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Österreich lockert Massnahmen – und 4000 Erkrankte verklagen das Tirol

Am 14. April sollen in unserem Nachbarland erste Läden wieder öffnen. Derweil droht dem Bundesland Tirol juristisches Ungemach. Der Vorwurf des österreichischen Verbraucherschutzes: Die Behörden wussten längst von der Gefahr und liessen die Ski-Party einfach weiterlaufen – des Geldes wegen.

Stefan Schocher aus Wien
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Szenen wie diese gab es auf den Skipisten in Ischgl noch, als die Coronagefahr längst bekannt war. (Bild: Pixabay)

Szenen wie diese gab es auf den Skipisten in Ischgl noch, als die Coronagefahr längst bekannt war. (Bild: Pixabay)

CH Media

Tirol Anfang März 2020: Das Wetter mild, die Sonne kräftig, die Stimmung in den Après-Ski-Lokalen ausgelassen. Hinter den Bespassungs-Kulissen rumorte es aber offenbar bereits gewaltig. Dass die Tiroler die Skihütten-Feiern trotz der viralen Gefahr einfach weiterlaufen liessen, hat jetzt juristische Konsequenzen. Einer Sammelklage des Verbraucherschutzvereins (VSV) haben sich bereits 4000 Personen angeschlossen. Sie alle erkrankten nach ihren Ferien im Tirol an Covid-19.

Martina Büchling ist eine der Klägerinnen. Sie war im Tiroler Ferienort Ischgl in jener Woche, als die Lage eskalierte. Als sie am 8. März mit ihrem Mann und den zwei erwachsenen Töchtern anreiste, schien Ischgl noch sicher. Zwei Wochen zuvor war wegen eines Coronafalls ein Hotel in Innsbruck gesperrt worden. Ein Einzelfall, wie es hiess.

Und da sass Martina Büchling nun in einer Liftgondel zwei Tage nach ihrer Ankunft. Es war der 10. März. Und neben ihr eine junge Frau, die ihr verkatert vorklagte, dass man das berühmte Après-Ski-Lokal Kitzloch gesperrt habe. Als Martina Büchling dann am Abend ihr Snowboard zurück ins Hotel schleppte, stellte sie verwundert fest: Die Bars waren zwar tatsächlich geschlossen, die Gastronomen aber hatten den Ausschank einfach auf die Strasse vor den Lokalen verlegt und die Party ging weiter, dicht an dicht.

Wie Hühner liefen die Touristen durch die Strassen

Bereits am 7. März war ein Barkeeper im Kitzloch positiv auf Covid-19 getestet worden. Es folgte eine beispiellose Serie behördlicher Beteuerungen. Die lokalen Sanitätsbehörden etwa betonten, dass eine Ansteckung in der Bar unwahrscheinlich sei. Der Gesundheitslandesrat behauptete, die Behörden hätten alles richtig gemacht. Erst, als 15 weitere Personen aus dem Umfeld des Kitzloch-Barkeepers positiv getestet worden waren, musste die Bar ihre Tore schliessen.

Martina Büchling (rechts) mit ihrer Familie auf der Piste in Ischgl. Wenige Tage später erkrankte sie schwer. (Bild: ZVG)

Martina Büchling (rechts) mit ihrer Familie auf der Piste in Ischgl. Wenige Tage später erkrankte sie schwer. (Bild: ZVG)

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In den Tagen nach der Kitzloch-Sperre dämmerte es dann auch Martina Büchling: Infozettel bei der Seilbahn, Abstand zu halten – aber niemand, der das kontrolliert hätte. Knallvolle Zubringerbusse, bei denen man zum Schutz des Fahrers nur mehr hinten einsteigen konnte. Und schließlich am Freitag, dem 13. März, die Schliessung ihres Hotels. „Leute liefen mit gepackten Koffern wie Hühner durch die Straßen“, erzählt Martina Büchling. Der Wirt stand da und klagte über seinen Ruin. „Er tut mir leid“, sagt Martina Büchling. „Aber ich tu mir jetzt mehr leid“, setzt sie nach.

In der Nacht auf Samstag fuhr sie mit ihrer Familie heim in den Grossraum Frankfurt. Am Sonntag begann das Fieber. Martina Büchling erkrankte schwer. Heute ist sie auf dem Weg zur Besserung - und stinksauer. Sie hat sich der Klage des Verbraucherschutzvereins angeschlossen. Denn sie ist überzeugt: In Tirol wusste man lange bevor alles öffentlich wurde von dem Risiko.

Spätestens zwischen dem 29. Februar und dem 4. März musste man es gewusst haben – so viel ist sicher. Denn: Am 29. Februar waren 15 isländische Tirol-Heimkehr positiv auf das Coronavirus getestet worden. Die isländische Regierung in Reykjavik stufte Ischgl am 5. März schliesslich als Risikogebiet ein. Die Reaktion aus der Tiroler Hauptstadt Innsbruck: Man erklärte, das könne nicht sein, die Erkrankten müssten sich auf der Heimreise angesteckt haben.

Tirol soll jetzt Schadenersatz zahlen

Peter Kolba, Obmann des Verbraucherschutzvereins, hat einen schwerwiegenden Verdacht: Er meint, es sei „aus kommerziellen Gründen zu spät gewarnt und Konsequenzen gezogen worden“. Frei nach dem Motto: „Na mach ma‘ halt noch zwei Tage.“

Der Verbraucherschutzverein hat der Staatsanwaltschaft am 24. März deshalb eine sogenannte Sachverhaltsdarstellung übergeben. Es geht um vorsätzliche oder fahrlässige Gemeingefährdung mit einer ansteckenden Krankheit. Den Tiroler Behörden und der Tiroler Staatsanwaltschaft bescheinigt Kolba wenig Willen, die Vorkommnisse in Ischgl aufzuklären. Er fordert deshalb, dass sich die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft der Klage annimmt. Das Ziel der Klage: ein freiwilliger Schadenersatz des Tirols an die 4000 Erkrankten.

Und was sagen die Beschuldigten dazu? Tirols Landeshauptmann Günther Platter weist auf Nachfrage darauf hin, dass es sich um eine weltweite „Ausnahmesituation“ handle, die „noch vor wenigen Wochen unvorstellbar“ gewesen sei. Platter: „Genauso wie aktuell die Bewältigung der Krise im Mittelpunkt unseres Handels steht, wird es im Anschluss wichtig sein, weltweit und auch in Tirol alle Massnahmen auf den Prüfstand zu stellen.“ Grundsätzlich hätten die Behörden nach dem jeweiligen Wissensstand richtig reagiert, auch wenn sie mit dem heutigen Wissensstand wohl gewisse Entscheide anders getroffen hätten.

Und Martina Büchling? Die Nachrichten aus der Region regen sie auf. Dennoch versucht sie, positiv an den Urlaub mit ihren erwachsenen Töchtern zurückzudenken. „Wir hatten schöne Tage“, sagt sie. Wie oft komme es schon vor, dass man mit seinen erwachsenen Kindern so viel Zeit verbringt? „Ein Geschenk“, wie sie sagt, trotz allem.

Odermatt Österreich will direkt nach Ostern Anti-Corona-Massnahmen lockern

Nach Ostern soll in Österreich in der Corona-Krise der langsame Weg zurück in Richtung Normalität beginnen. Ziel sei es, dass ab dem 14. April kleine Geschäfte sowie Bau- und Gartenmärkte unter strengen Auflagen wieder öffnen dürfen, teilte Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) am Montag in Wien mit.

Ab 1. Mai sollen dann alle Geschäfte, Einkaufszentren und Friseure wieder öffnen dürfen. Hotels und die Gastronomie sollen frühestens Mitte Mai folgen. Die Ausgangsbeschränkungen werden allerdings bis Ende April verlängert, die Schulen bleiben bis Mitte Mai zu. Veranstaltungen sollen bis Ende Juni nicht stattfinden. Zudem wird das Tragen eines Mundschutz künftig nicht nur in Supermärkten und Drogerien zur Pflicht.

«Die schnelle und restriktive Reaktion gibt uns jetzt auch die Möglichkeit, schneller wieder aus dieser Krise herauszukommen», sagte Kurz. «Allerdings nur, wenn wir weiter alle konsequent die Massnahmen einhalten und so gut zusammenstehen, wie wir das bisher gemacht haben.» Vor allem mit Blick auf das Osterfest bat Kurz die Menschen darum, weiter soziale Kontakte zu meiden und voneinander Abstand zu halten. Er fügte hinzu: «Bleiben sie zusammen mit den Menschen, mit denen sie gemeinsam wohnen.»

Österreich ist damit eines der ersten europäischen Länder, das im Kampf gegen das Coronavirus seine Massnahmen schon direkt nach Ostern wieder etwas lockern will. Auch in Dänemark hat Regierungschefin Mette Frederiksen angekündigt, das Land wahrscheinlich nach Ostern schrittweise wieder öffnen zu wollen. Einen genauen Plan hat sie aber noch nicht vorgelegt. In Tschechien wird aktuell über kleinere Ausnahmeregelungen für den Handel diskutiert, das Minderheitskabinett ist in dieser Frage aber heftig zerstritten. (dpa)