Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Oh, Champs-Élysées – der Kampfplatz der «Grande Nation»

Am Sonntag rollt die Tour de France über die berühmteste Strasse Frankreichs. Die Champs-Élysées sind mehr als eine Luxusmeile: Auf der Prachtavenue werden heute auf sehr handfeste Weise Frankreichs politische und gesellschaftliche Konflikte ausgetragen.
Stefan Brändle aus Paris
Präsident Emmanuel Macron auf den Champs Élysées anlässlich der Militärparade zum Nationalfeiertag am 14. Juli (Bild: Keystone)

Präsident Emmanuel Macron auf den Champs Élysées anlässlich der Militärparade zum Nationalfeiertag am 14. Juli (Bild: Keystone)

Aux Champs-Élysées, singt Joe Dasssin in seinem berühmten Chanson. «Ich flanierte auf der Avenue, das Herz für Neues offen, und hatte Lust, alle zu grüssen.» Farid zum Beispiel. Der junge Rayban-Träger lehnt sich an seinen Ferrari und schlürft an einer Cola mit zermanschtem Eis. Cool hört er einem Inder zu, der an einer Spritztour mit dem himmelblauen Boliden interessiert ist und forsch 200 Euro bietet, um das Heft der Feilscherei gleich an sich zu reissen. Farid lächelt milde: «Der Preis ist fix, Monsieur. 150 Euro.» Für diesen Tarif brummt man eine halbe Stunde lang im offenen Cabrio über die Champs-Élysées und die umliegenden Viertel, inklusive Invalidendom und Eiffelturm.

Wer weiss, wie lang das noch möglich sein wird? Vor zwei Wochen musste Farid seinen Sportwagen Hals über Kopf in Sicherheit bringen. Es war der französische Nationalfeiertag, 4000 Soldaten waren zur Truppenparade des «Quatorze Juillet» über die Champs-Élysées marschiert. Die Polizei räumte gerade auf, als ein paar hundert Gelbwesten die «Champs» stürmten. Die noch nicht weggeräumten Metallabschrankungen benützten die Vermummten zum Bau improvisierter Barrikaden, E-Roller gingen in Flammen auf.
«Randale, Brandstiftung, Tränengas – das Übliche», erzählt Farid schulterzuckend. «Das geht nun schon seit einem halben Jahr so. Wenn die Jungs in Gelb anrücken, verlasse ich mit meinem Wagen den Standort.»

Der Kampfplatz der Nation

Protestierende Gilets jaunes vor brennenden Barrikaden auf den Champs-Élysées. (Bild: Getty Images)Protestierende Gilets jaunes vor brennenden Barrikaden auf den Champs-Élysées. (Bild: Getty Images)
Panzer des Typs Leclerc rollen am 14. Juli, dem Nationalfeiertag, über die Prachtstrasse. (Bild: Getty Images)Panzer des Typs Leclerc rollen am 14. Juli, dem Nationalfeiertag, über die Prachtstrasse. (Bild: Getty Images)
Fans des algerischen Fussballteams feiern den Sieg in der Afrika-Meisterschaft am 19. Juli. (Bild: Imago)Fans des algerischen Fussballteams feiern den Sieg in der Afrika-Meisterschaft am 19. Juli. (Bild: Imago)
Ein Model schreitet im Rahmen der Fashion Week über einen Laufsteg. (Bild: Imago)Ein Model schreitet im Rahmen der Fashion Week über einen Laufsteg. (Bild: Imago)
4 Bilder

Der Kampfplatz der Nation

Krawalle der «gilets jaunes»

Besser so: Die «gilets jaunes» mögen keine Symbole des Reichtums. Sie haben es sogar darauf abgesehen: Seit letztem November versammeln sie sich vorzugsweise auf den Champs-Élysées, der unangefochtenen Luxusmeile der Lichterstadt. Die Spuren ihres Besuchs bleiben sichtbar. Beim Schmuckverkäufer Bulgari klebt ein Handwerker gerade ein Schutzfolie auf die Schaufenster. Der Lederwarenhändler Longchamp renoviert die ganze Boutique, die im März ausgebrannt war. Der Laden bleibt derweil offen: Die Monatsmieten von 1100 Euro pro Quadratmeter – die dritthöchsten der Welt nach der 5 th Avenue in New York und dem Causeway Bay in Hongkong – erlauben keine Geschäftspause.

Auch das im Frühling von den Gelbwesten zerstörte Nobelrestaurant Fouquet’s hatte am Sonntag wieder geöffnet. Um wegen der neuen Attacke nur Stunden später wieder zu schliessen. Die junge Sicherheitsfrau am Eingang seufzt: «Es ist wirklich ein Unglück für uns alle – 128 Beschäftigte insgesamt, wochenlang auf Kurzarbeit gesetzt.»

Der letztjährige Tour-de-France-Sieger Geraint Thomas am 29 Juli 2018 auf den Champs Élysées (AP Photo/Christophe Ena)

Der letztjährige Tour-de-France-Sieger Geraint Thomas am 29 Juli 2018 auf den Champs Élysées (AP Photo/Christophe Ena)

ie anderen Adressen entlang der «Champs-Élysées» mussten am Sonntag hastig die Rollläden runterlassen. Wie der McDonald’s gegenüber dem Fouquet’s. Auch so ein Symbol. «Aber heute haben wir schon wieder voll», freut sich Verkäuferin Manon mit einem Minimikro vor dem Mund. Gerammelt voll sogar: Fastfood zieht hier mehr als eine Sterneküche für die Happy Few.

Bei der Revueshow Lido bleibt man ebenfalls guter Dinge. «Unsere Gäste kommen abends, die Schläger hingegen meist schon am Samstagnachmittag.» Nicht immer: An einem Sonntag enterten um Mitternacht die Fussballfans das neuralgische Pflaster der Republik. Das algerische Nationalteam hatte gerade den Einzug ins Finale des Afrikacups geschafft. Aus den Pariser Vorstädten strömten Zehntausende von Maghrebinern in die Innenstadt. Und wie selbstverständlich versammelten sie sich auf den Champs-Élysées.

Wird die Prunkstrasse verkehrsberuhigt?

So tun es heute alle. Das angestammte Pariser Volk begeht auf der Prachtstrasse den Nationalfeiertag, die Gelbwesten aus der Provinz kämpfen für ihre Sozialrechte – und die Banlieue-Jugend feiert dort ihre Wurzeln. «One, two three, Viva l’Algérie» schrien sie im Überschwang der Gefühle. Die Polizei nahm 280 Fans wegen fest, teilweise wegen «Rebellion gegen die öffentliche Autorität». Am Nachmittag waren 180 Gelbwesten wegen ähnlichem Verhalten in Gewahrsam gekommen. Sie skandierten dazu dazu «révolution!»– vor der Kulisse globalisierter Luxusmarken wie Louis Vuitton, Apple, Disney, Nike, Swatch oder Al Jazeera Perfumes.

Die Champs-Élysées sind selbst ein Kondensat der französischen Widersprüche: Chick wie die Pariser Bourgeoisie der mondänen Nachbarschaft, die über die Ladenstrasse nur die Nase rümpft; volkstümlich wie die Banlieue- und Touristenmassen, die täglich bis zu einer halben Million über die «elysischen Felder» promeniert. Und die auch sehr politisch wird, wie alles in Frankreich. Die Gelbwesten destabilisieren die Staatsführung. Ein Bonmot besagt: Wer die majestätische Achse zwischen Concorde-Platz und Arc de Triomphe beherrscht, beherrscht Paris und damit Frankreich. Die Champs sind ein sozialpolitisches Kraftfeld geworden, ein Kampfplatz. Als Staatspräsident Macron am Nationalfeiertag im offenen Militärwagen die Truppenparade eröffnete, erhielt er Applaus, doch gellten ihm auch – was die Fernsehsender nicht zeigten – Pfiffe und Buhrufe entgegen.

Krawalle gab es schon früher

Die Gelbwesten nerven viele Bürger. «Diese Deppen gehören hinter Gitter», schimpft Julien, der Kioskbesitzer vor dem Fouquet’s, der wegen der Krawalle zwanzig Prozent seines Umsatzes eingebüsst hat. Als sich der ältere Mann etwas beruhigt hat, räumt er ein, das alles sei nichts Neues. Vor einem Jahr, als Frankreich Fussballweltmeister geworden sei, hätten ihm besoffene Fans in den Morgenstunden den Kiosk in Brand gesteckt. «Wo endet das noch, diese ständige Gewalt?», fragt Julien kopfschüttelnd.

Aber eben, Frankreichs Politik war noch nie die Ruhe selbst, das lehren auch die Champs-Élysées. Napoleon baute oben seinen Triumphbogen hin, während die nach unten geneigten «Felder» ein Ausflugort des Volkes wurden und wegen Dieben und Prostituierten bereits einen miesen Ruf genossen. 1940 zeigten die deutschen Besatzer mit einem Truppenumzug über die Avenue, wer ab sofort Herr im Land war. Nach Mai 1968 versammelte sich eine Million De Gaulle-Anhänger auf den Champs, um wieder Ordnung im Land herzustellen.

Ein zerstörtes Schaufenster an den Champs Élysées nach den Gilet-Jaunes-Krawallen vom 16. März 2019. (Bild: Julien de Rosa/EPA)

Ein zerstörtes Schaufenster an den Champs Élysées nach den Gilet-Jaunes-Krawallen vom 16. März 2019. (Bild: Julien de Rosa/EPA)

Jetzt ist auf der «schönsten Avenue der Welt» Grün angesagt. Laut einem neuen Projekt des Architekten Philippe Chiambaretta soll die heute achtspurige Fahrbahn halbiert werden. Dreissig Meter breite Promenaden zu beiden Seiten werden zum Flanieren statt Shoppen einladen, die heute streng beschnittenen Baumalleen schattenspendenden Platanen weichen. Und die Vöglein der Champs-Élysées sollen wie bei Joe Dassin nur noch von Liebe singen.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.