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OSTUKRAINE: Methoden des Terrors im Donbass

Die Fernsehsender der Donezker Rebellenrepublik präsentieren eine angesehene Ärztin und ihren Mann als ukrainische Spione. Obwohl deren Geständnisse fragwürdig klingen, drohen ihnen 20 Jahre Gefängnis.
Stefan Scholl, Dmitri Durnjew Donezk
Soldaten der sogenannten Donezker Volksrepublik während eines Gefangenenaustausches in der Nähe von Donezk. (Bild: Alexander Ermochenko/Getty (Oleksandrowka, 20. Februar 2016))

Soldaten der sogenannten Donezker Volksrepublik während eines Gefangenenaustausches in der Nähe von Donezk. (Bild: Alexander Ermochenko/Getty (Oleksandrowka, 20. Februar 2016))

Stefan Scholl, Dmitri Durnjew Donezk

Wer weiss, ob sie insgeheim mit der Ukraine sympathisierten oder fest an die Donezker Rebellen­republik (DNR) glaubten? Wie die meisten Bürger von Donezk redeten sie nicht viel über Politik. In jedem Fall sind Jelena Lasarewa, 50, und Andrei Kotschmuradow, 46, geblieben, als im April 2014 in Donezk der prorussische Aufstand gegen die Ukraine ausbrach. Die Stadt war ihr Leben: ihre Arbeit als Ärztin, sein Internet­geschäft, der gemeinsame Sohn, die zwei Enkel. Sie besassen eine Eigentumswohnung, zwei französische PWs.

Auf den Videos der DNR-Fernsehsender wirken Jelenas und Andreis Gesichter nicht reumütig oder gar panisch. Sie üben sich eher in Gehorsam und im Bemühen, ein logisches Geständnis aufzusagen. Man scheint ihren Selbstverteidigungswillen gründlich gebrochen zu haben.

Nach Angaben des MGB, des Staatssicherheitsministeriums der Aufständischen, hatten Be­amte des ukrainischen Geheimdienstes SBU das Ehepaar an einer ukrainischen Strassensperre festgenommen und sie als Spione angeworben. «Seit Juli 2016 bis in die Gegenwart habe ich über Whats­app SBU-Mitarbeitern regelmässig Informationen über die Wehrdienstleistenden geliefert, die sich zur Behandlung in unserer Abteilung aufhielten», sagt Jelena. Die Ukrainer hätten Personalien, Truppenteile, Adressen und die Verletzungen der ­Patienten inter­essiert. Andrei erklärte, von ihm hätten die SBU-Leute die Kundendatei des Providers verlangt, für den er arbeitete. Einziger Schönheitsfehler: Jelena sagt, der SBU hätte sie und ihren Mann im Juli 2016 angeworben. Ihr Mann hingegen nennt den Dezember 2016. Als hätte man ihnen erfundene und schlampig abgeglichene Geständnisse diktiert.

Enorme Angst vor drakonischen Strafen

Die Rebellenkanäle übertragen regelmässig solche Geständnisse im Fernsehen. Nach eigenen Angaben klärte das MGB dieses Jahr 45 Fälle auf, in denen es um Vaterlandsverrat und Spionage ging. 14 Personen erhielten Haftstrafen zwischen 12 und 18 Jahren. Viele Be­wohner der DNR leben in Angst, sie könnten verschleppt, festgenommen, gefoltert und als Ver­räter drakonisch bestraft werden.

Mitte Oktober kehrte Jelena von einer Gedächtnisfeier für ihre vor zwei Jahren verstorbene Mutter aus dem ukrainisch kontrollierten Pokrowsk nicht zurück. «Sie hatte eine Strassensperre der DNR passiert, rief ihren Sohn an, um zu sagen, sie sei fast zu Hause», erzählt ein früherer Kollege von Andrei. «Aber dann rief sie ihren Mann an: ‹Es gibt Probleme, du musst kommen und das klären›.» Danach verschwanden Jelena und Andrei mitsamt ihren Autos. Verwandte, Kollegen und Freunde begannen zu suchen, vergeblich.

Andrei und Jelena tauchten erst Mitte Dezember wieder auf, als geständige Verräter im Fernsehen. Obwohl fraglich ist, ob der SBU wirklich Bedarf für ihre Krankenakten und Kundenkarteien hat. Auch im Donbass späht man sich längst im Internet aus. Im Mai 2016 erhielten alle Beamten der DNR ihre Gehälter mit Verspätung, ukrainische Hacker hatten den Server des Informationsministeriums geknackt und dort auch die Dateien des Finanzministeriums abgegriffen.

Die Rebellen sperren gerne ein. Der kritische Donezker Blogger Stanislaw Assejew verschwand Anfang Juni, die DNR hat in­zwischen bestätigt, dass sie ihn gefangen hält. Selbst Minister, die zu laut über Probleme redeten, landen im Gefängnis. 403 Personen sind im Rebellengebiet laut der ukrainischen Unterhändlerin für die Minsk-Gespräche, Irina Geraschtschenko, spurlos verschwunden. Wie viele davon tatsächlich ihre Freiheit oder gar ihr Leben verloren haben, bleibt im Dunkeln.

Berichte über Folter und Drohungen

Der russische Politologe Roman Manekin, ein glühender Anhänger der Separatisten, der 2014 nach Donezk umgesiedelt war, schrieb im September, er habe eine Liste von allein 300 russischen Staatsbürgern, die in DNR-Gefängnissen sässen. Kurz darauf landete er selbst hinter Gittern. Danach klagte er, man habe ihm Plastiktüten über den Kopf gestülpt, ihn zusammengeschlagen und ihm die Glieder ausgerenkt. «Wenn ich noch mal da rein muss», sagt ein freigelassener Häftling über das Gefängnis der Stadt Gorlowka, «hänge ich mich in der Zelle auf.»

Wer weiss, was die Sicherheitsleute der DNR mit Jelena und ­Andrei gemacht haben? Fest steht, dass die Rebellen sie nach dem Strafgesetzbuch der Ukrainischen Sowjetrepublik von 1961 verurteilen werden, das für den Tatbestand des «Landesverrats» 12 bis 20 Jahre Haft vorsieht. Im Gegensatz zu Soldaten hat das Ehepaar kaum eine Chance, ausgetauscht zu werden, weil es der Ideologie der Separatisten widerspricht, Zivilisten der ukrainischen «Besatzungsmacht» auszuliefern. Auch auf der ukrainischen Seite gibt es schwarze Listen, in Kiew wurden mehrere kritische Journalisten ermordet, in ukrainischer Untersuchungshaft warten mutmassliche Separatisten auf ihren Prozess – oder den Gefangenenaustausch.

Auch Ärzte vertrauen einander nicht mehr

Aber in der Ukraine gibt es mehr Öffentlichkeit, mehr Rechtsschutz als in der DNR. Und im Donezker Umfeld Jelenas und Andreis wächst die Angst. Viele ihrer Freunde hatten Bekannte in den Behörden nach ihnen gefragt, jetzt könnten sie selbst als Sympathisanten in Verdacht geraten. Alle sind geschockt, weil es auch Jelena getroffen hat, eine ange­sehene Ärztin, die 27 Jahre auf der Neurochirurgischen Intensiv­station des Donezker Kalinin-­Spitals arbeitete. Dort werden seit 2014 auch viele Kriegsverletzte behandelt.

Die Mediziner fühlten sich unantastbar, jetzt aber sind die Gespräche in Jelenas Kollegenkreis kürzer geworden und formeller. «Sie liefert den Ukrainern per Whatsapp Krankenakten», behauptet ein Abteilungsleiter in dem Spital. In der Donezker Rebellenrepublik trauen auch die Ärzte einander nicht mehr.

Zu den Autoren

Der Mitautor unseres Moskau-Korrespondenten Stefan Scholl, Dmitri Durnjew, ist Donbass-Korrespondent der russischen Zeitung Moskowski Komsomoljez. Er hat früher selbst als Arzt auf der Neurochirurgischen Intensiv­station des renommierten Donezker Kalinin-Spitals gearbeitet.

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