OMAN: Ruhe vor dem Sturm im Wüstenstaat

Im Gegensatz zu den meisten arabischen Golfstaaten mit ihren weit verzweigten Familienclans, wird Oman von einem schwer kranken Sultan ohne Nachkommen regiert. Im stabilsten Land Arabiens wächst die Angst vor der Zukunft.

Michael Wrase, Salala
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Ungewisser Blick in die Zukunft: Viele Omaner fürchten Machtkämpfe nach dem Tod ihres Sultans. (Bild: Robert van Waarden/Keystone (Ar Rub al-Khali))

Ungewisser Blick in die Zukunft: Viele Omaner fürchten Machtkämpfe nach dem Tod ihres Sultans. (Bild: Robert van Waarden/Keystone (Ar Rub al-Khali))

In einer Sinfonie aus fortwährend changierenden Rottönen geht hinter sichelförmigen Dünenbergen die Sonne unter. Das faszinierende Farbenspiel dauert eine gute Dreiviertelstunde. Dann ist es stockdunkel in der omanischen Rub al-Khali, der grössten Sandwüste der Welt. Die Stille und Weite im sogenannten leeren Viertel unweit der Grenzen zum Jemen und zu Saudi-Arabien vermittelt ein Gefühl tiefsten Friedens.

«Wie lange wir dieses Geschenk noch geniessen dürfen, weiss nur der Allmächtige», sagt Abu Omar mit leiser Stimme. Erst nach langem Zögern war der greise Betreiber eines Wüstencamps in dem Flecken al-Wasil bereit, über die Zukunft seines Landes zu sprechen, über die Zeit, «wenn unser geliebter Sultan nicht mehr unter uns sein wird».

Der seit fast einem halben Jahrhundert regierende Sultan Qabus bin Said ist 77 Jahre alt. Dass er an Darmkrebs erkrankt ist, wissen die Omaner seit gut zwei Jahren. In einer Fernsehansprache, die in seiner Villa im deutschen Garmisch-Partenkirchen aufgezeichnet worden war, hatte Qabus seinen fast achtmonatigen Auslandsaufenthalt etwas gewunden, letztendlich aber unmissverständlich erklärt: «Es sind Gründe, die ihr alle kennt.»

Tränen bei der Nationalhymne

Seither sehen die Omaner noch genauer hin, wenn ihr Sultan im Fernsehen gezeigt wird. Im November letzten Jahres, während der Paraden zum Nationalfeiertag, habe er «45 Minuten aufrecht gestanden und beim Abspielen der Nationalhymne sogar geweint», erinnert sich Abu Omar lächelnd. Ein gutes Zeichen?

«Wir brauchen ihn», antwortet Musallam, der am offenen Feuer einen Lammspiess grillt. «Niemand wird unseren Sultan ersetzen können», fügt der für das Aufstellen der Zelte im Wüstencamp verantwortliche Omaner nachdenklich hinzu. Dabei zeigt er mit dem Finger auf die schwarze Sanddüne, hinter der vor drei Stunden die Sonne untergangen ist. «Nur 100 Kilometer von hier, im Jemen, treibt el Kaida ihr Unwesen.» Auch von den engstirnig und aggressiv geltenden Saudis im Norden, mit denen sich das Sultanat die Rub al-Khali teilt, sehen sich die Omaner bedroht.

Den Frieden, die bemerkenswerte Stabilität in einer von Hass, Zwietracht und regionalen Stellvertreterkriegen erfassten Religion, habe Oman allein dem diplomatischen Geschick von Sultan Qabus zu verdanken, betont Said Mohammed al-Saqri. «Solange er gesund war, lebten wir sorgenfrei. Nach seinem Tod wird es unruhiger werden», befürchtet der in der Hauptstadt Maskat lebende Elektroingenieur.

One-Man-Show an der Staatsspitze

Im Gegensatz zu den meisten arabischen Golfstaaten, in denen weit verzweigte Familienclans regierten, sei Oman eine «klassische One-Man-Show». Der charismatische Herrscher hinterlässt keine Kinder, hat keine Brüder – und hat es trotz seiner schweren Krankheit bislang versäumt, der Bevölkerung einen Nachfolger zu präsentieren oder zumindest einen aufzubauen. Dessen Name, behaupten Insider, sei aber bekannt. Der Sultan habe zwei versiegelte Briefe mit den Namen von drei für die Nachfolge auserkorenen Personen in den Palästen von Maskat und Salala hinterlegt und deren Rangliste festgelegt. Es soll sich um Cousins des Sultans handeln, um die Söhne seines Onkels, des Bruders seines Vaters, Tariq bin Taimur, den Qabus vor 47 Jahren mit Hilfe der Briten vom Thron gestürzt hatte und damit Omans Weg in die Moderne geebnet hatte. Beliebt ist das Trio offenbar nicht. Die drei sind Geschäftsleute ohne politische Erfahrung. In einer Zeit sinkender Ölpreise sowie steigender Arbeitslosigkeit konnten sie ein gewaltiges Vermögen anhäufen.

Auch im Oman war während des Arabischen Frühlings die Bevölkerung auf die Strassen gegangen, um gegen Korruption und Vetternwirtschaft zu protestierten. Die Demonstrationen richteten sich gegen die Regierung. «Niemand hätte es gewagt, den Sultan selbst an den Pranger zu stellen», verrät uns ein «gut vernetzter» Hochschullehrer.

Seinen Namen möchte er nicht nennen. Oman sei zwar das «liberalste Land» auf der Arabischen Halbinsel, von Meinungsfreiheit wie in Europa sei man aber noch weit entfernt. Er könnte Ärger bekommen, wenn er «als Informant» in Erscheinung treten würde. Dabei verrät der Hochschullehrer keinesfalls Staatsgeheimnisse, sondern logische Erkenntnisse aus einem Land, dessen schwer kranker Führer vermutlich nicht mehr die Kraft besitzt, das Sultanat wie in der Vergangenheit in Eigenregie zu führen, nicht mehr jedes Jahr sechs Wochen durchs Land reist, um sich die Nöte und Sorgen seiner Untertanen anzuhören.

De-facto-Machtübernahme des Geheimdienstes

Längst habe im Oman der effiziente Inlandsgeheimdienst ISS die Macht übernommen und werde diese auch nach dem Tod des Sultans vermutlich nicht abgeben. «Wir brauchen starke Leute, keine Schwächlinge», glaubt auch Abu Omar im Wüstencamp von al-Wasil. «Nur dann werden wir uns behaupten können.»

In der Rub al-Khali ist es inzwischen kühl geworden, die Gruppe um das Feuer rückt näher zusammen. Musallam erzählt vom Krieg, von «der Revolution» gegen den «alten Sultan» in den Bergen um die Küstenstadt Salala, die fünf Autostunden entfernt liegt.

Hätte Qabus 1970 nicht geputscht, wären die von den Kommunisten in Aden unterstützten Freischärler womöglich an die Macht gekommen. «Wachsam» sei man auch heute noch, sagt uns Abu Omar vor dem Schlafengehen. Auch «in der Zeit nach Qabus» werde man die Errungenschaften des Sultans verteidigen – notfalls auch mit der Waffe.

Bild: Grafik: LZ

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