein solches Verhalten ist nicht nur beispielhaft für jeden Staatsmann, sondern für jeden Menschen. Mandela diente mit seinem Verhalten einzig der Sache an der Gemeinschaft: dem Aufbau einer Demokratie in einem schwierigen Umfeld. Für mich ist Mandela deshalb eine Symbolfigur für Freiheit und Humanität.

Nelson Mandela und die Schweiz
19 Bilder
Klaus Schwab und Nelson Mandela 1992
Klaus Schwab (rechts), Nelson Mandela (mitte) und Frederik de Klerk (links) am WEF
Frederik de Klerk und Nelson Mandela am WEF 1992
Klaus Schwab begrüsst Nelson Mandela am WEF 1992
Frederik de Klerk und Nelson Mandela am WEF 1992
Mandela hält nach der Vergabe der Fussball-WM 2010 an Südafrika den WM-Pokal in der Hand.
Mit FIFA-Präsident Joseph Blatter bei einem Besuch in Zürich im Jahr 2003.
Nelson Mandela am 30. Januar 1992 am WEF in Davos; rechts von ihm WEF-Gründer und -Präsident Klaus Schwab.
Nelson Mandela am WEF 1992 mit Frederik Willem de Klerk, ehemaliger südafrikanischer Präsident.
Nelson Mandela mit FIFA-Chef Joseph Blatter (links) und Ex-Bundesrat Adolf Ogi
Der südafrikanische Präsident Nelson Mandela im September 1997 bei seinem offiziellen Besuch in der Schweiz.
Mandela im Schnee am WEF in Davos 1992
Am 26. Mai 1992 besucht Mandela das Olympische Komitee in Lausanne.
Nelson Mandela mit IOC-Präsident Juan Antonia Samaranch im Mai 1992
Im Juni 1990 wird Mandela im Bundeshaus empfangen.
Am 29. Januar 1999 spricht Nelson Mandela ein weiteres Mal am WEF in Davos.
Nelson Mandela 1999 am WEF
Nelson Mandela 1990 am Kongress der Internationalen Arbeitsorganisation in Genf.

Nelson Mandela und die Schweiz

Keystone

Als zweites gingen mir meine beiden Begegnungen mit Mandela durch den Kopf. Das erste Mal war ich Bundespräsident, als Mandela 1993 in Lausanne für Oympischen Spiele in Kapstadt warb. Er erklärte mir, Afrika müsse wiederentdeckt werden. Denn Afrika berge eine unendliche Stärke, die vom Rest der Welt vernachlässigt werde. Zu diesem Zweck brauche Afrika Aufmerksamkeit - und damit meinte er nicht nur Südafrika, sondern den ganzen Kontinent. Die Olympischen Spiele in Kapstadt sollten für diese Aufmerksamkeit sorgen. Der Zuschlag ging an Athen. Das Gespräch bei der Begegnung von 1993 war aber ein Höhepunkt in meinem Leben.

Das zweite Mal sah ich ihn zusammen mit dem ehemaligen UNO-Generalsekretären Kofi Annan in Zürich. Das war 2003 und Mandela warb bei der FIFA für die Fussballweltmeisterschaft 2010 in Südafrika. Eine Kandidatur, die dann ja auch gelang. Ob Olympia oder Weltmeisterschaft - der Sport war für Mandela das Mittel zum Zweck: Afrika und sein Potenzial sollten wiederentdeckt werden.

Mandela ist eine wandelnde Geschichtssäule. Als Beispiel und Sympathieträger ist er der beste Botschafter der Welt. Sein Charisma, seine Persönlichkeit, seine Vergangenheit, sein bewegtes Leben -er war einer der eindrücklichsten Menschen überhaupt.

Jeder Staatsmann soll sich von der Vorgehensweise Mandelas etwas abschneiden. Er kam aus einer Zelle raus ohne jegliche Rachegelüste und formte Südafrika nach Jahren der Apartheid zu einer Demokratie. Wie hat er das gemacht? Mit epochalen Entscheiden wie jenem, den Weissen Frederik de Klerk zum Vizepräsidenten zu machen. Mandela vereinte ein heterogenes Land und baute eine Demokratie auf. Dieser Mann war nicht nur intelligent, sondern auch weise. Die Weisheit aber geht über die Intelligenz hinaus. Er verströmte moralische Authentizität. Mandela hat die Gesamtinteressen über alles andere gestellt.

Das ist seine historische Leistung.

Mandela mag als Mensch oder Ehemann nicht immer alle überzeugt haben, er geht aber als versöhnender Staatsmann und Humanist in die Geschichte ein. US-Präsident Barack Obama glaubt nicht, dass es noch einmal einen Menschen wie Mandela geben wird. Ich nehme das Wort Ikone nicht gerne in den Mund. Meine Begegnung mit ihm bleibt mir ebenso tief in Erinnerung wie jene mit Papst Johannes Paul II. oder dem ehemaligen UNO-Generalsekretär Kofi Annan. Ich finde, dass man die Hoffnung auf Menschen wie Mandela nicht verlieren darf."