Vatikan
Papst Franziskus reist auf Lesbos, um zwischen Flüchtlingen und Bewohnern «Nähe zu vermitteln»

Papst Franziskus reist am Samstag auf die griechische Insel Lesbos und besucht dort Flüchtlinge und Einwohner. Das katholische Kirchenoberhaupt protestiert damit gegen die mangelnde Solidarität Europas mit den «Brüdern und Schwestern, die unsere Hilfe am dringendsten benötigen».

Dominik Straub, Rom
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Papst Franziskus reist nach Lesbos.

Papst Franziskus reist nach Lesbos.

KEYSTONE/EPA ANSA/ETTORE FERRARI

Die Reisepläne für Lesbos wurden vom Vatikan erst Mitte letzter Woche bekannt gegeben. So kurzfristig hat selbst der für seine Spontanentscheide bekannte Franziskus noch nie eine Reise angekündigt. Die Eile belegt, wie besorgt der Papst über die gegenwärtige Entwicklung in der europäischen Flüchtlingspolitik und insbesondere über die Schliessung der Balkanroute und das Abkommen zwischen der EU und der Türkei ist.

«Wir sollten uns beschämt fühlen, die Türen zu schliessen.» Petro Parolin, Staatssekretär im Vatikan

«Wir sollten uns beschämt fühlen, die Türen zu schliessen.» Petro Parolin, Staatssekretär im Vatikan

Er wolle den Flüchtlingen und Bewohnern von Lesbos «Nähe und Solidarität» vermitteln, erklärte Franziskus anlässlich der gestrigen Generalaudienz auf dem Petersplatz vor Zehntausenden Gläubigen. Das griechische Volk habe sich sehr grosszügig bei der Aufnahme von Hilfesuchenden verhalten.

Von der EU hätten der Papst und der Vatikan hingegen deutlich mehr erwartet. Der Kurienkardinal und Präsident des päpstlichen Flüchtlingsrates, Antonio Mario
Veglio, erklärte kürzlich gegenüber der Vatikanzeitung «L’Osservatore Romano», mit dem Flüchtlingsabkommen zwischen Brüssel und Ankara würden die Menschenrechte der Flüchtlinge beschädigt. Die Vereinbarung sei « kurzsichtig und zynisch»: Bei den Flüchtlingen handle es sich schliesslich um Menschen, nicht um Waren.

Scharf ins Gericht mit der EU-Flüchtlingspolitik ging auch der vatikanische Staatssekretär Pietro Parolin: «Wir sollten uns beschämt fühlen, die Türen zu schliessen – als ob das in unserem Europa mühevoll erkämpfte humanitäre Recht keinen Platz mehr hätte», sagte Parolin angesichts der Zustände in Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze.

Die «globalisierte Gleichgültigkeit»

Unter Franziskus, dem Sohn eines italienischen Auswanderers, ist das Schicksal der Migranten im Vatikan zu einem beherrschenden Thema geworden. Die Reise nach Lesbos ist bloss eine weitere Etappe in einer Reihe von zahlreichen anderen, oft spektakulären Besuchen und Auftritten, die der Papst in den drei Jahren seit seiner Wahl absolvierte. Bereits seine erste Reise ausserhalb der vatikanischen Mauern hatte Franziskus im Juli 2013 auf die italienische Flüchtlingsinsel Lampedusa geführt. Dort geisselte er die «Kultur des Wohlergehens», welche die Menschen taub gemacht habe für die Schreie der anderen. «Wir haben uns an das Leid der anderen gewöhnt, es geht uns nichts an, es interessiert uns nicht», rief der Papst. Die globalisierte Welt sei in eine «globalisierte Gleichgültigkeit» verfallen.

Später besuchte der Papst aus Argentinien unter anderem Migranten an der Grenze zwischen Mexiko und den USA, ein Flüchtlingslager in einem Elendsviertel von Bangui in der Zentralafrikanischen Republik und zuletzt – am Gründonnerstag – ein Aufnahmezentrum nördlich von Rom, wo er zwölf Flüchtlingen unterschiedlicher Konfessionen die Füsse wusch. Seine Botschaft ist immer dieselbe: «Die Flüchtlinge sind Menschen wie wir, sie sind unsere hungernden und verfolgten Brüder», erklärte Franziskus vor einem Jahr, nachdem in der Strasse von Sizilien beim Untergang eines Flüchtlingsbootes über 700 Menschen umgekommen waren. Der Papst fordert von den reichen Ländern Mitgefühl und Respekt für «diejenigen, die unsere Hilfe am nötigsten haben». Und er erinnert daran, dass die Hilfe für die Schwächsten eine Christenpflicht sei.

Griechenland bedankt sich

Auf Lesbos befinden sich derzeit rund 20 000 Flüchtlinge. In den letzten Tagen wurden die ersten Flüchtlinge von Lesbos in die Türkei zurückgebracht, wie es das Abkommen zwischen der EU und Ankara vorsieht. Die griechische Regierung, die sich von der EU wegen der Schliessung der Balkanroute ebenfalls im Stich gelassen fühlt, hat sich bei Franziskus bereits für seine Reisepläne bedankt. Bei seinem Besuch auf Lesbos wird der Papst vom griechischen Präsidenten Prokopis Pavlopoulos begleitet. Aus Istanbul wird ausserdem das Ehrenoberhaupt der Weltorthodoxie, Patriarch Bartholomäus I., anreisen. Der Vatikan betonte deswegen auch den ökumenischen Charakter der Reise.