Diplomatie

Panne an G20-Gipfel verbreitet unschmeichelhafte Aussagen Sarkozys

Eine technische Panne beim G20-Gipfel in Cannes hat faszinierende Einblicke in eine offene Aussprache der Präsidenten Barack Obama (USA) und Nicolas Sarkozy (Frankreich) gewährt.

Stefan Brändle, Paris
Drucken
Teilen
Sarkozy kann in vermeintlich unbeobachteten Momenten recht undiplomatisch sein (Archiv)

Sarkozy kann in vermeintlich unbeobachteten Momenten recht undiplomatisch sein (Archiv)

Keystone

Vier Tage lang hielten die Journalisten dicht. Am Dienstag ist aber bekannt geworden, was bekannt werden musste: Frankreichs Staatschef hält den israelischen Ministerpräsidenten für einen Lügner, und der amerikanische Staatschef kann dies gut nachvollziehen.

Gespräch konnte live mitverfolgt werden

Etwas konkreter: Nicolas Sarkozy und Barack Obama führten am Freitag am G20-Gipfel in Cannes eine bilaterale Unterredung, und ein halb Dutzend französische Journalisten wartete im Nebenraum auf die Ergebnisse. Man hatte ihnen versprochen, dass die beiden Staatsmänner danach ein gemeinsames Statement abgäben; dazu sollten auch Kopfhörer verteilt werden. Zuvor schon steckte ein Reporter das Kabel seines Handy-Kopfhörers in die Buchse - und siehe da, er konnte das Gespräch live mitverfolgen.
Flugs stöpselten auch seine Kollegen. Was sie hörten, war erstaunlich. "Ich kann ihn nicht mehr sehen, er ist ein Lügner", meinte Sarkozy zu Obama, wobei er vom israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu sprach. Der Amerikaner antwortete: "Du hast vielleicht genug von ihm, aber ich habe jeden Tag mit ihm zu tun."
Danach wurden die Journalisten offenbar ertappt. Sie fanden selbst, dass sie die Intimität des Gesprächs widerrechtlich verletzt hätten, und vereinbarten Stillschweigen. Dem bekannten Pariser Medienjournalisten Daniel Schneidermann kamen die Worte aber zu Ohren. In seiner Sendung "Arrêt sur images" enthüllte er nun den Wortlaut.

Das Schweigen der Gipfel-Berichterstatter dürfte auch mit dem brisanten Hintergrund des Gesprächs zu tun haben. Sarkozys Urteil war nämlich auch eine indirekte Replik auf Obamas Kritik, dass die Franzosen Washington nicht informiert hätten, dass sie die palästinensische Vollmitgliedschaft in der Unesco unterstützten. Er bat Sarkozy, auf die Palästinenser einzuwirken, dass sie ihren Antrag auf die Uno-Mitgliedschaft weniger energisch vorantrieben.

Nettigkeiten unter Politikern

Ohne diesen Kontext wäre der Gesprächsinhalt kaum so lang geheim geblieben. Die Zeitschrift Businessweek veröffentlichte gestern zufällig eine Reihe von Nettigkeiten, die unter Politikern in den letzten Monaten ausgetauscht wurden. Meist ist Sarkozy beteiligt. Der britische Premier David Cameron bezeichnete ihn schon als "Gartenzwerg"; Angela Merkel verglich ihn mit Louis de Funès und Mr. Bean.
Der Franzose meinte dafür von der Kanzlerin: "Sie gibt vor, abmagern zu wollen, nimmt aber zweimal Käse." Vom spanischen Kollegen José Luis Zapatero hatte Sarkozy gemeint, er sei "vielleicht nicht sehr intelligent". Ein Le Monde-Journalist erzählt auf seinem Blog, dass hochrangige Europapolitiker unter sich oft auf Sarkozy zu sprechen kommen: "Sagst du mir, wie er über mich schnödete, oder soll ich beginnen?", begännen die diplomatischen Gespräche bisweilen. Netanjahu kann bei diesem Spiel nun auch mitmachen.