OSTERAUFSTAND: Die blutigen Tage, die Irland veränderten

Die Rebellion von 1916 gilt als Geburtsstunde der irischen Unabhängigkeit. Dies, obwohl der Osteraufstand ­ vor hundert Jahren in einer krachenden Niederlage endete.

Dominik Weingartner
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Éamon de Valera, einer der Anführer des Aufstands. (Bild: Getty)

Éamon de Valera, einer der Anführer des Aufstands. (Bild: Getty)

Dominik Weingartner

Als «fünf wirre, blutige Tage» bezeichnete die deutsche Wochenzeitung «Die Zeit» den Osteraufstand von 1916 in Dublin einmal. Tatsächlich ging es in diesen Tagen in der heutigen irischen Hauptstadt hoch zu und her. Der Aufstand dauerte vom Ostermontag, 24. April, bis zum Morgen des 29. April – und endete mit der bedingungslosen Kapitulation der Aufständischen. Die britischen Kolonialherren reagierten mit brutaler Härte auf den Umsturzversuch in Dublin. Fast alle Rädelsführer des Aufstandes wurden hingerichtet.

Doch obwohl der Osteraufstand vor hundert Jahren in einem Debakel für die irischen Nationalisten endete, markiert er einen entscheidenden Wendepunkt im Kampf um die Unabhängigkeit von der damaligen Weltmacht Grossbritannien.

Startschuss durch den Weltkrieg

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 sahen die irischen Nationalisten ihre Zeit gekommen, die lang ersehnte Unabhängigkeit vom Vereinigten Königreich zu verwirklichen. «Englands Schwierigkeiten sind Irlands Chancen», lautete ihre Maxime. Die Planung des Osteraufstandes begann denn auch bereits 1914. Die Stimmung in Irland war damals bereits stark aufgeheizt. Hintergrund war das sogenannte Home-Rule-Gesetz, das die Einrichtung eines irischen Parlaments für innerirische Angelegenheiten vorsah. Nach drei langen Jahren harter Auseinandersetzungen im britischen Parlament wurde das Gesetz letztendlich gebilligt. Doch der Ausbruch des Ersten Weltkriegs verhinderte das Inkrafttreten der Home-Rule-Bill.

Éamon de Valera, einer der Anführer des Aufstands. (Bild: Getty)

Éamon de Valera, einer der Anführer des Aufstands. (Bild: Getty)

Die britische Armee hatte bereits in den Vorkriegsjahren nach und nach ihr Gewaltmonopol in Irland verloren. Im Nordosten des Landes, dem heutigen Nordirland, formierte sich eine starke Front gegen das Home-Rule-Gesetz – angeführt von den protestantischen Ulster Volunteers. Gleichzeitig wurde der militante Flügel der 1905 gegründeten Partei Sinn Féin gestärkt, der für die Gründung einer unabhängigen Republik kämpfte. Bei Beginn des Ersten Weltkriegs bestanden in Irland vier Untergrundarmeen: die Irish Republican Brotherhood (IRB), die Irish Citizen Army, die Irish Volunteers und auf der Seite der Unionisten die Ulster Volunteers.

Waffen aus Deutschland

Kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs trafen sich die ranghöchsten Mitglieder der IRB und beschlossen die Durchführung von revolutionären Aktionen vor Ende des Krieges. Über Gesinnungsgenossen in den USA knüpften die Revolutionäre schliesslich Kontakte nach Deutschland, von wo aus eine grosse Waffenlieferung für Ostern 1916 in Aussicht gestellt wurde. Allerdings gelang es der britischen Marine, das Schiff mit der Waffenlieferung abzufangen.

Doch obwohl sich die Rückschläge und Planungsfehler häuften, mobilisierte die IRB für den Ostermontag rund 2000 Männer, die unter dem Kommando von Patrick Pearse und James Connolly den Aufstand durchführten. Die Revolutionäre planten, Knotenpunkte und strategisch wichtige Gebäude in Dublin zu besetzen und anschliessend die Stadt abzuriegeln, um so für den unvermeidbaren Gegenangriff der Briten gerüstet zu sein. Der Angriff am Ostermontag 1916 kam für die Briten überraschend. Ihr Geheimdienst hatte die Lage auf der Insel nur wenige Wochen vor dem Aufstand noch als «völlig zufriedenstellend» eingeschätzt. Doch trotz des Überraschungsmoments war die Lage der Aufständischen von Beginn an aussichtslos. Die 2000 Rebellen waren gegenüber den britischen Truppen zahlenmässig weit unterlegen. Rund 4500 britische Soldaten und 1000 Polizeikräfte standen im Einsatz. Die Revolutionäre mussten sich mit der Besetzung der City Hall und einiger Regierungsbüros zufrieden geben. Der Versuch, Dublin Castle, damals Sitz der britischen Verwaltung, in ihre Gewalt zu bringen, schlug fehl.

Tags darauf, am Dienstag, verhängten die Briten das Kriegsrecht über Dublin. Die königlichen Truppen näherten sich langsam den Stellungen der Rebellen, deren Führung sich im Hauptpostamt verschanzt hatte.

Da am Mittwoch Nachschub an britischen Truppen Dublin erreichte, waren die Rebellen plötzlich im Verhältnis 20 zu 1 in Unterzahl. Die Briten begannen nun, ernsthaft anzugreifen. Diesen Angriffen fielen auch viele Zivilisten zum Opfer. Zu diesem Zeitpunkt war der Aufstand zu einem Krieg geworden. Die Briten setzten Artillerie ein, vielerorts in Dublin brannte es. Als die britischen Soldaten merkten, dass viele Männer der Irish Republican Army (IRA), wie sich die Aufständischen fortan nannten, keine Uniformen trugen, begannen sie damit, auf blossen Verdacht hin männliche Zivilisten zu erschiessen.

Bedingungslose Kapitulation

Am Morgen des 29. April war der Aufstand zu Ende. Die Rebellenführer ordneten die bedingungslose Kapitulation an. Zur Zahl der Opfer gibt es nur Schätzungen. Diese gehen von rund 500 Toten auf Seiten der britischen Armee aus und von etwa doppelt so vielen auf Seiten der Iren, einschliesslich Zivilisten. Grosse Teile Dublins waren durch den Artilleriebeschuss zerstört.

Die Sympathien der Dubliner lagen zunächst nicht auf der Seite der Rebellen. Die ungeahnte Welle der Gewalt und die vielen Toten entsetzten die irische Öffentlichkeit. Medien bezeichneten den Aufstand als «mad venture» («verrücktes Unterfangen»). Hinzu kam, dass viele Iren in den Reihen der britischen Armee im Ersten Weltkrieg kämpften. Diese empfanden den Aufstand als Verrat. Doch das Blatt sollte sich rasch wenden. Der Hauptgrund dafür waren die in England ausgesprochenen Todesurteile gegen die Rebellenführer. Mehr als die Rebellion selbst veränderte die Verhaftungs- und Erschiessungswelle im Nachgang zum Osteraufstand die öffentliche Meinung in Irland. Bereits am 3. Mai wurden die ersten drei Rebellen nach einer kurzen Kriegsgerichtsverhandlung hingerichtet. Insgesamt wurden 90 Todesurteile gesprochen, 15 wurden schliesslich bis am 12. Mai auch vollzogen. Der einzige prominente Anführer, der verschont blieb, war Éamon de Valera. Den späteren irischen Präsidenten rettete seine US-amerikanische Herkunft vor der Erschiessung.

Die hingerichteten Anführer wurden rasch zu Märtyrern stilisiert, was die Sinn-Féin-Bewegung zum neuen Sammelbecken der nationalistischen Bewegung machte.

Der Aufstieg von Sinn Féin

Kurz nach dem Osteraufstand wollte die Regierung in London das Home-Rule-Gesetz in Kraft treten lassen. Doch die folgenden Verhandlungen scheiterten an der Frage, ob Nordirland dauerhaft von dieser Selbstverwaltung ausgeschlossen bleiben sollte oder nicht. Die ungelöste Nordirland-Frage begünstigte den Aufstieg von Sinn Féin. Bereits bei den Unterhauswahlen von 1917 und 1918 errang die Partei die Mehrzahl der irischen Sitze im Londoner Parlament. Doch weil Sinn Féin unerbittlich für die irische Unabhängigkeit einstand, nahm sie die gewonnenen Sitze im Parlament nicht ein.

Der Osteraufstand von 1916 gilt heute als das entscheidende Ereignis, das zu Irlands Unabhängigkeit führte. Dabei kam den Separatisten die Niederlage im Nachhinein sogar gut gelegen, da die harte Reaktion der Briten die Sympathien für die Aufständischen erst richtig weckte. Die Unabhängigkeit Irlands war nicht mehr aufzuhalten.

Unabhängigkeitserklärung 1919

Am 21. Januar 1919 kam in Dublin erstmals die von Sinn Féin dominierte irische Nationalversammlung, das Dáil Eirann, zusammen. Die Versammlung proklamierte die irische Unabhängigkeit und wählte eine provisorische Regierung. Der folgende Irische Unabhängigkeitskrieg führte 1921 zum Anglo-Irischen Vertrag, der im Südteil der Insel zur Bildung des irischen Freistaats führte. Der Nordosten blieb als Nordirland teil des britischen Empires.

Der Anglo-Irische Vertrag wurde jedoch von einer Minderheit des Dáil Eirann um Éamon de Valera nicht akzeptiert, was zum irischen Bürgerkrieg führte, der bis 1923 andauerte.

Geprägt vom Nordirland-Konflikt

1937 schliesslich entstand unter der Regierung de Valera der Staat Irland durch die Annahme einer neuen irischen Verfassung. Die weitere Geschichte Irlands im 20. Jahrhundert war geprägt vom blutigen Nordirland-Konflikt. Der Konflikt zwischen der katholischen und der protestantischen Bevölkerung spitzte sich in den 60er-Jahren zu. Rund 3500 Menschen starben in den folgenden Jahren bei Anschlägen, ungefähr die Hälfte der Opfer waren Zivilisten. Traurige Berühmtheit erlangte der «Bloody Sunday» («Blutsonntag») am 30. Januar 1972. Britische Soldaten erschossen 13 unbewaffnete Zivilisten bei einer Demonstration im nordirischen Derry. Erst 2010 bat Premier David Cameron für diese Gewalteskalation um Verzeihung.

Der Nordirland-Konflikt wurde 1998 offiziell beigelegt. Und wiederum nahm die irische Geschichte österlichen Bezug. Denn die Unterzeichnung des Friedensvertrags fand am Karfreitag statt und wird seither Karfreitagsabkommen genannt.

Bewaffnete Rebellen bringen sich auf den Dächern Dublins während des Osteraufstandes in Stellung. (Bild: Getty)

Bewaffnete Rebellen bringen sich auf den Dächern Dublins während des Osteraufstandes in Stellung. (Bild: Getty)