Vatikan
Papst Franziskus macht Geschiedenen Hoffnung – und enttäuscht die Homosexuellen

In seinem Buch zum Familienbild der katholischen Kirche rüttelt Papst Franziskus nicht grundsätzlich an der bisherigen Lehre – teilweise schlägt er aber neue Töne an.

Dominik Straub, Rom
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Der Papst küsst auf dem Petersplatz in Rom ein Baby – «nur die Vereinigung zwischen einem Mann und einer Frau ermöglicht die Fruchtbarkeit».ALESSANDRO DI MEO/key

Der Papst küsst auf dem Petersplatz in Rom ein Baby – «nur die Vereinigung zwischen einem Mann und einer Frau ermöglicht die Fruchtbarkeit».ALESSANDRO DI MEO/key

KEYSTONE

Die Erwartungen an die «Buchvorstellung» im Vatikan waren gross. Immerhin hatten Bischöfe aus der ganzen Welt in den Jahren 2014 und 2015 zweimal drei Wochen lang über die Familie diskutiert und dabei auch kontroverse Themen wie den Umgang der Kirche mit wieder verheirateten Geschiedenen oder mit Homosexuellen angeschnitten.

Diese beiden ewigen Streitpunkte finden sich auch im nachsynodalen Schreiben «Amoris Laetitia» («Freude der Liebe») wieder, in welchem Papst Franziskus seine Eindrücke aus der Synode zusammenfasst. Doch auf konkrete Vorgaben, auf die endgültige römische Lösung, verzichtet der Papst – zumindest bei den wieder verheirateten Geschiedenen.

Es gibt «zahllose Unterschiede»

«Wenn man die zahllosen Unterschiede der konkreten Situationen berücksichtigt, kann man verstehen, dass man von der Synode oder von diesem Schreiben keine neue, auf alle Fälle anzuwendende kanonische Regelung erwarten durfte», schreibt Franziskus. Der Papst betont stattdessen die Wichtigkeit der «Unterscheidung», die Notwendigkeit, nicht alle Verbindungen über einen Kamm zu scheren: Es gebe viele Gründe, warum eine Ehe scheitern könne. Geschiedene, die eine neue Verbindung eingegangen seien, könnten sich in sehr unterschiedlichen Situationen befinden. Es gebe zum Beispiel auch den Fall einer zweiten Verbindung, die sich «im Lauf der Zeit gefestigt hat, mit erwiesener Treue, grosszügiger Hingabe und christlichem Engagement».

Und da die Verantwortung nicht in allen Fällen dieselbe sei, müssten auch die Konsequenzen oder die Wirkungen einer kirchlichen Norm (wie der Ausschluss von der Kommunion) nicht immer die gleichen sein. «Die Priester haben die Aufgabe, die betroffenen Menschen entsprechend der Lehre der Kirche und den Richtlinien des Bischofs auf dem Weg der Unterscheidung zu begleiten», betont der Papst.

Bezüglich der wieder verheirateten Geschiedenen sei es an den Ortsbischöfen zu entscheiden, «welche der verschiedenen derzeit praktizierten Formen des Ausschlusses im liturgischen, pastoralen, erzieherischen und institutionellen Bereich überwunden werden können».

«Niemand auf ewig verurteilen»

Der Schlüssel zur seelsorgerischen Begleitung der wieder verheirateten Geschiedenen und anderer Gläubiger, die in «irregulären Situationen» lebten, sei die Integration, betont Franziskus. Es gehe darum, alle einzugliedern; man müsse jedem Einzelnen helfen, seinen eigenen Weg zu finden, an der kirchlichen Gemeinschaft teilzuhaben. «Niemand darf auf ewig verurteilt werden, denn das ist nicht die Logik des Evangeliums.» Die Kirche wende sich liebevoll auch jenen zu, «die auf unvollendete Weise an ihrem Leben teilnehmen».

Ausserdem müsse die Kirche «demütig erkennen», dass sie mit ihrem bisherigen Festhalten an einem abstrakten Idealbild der Familie, das oft wenig mit der Realität zu tun gehabt habe, die «Ehe nicht erstrebenswerter gemacht, sondern das völlige Gegenteil bewirkt» habe.

Diese Selbstkritik und die Barmherzigkeit gegenüber menschlichem Scheitern dürften aber nicht verwechselt werden mit einer Haltung des Laisser-faire, betont Franziskus. Die Kirche dürfe nicht darauf verzichten, sich zugunsten der Ehe zu äussern, nur um «in Mode zu sein». Angesichts des «moralischen und menschlichen Niedergangs» würde man der Welt damit Werte vorenthalten, die sie nötig habe. Ehe und Familie behielten ihren hohen Stellenwert: «Nur die ausschliessliche, unauflösliche Vereinigung zwischen einem Mann und einer Frau erfüllt die vollkommene gesellschaftliche Funktion, weil sie eine beständige Verpflichtung ist und die Fruchtbarkeit ermöglicht.»

Der Verweis auf die Fruchtbarkeit ist zugleich eine klare Absage an die Homo-Ehe: Die Kirche müsse zwar die Vielfalt familiärer Situationen anerkennen, die einen «gewissen Halt» geben könnten. «Doch die eheähnlichen Gemeinschaften oder die Partnerschaften zwischen Personen gleichen Geschlechts können nicht einfach mit der Ehe gleichgestellt werden», heisst es in «Amoris Laetitia». Diese Partnerschaftsformen beeinträchtigten «die Reifung der Personen und die Pflege der gemeinschaftlichen Werte». Das hatten selbst Franziskus’ konservative Vorgänger, Johannes Paul II. und Benedikt XVI., nicht deutlicher ausgedrückt. Kommentar rechts