Pandemie
Wilde Theorien über Omikron: Kam die Corona-Mutation mit der Weltklimakonferenz nach Europa?

Die neueste Corona-Variante B1.1.529 hält die Welt in Atem – und alle zeigen auf Südafrika. Allerdings tauchen immer mehr Fälle in Europa auf, bei denen sich keine direkte Verbindung dort hin herstellen lässt. Woher also kommt Omikron – und wie lange ist es bereits hier?

Sebastian Borger, London, Fabian Hock, Christoph Reichmuth, Berlin und Markus Schönherr, Pretoria
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Am Flughafen Schiphol in Amsterdam wird ein aus Südafrika eingereister PAssagier auf das Coronavirus getestet. Die Omikron-Variante ist längst in den Niederlanden angekommen.

Am Flughafen Schiphol in Amsterdam wird ein aus Südafrika eingereister PAssagier auf das Coronavirus getestet. Die Omikron-Variante ist längst in den Niederlanden angekommen.

Remko De Waal / EPA

Omikron gibt Rätsel auf. Die neueste, mutmasslich aus Südafrika stammende Coronamutation versetzt Regierungen weltweit in Alarmbereitschaft. Etliche Länder haben die Flüge nach Südafrika eingestellt. Derweil tauchen in Europa immer mehr Fälle auf, die vermuten lassen: Omikron ist schon viel länger hier, als wir bislang glaubten.

Die Variante selbst gibt es möglicherweise sogar bereits seit Anfang 2020. Der «Economist» berichtet über eine Entdeckung des US-Virologen Trevor Bedford aus Seattle. Demnach sei Omikron vom ursprünglichen Virus, das 2019 in Wuhan entdeckt wurde, abgezweigt – und zwar schon vor mehr als eineinhalb Jahren. Omikron wäre damit älter als die Delta-Variante.

Schottland: Rugby-Match oder COP26?

Besonders in Grossbritannien richten Wissenschafter derzeit alle Anstrengungen auf die Frage: Wie lange zirkuliert die vergangene Woche in Südafrika nachgewiesene Variante B.1.1.529 schon auf der Insel? Bis Dienstagabend waren Britannien-weit 22 Omikron-Fälle nachgewiesen, «aber es gibt bestimmt mehr», warnt Gesundheitsminister Sajid Javid.

Besondere Aufmerksamkeit erfährt ein Cluster in Schottland. Dort hatten sich neun Menschen mit Omikron infiziert, offenbar bei einer Privatfeier am 20. November, also vor der Gefährdungsmeldung aus Südafrika. Keine der Betroffenen sei kürzlich im Süden Afrikas unterwegs gewesen, berichtete die schottische Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon; auch sei keiner der Patienten so schwer erkrankt, dass eine Einweisung ins Spital nötig geworden wäre.

Als Infektionsherde in Frage kommen zwei Ereignisse in Glasgow: ein Rugbymatch zwischen Schottland und Südafrika am 13. November sowie die UNO-Klimakonferenz COP26 mit zahlreichen Delegierten aus der Region, die tags darauf zu Ende ging. Allerdings könnte die neue Variante auch schon länger im Umlauf sein. Experten wie der Oxforder Professor Oliver Pybus sprechen von «mindestens einem Monat».

Fälle in den Niederlanden, Portugal und Deutschland

Auch in anderen europäischen Ländern ist Omikron bereits im Umlauf. In Portugal wurden beim Fussballclub Belenenses Lissabon 13 Fälle entdeckt, auch in Dänemark ist die Variante angekommen. Über ein Dutzend Fälle wurden in den Niederlanden registriert.

In Deutschland sind drei bestätigte Fälle aus Bayern mit der neuen Coronavariante bekannt, in Hessen wurde ebenfalls ein Verdachtsfall bestätigt. Mehrere Verdachtsfälle werden auch aus Nordrhein-Westfalen gemeldet. Auch hier gehen Experten davon aus, dass die neue Variante schon weiter verbreitet ist als bekannt und durch Reiserückkehrer schon vor Wochen ins Land getragen wurden. Von «einigen Hundert Fällen» spricht etwa der Münchner Forscher Oliver Keppler.

In Afrika weiter verbreitet als gedacht

Rätselraten herrscht auch in Afrika, wo Omikron seinen Ursprung haben soll. Rechtzeitig zum Staatsbesuch des südafrikanischen Präsidenten Cyril Ramaphosa in Nigeria bestätigte das westafrikanische Land am Mittwoch: Die Variante hat auch diesen Teil des Kontinents erreicht. Nachgewiesen wurde sie bei zwei Reisenden, die letzte Woche aus Südafrika ankamen. Offenbar seien sie aber nicht die ersten Erkrankten in Afrikas bevölkerungsreichstem Land. Zur Überraschung vieler habe sich bei der nachträglichen Sequenzierung von Covid-Proben bestätigt, dass die Mutation Nigeria offenbar schon im Oktober erreicht hat.

Botswana gab am vergangenen Wochenende 15 weitere Ansteckungen mit Omikron bekannt. Eingeschleppt hätten das Virus vier Diplomaten, die das Land Mitte November besuchten. Woher diese kamen, wollten die Gesundheitsbehörden in Gaborone nicht verraten.

Und in Südafrika, wo Omikron erstmals nachgewiesen wurde, steigen die täglichen Neuinfektionen weiter. Von Dienstag auf Mittwoch gab es 4.300 neue Fälle - mehr als das Fünffache als eine Woche zuvor. Inwiefern die neue Variante für den plötzlichen Anstieg verantwortlich ist, bleibt unklar.

Dennoch sind Experten vorsichtig optimistisch: Bisher sei es bei Omikron-Erkrankten nur zu milden Verläufen gekommen. Selbst wenn die Variante möglicherweise ansteckender wäre, sei ein Virus mit schwachen Symptomen die bessere Option als ein «Virus, das seinen Wirten tötet», meint die Ärztin von der Uni Pretoria, Elize Webb.

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