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PALMYRA: «Vieles lässt sich retten und restaurieren»

Der syrische Antiken-Direktor Maamoun Abdulkarim ist erleichtert: Die Lage in der Ruinenstadt ist nach der Vertreibung des IS besser als erwartet.
Interview Martin Gehlen, Kairo
Die majestätische antike Stadt stammt aus dem 1. und 2. Jahrhundert. (Bild: AP Photo)

Die majestätische antike Stadt stammt aus dem 1. und 2. Jahrhundert. (Bild: AP Photo)

Maamoun Abdulkarim hat in Frankreich promoviert und ist seit 22 Jahren Professor für Archäologie an der Universität Damaskus. Im August 2012, mitten im eskalierenden Bürgerkrieg, wurde er vom Assad-Regime zum Direktor der syrischen Antikenverwaltung ernannt. Der international geschätzte Wissenschaftler erhielt 2014 in Venedig als erster den Cultural Heritage Rescue Prize der Unesco.

Wie ist momentan die Situation in Palmyra?

Maamoun Abdulkarim: Wir können uns bisher kein einheitliches Bild machen, weil es überall auf dem Gelände noch Minen gibt. Ich habe zurzeit 20 Mitarbeiter vor Ort, um die gesamten Schäden zu ermitteln, die durch den Islamischen Staat, Mafiabanden und Grabräuber angerichtet wurden. Insgesamt ist die Lage jedoch besser als erwartet. Schätzungsweise 80 Prozent der archäologischen Architektur sind intakt. Die Mehrheit der Gebäude sind in einem guten Zustand. Dazu zählen die Stadtmauern, die Kolonadenstrasse, das Theater, die grosse Agora, die Reste des Nebo-Tempels und das Lager des Diokletian. Ich beziehe mich dabei auch auf Informationen von russischen Journalisten und Videoaufnahmen, die durch Drohnen gemacht wurden.

Was sind die grössten Schäden?

Abdulkarim: Zwei Tempel wurden in die Luft gesprengt, der Tempel von Baal und der Tempel von Baal Shamin, sowie der Triumphbogen und zahlreiche Grabtürme. Aber die meisten Steine dieser Gebäude wurden durch die Explosionen nicht pulverisiert. Auch das Fundament und die Treppen sind noch vorhanden. Die Säulen sind umgefallen, aber nicht total zersplittert. Vieles lässt sich also retten und restaurieren. Wir wollen das in enger Zusammenarbeit mit der Unesco bewerkstelligen.

In welchem Zustand befindet sich das Museum von Palmyra?

Abdulkarim: Vor dem Angriff des Islamischen Staates haben wir 90 Prozent der Exponate evakuiert und nach Damaskus gebracht – Statuen, Keramiken, Münzen und Gläser. Nicht mitnehmen konnten wir die 15 Tonnen schwere Löwenstatue. Sie wurde vom IS komplett zerstört, aber die Teile lassen sich wieder zusammenfügen. Sie ist nicht verloren, auch das ist eine gute Nachricht. Sie wurde früher schon einmal restauriert. Aber alle Reliefs im Museum wurden von den Wänden heruntergeschlagen, alle Statuen umgeworfen, ihre Köpfe abgeschlagen oder ihre Gesichter zerschmettert. Mindestens 20 Statuen lassen sich restaurieren, sie werden allerdings nicht mehr aussehen wie früher, aber immer noch eine lebendige Ausstrahlung haben.

Wie lange wird es dauern, bis die weltweit bewunderte «Perle der Wüste» von Palmyra wiederhergestellt ist?

Abdulkarim: Das ist eine globale Aufgabe, denn Palmyra zählt zum Weltkulturerbe. Wenn wir über die Gebäude sprechen, die Tempel, die Grabestürme und den Triumphbogen, gehen wir von schätzungsweise fünf Jahren aus, um das meiste wieder fachmännisch zu restaurieren. In diesem Krieg wurden so viele Denkmäler und Kulturschätze zerstört. Aber wir haben die nötigen Fachkräfte wie Ingenieure, Architekten, Restauratoren und Archäologen für ihre Reparatur.

Wie haben Sie als Chef der syrischen Antikenverwaltung die Phase der IS-Barbarei in Palmyra erlebt?

Abdulkarim: Das waren die dunkelsten und härtesten Momente meines ganzen Lebens. Ich habe mich gefühlt wie in einem Gefängnis. Ich hatte das Gefühl, dass meine ganze Arbeit als Antikendirektor keinen Sinn mehr macht, als wäre mein eigener Sohn eine Geisel des Islamischen Staates. Es verging kein Tag, an dem ich nicht an Palmyra gedacht habe. Als die ersten Bilder von der Befreiung Palmyras im Fernsehen liefen, habe ich vor Freude geweint. Palmyra wurde nicht total ausradiert. Wir können die Stätte wieder aufbauen, und wir können sie an die Generation unserer Kinder weitergeben.

Wann werden Sie selbst wieder nach Palmyra fahren?

Abdulkarim: Dieser Traum wird bald in Erfüllung gehen. Momentan bin ich noch in Damaskus und auf Videobilder angewiesen. Denn die Armee muss zuerst alles absichern. Wahrscheinlich ist es mir aber schon in der nächsten Woche möglich, dorthin zu fahren und endlich alles mit eigenen Augen zu sehen.

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