Farc-Rebellen
Oh kommet nach Haus’: Wie Kolumbien die Guerilla-Kämpfer mithilfe von Weihnachten bezwang

Kolumbien feiert das erste friedliche Weihnachtsfest seit langem. Mitverantwortlich dafür ist Jose Miguel Sokoloff. Er hat Tausende Farc-Kämpfer davon überzeugt, ihre Waffen niederzulegen – mit Christbäumen und Weihnachtsgrüssen.

Samuel Schumacher
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Mit Kerzen gegen den Krieg: Ein Soldat versucht, am Ort eines von den Farc-Rebellen verübten Attentats für versöhnliche Stimmung zu sorgen.

Mit Kerzen gegen den Krieg: Ein Soldat versucht, am Ort eines von den Farc-Rebellen verübten Attentats für versöhnliche Stimmung zu sorgen.

AFP/Getty Images

Wie nur gewinnt man den Krieg gegen die Rebellen? Wie nur schafft man es, die bewaffneten Kämpfer der «Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia» (Farc) nach Jahrzehnten des Kampfs aus dem Dschungel zu locken? Das fragte sich die kolumbianische Regierung, seit die Farc ihren Aufstand gegen den Staat in den 60er-Jahren lostraten. Die Antwort schien lange eindeutig: mit Gewalt.

Der blutige Bürgerkrieg, in dem sich Kolumbien und die grösste Rebellenorganisation Lateinamerikas über ein halbes Jahrhundert lang gegenüberstanden, kostete 220 000 Menschen das Leben. Kolumbien hat seit 1964 keine Minute in Frieden verbracht. Im auslaufenden Jahr aber haben die Farc-Rebellen fast alle Waffen abgegeben. Die Konfliktparteien haben zugesagt, in Zukunft auf friedliche Mittel zu setzen. Kolumbien arbeitet an der Wiedereingliederung der Ex-Kämpfer. Dass der Krieg ein Ende nahm, das hat viel mit Weihnachten zu tun.

In Kolumbien haben FARC-Rebellen und die Regierung Frieden geschlossen:

Die Chefs der beiden Verhandlungsdelegationen schütteln sich im Beisein des kubanischen Aussenministers Bruno Rodriguez nach ihrer Einigung über ein Friedensabkommen die Hände. Kolumbiens Regierung und die FARC-Rebellen verhandelten fast vier Jahre lang.
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In Kolumbien haben FARC-Rebellen und Regierung Frieden geschlossen
In Kolumbien haben FARC-Rebellen und Regierung Frieden geschlossen
In Kolumbien haben FARC-Rebellen und Regierung Frieden geschlossen

Die Chefs der beiden Verhandlungsdelegationen schütteln sich im Beisein des kubanischen Aussenministers Bruno Rodriguez nach ihrer Einigung über ein Friedensabkommen die Hände. Kolumbiens Regierung und die FARC-Rebellen verhandelten fast vier Jahre lang.

KEYSTONE/EPA EFE/ERNESTO MASTRASCUSA

Irgendwann im Jahr 2006 klingelte in Jose Miguel Sokoloffs Büro das Telefon. Am Apparat war ein Vertreter der kolumbianischen Regierung. Man brauche endlich eine Lösung für das Farc-Problem, sagte er. Sokoloff begann zu überlegen. Der gebürtige Kolumbianer arbeitete als Kreativkopf der PR-Firma Lowe SSP3. Kommunikation war sein Metier – und das grosse Manko der kolumbianischen Beamten. Seit Jahrzehnten gingen sie mit wirtschaftlichen, rechtlichen und militärischen Mitteln gegen die Rebellen vor. Eine überzeugende Kommunikationsstrategie aber fehlte.

Die Weihnachtsflucht

Sokoloff sprach mit ehemaligen Farc- Kämpfern und -Opfern. Er arbeitete sich intensiv ein und kam zum Schluss: «Die Guerilla-Kämpfer sind genauso Gefangene der Farc wie die Geiseln, die sie nehmen.» Viele der oft sehr jungen Frauen und Männer, die sich den Revolutionären angeschlossen haben, hätten das gegen ihren Willen getan, erzählte Sokoloff jüngst an einem Vortrag in Rio de Janeiro.

Der Werbe-Profi entwarf Radiospots, die er in den Dschungel funkte, um die Rebellen zum Aufgeben zu überreden. Er liess ehemalige Farc-Führer in Helikoptern über die umkämpften Wälder fliegen und sie über Lautsprecher von ihrem neuen Leben erzählen. So richtig funktioniert hat keine der beiden Strategien. «Die Farc erzählten ihren Leuten, das seien alles Verräter, die von der Regierung unter Druck gesetzt worden seien. Wir schafften es nicht, den Kämpfern glaubhaft zu machen, dass es ein lebenswertes Leben ausserhalb des Dschungels gibt», erzählt Sokoloff.

Vier Jahre nach der ersten Propaganda-Aktion fand Sokoloff eine neue Statistik. Die Daten zeigten, dass die Zahl der Farc-Deserteure jeweils um die Weihnachtszeit stark anstieg. An Weihnachten, so schien es, vermissten die Farc-Kämpfer ihre Familien und nahmen das Fluchtrisiko eher auf sich. Sokoloff entschied sich deshalb zu einer neuen Strategie und lancierte an Weihnachten 2010 die Aktion «Operation Christmas».

Mit einem riesigen Militäraufgebot als Schutz drang sein Team kurz vor dem heiligen Fest ins waldige Kernland der Farc ein und behängte neun Bäume mit 2000 Weihnachtslichtern. Neben die Bäume stellte Sokoloff Bewegungsmelder. Jedes Mal, wenn jemand am Baum vorbeikam, blinkte ein Schriftzug auf: «Wenn Weihnachten in den Dschungel kommen kann, dann könnt ihr nach Hause kommen», leuchtete es dann in den Wald hinaus.

Mit Müttern gegen den Zweifel

Die Aktion war ein Erfolg. 331 Kämpfer legten an Weihnachten 2010 ihre Waffen nieder. Sokoloff hat mit vielen von ihnen gesprochen. «Sie sagten mir: Diese Idee mit den Weihnachtsbäumen ist toll. Das Problem ist nur, dass kaum jemand die Bäume sieht. Wir bewegen uns nur noch auf den Flüssen.»

Sokoloff notierte sich das und dachte in seinem Propaganda-Kämmerchen über neue Strategien nach. An Weihnachten 2011 kehrte er in den Dschungel zurück und liess 6323 leuchtende Plastikkugeln mit kleinen Geschenken und einem Weihnachtsgruss auf den Flüssen durchs Rebellenland gleiten. «An den Weihnachtstagen legte im Schnitt alle sechs Stunden ein Kämpfer seine Waffen nieder. Es war grossartig.»

Im Jahr darauf nahmen die Rebellen und die Regierung Friedensgespräche auf. Die Stimmung veränderte sich. «Viele Kämpfer dachten übers Aufgeben nach, waren aber verunsichert, ob sie einen Platz in der Gesellschaft finden würden», erzählt Sokoloff. Würden die Menschen ihnen vergeben? Würden ihre Familien sie je wieder aufnehmen?

Der Werbeprofi lancierte daraufhin seine dritte und letzte Weihnachtskampagne. Er bat 27 Mütter von Farc-Kämpfern um Kinderfotos ihrer verlorenen Söhne und Töchter. Sokoloff liess die Fotos als Poster drucken und im Dschungel aufhängen. «Antes de ser guerillero, eres mi hijo» («Bevor du ein Guerillero warst, warst du mein Kind»), schrieb er dazu. Die Aktion wirkte, 218 Kämpfer liessen die Schützengräben des Dschungels hinter sich und kehrten zurück, manche von ihnen mit einem von Sokoloffs Postern im Gepäck.

Diese Weihnachten hat der kolumbianische Kommunikationsprofi nichts zu tun. Der Krieg in seiner Heimat ist vorbei. Dass es so weit kam, liegt auch an ihm und seiner Erkenntnis, wie wichtig Weihnachten für die Menschen ist. Ganz egal, ob sie nun wartende Mütter oder kämpfende Söhne sind.