Argentinien
«Papstwahl ist nicht dasselbe wie ein Fussballspiel»

Wer erwartet hatte, dass die Wahl des ersten lateinamerikanischen Papstes dessen Landsleute in Argentinien zur Massenkundgebung mobilisieren würde, ist enttäuscht, wenn er an diesen Tagen durch die Innenstadt von Buenos Aires schlendert.

Daniel Vizentini, Buenos Aires
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Argentinier reagieren gelassen auf die Papstwahl

Daniel Vizentini

Am Mittwochabend nach der Ankündigung von Jorge Mario Bergoglio als neuer Papst hatten sich immerhin 500 Menschen vor der Kathedrale an der Plaza de Mayo versammelt. Die fast schon zur steten Stadtkulisse gehörenden politischen Demonstrationen auf demselben Platz bringen aber locker Tausende zusammen - von einem Sieg der lokalen Fussballmannschaften ganz zu schweigen.

„Natürlich ist die Papstwahl nicht dasselbe wie ein Fussballspiel", sagt eine Argentinierin mittleren Alters auf der Strasse. „Vielleicht gab es auch keine Massenkundgebung, weil der neue Papst Gegner der aktuellen, populären Regierung ist." Berührt habe sie die Wahl eines Argentiniers zum Papst aber sehr - und vor allem überrascht. Überhaupt scheint es so, als hätten die Argentinier keinen Rappen auf ihren Landsmann gesetzt. „Wir waren gar nicht darauf vorbereitet", sagt die Verkäuferin im kleinen Souvenirladen in der Kathedrale.

Die Nachfrage nach Artikeln zum neuen Papst sei enorm. Anbieten konnte sie aber nur Bilder oder Schlüsselanhänger vom heiligen Franziskus. Binnen weniger Stunden waren diese ausverkauft. Schlauer und schneller waren da die Strassenverkäufer, die bereits am Mittwoch Buttons in unterschiedlichen Grössen mit dem Bild von Papst Franziskus I. oder Vatikanflaggen vor der Kathedrale anboten.

A4-Blatt als neue Touristenattraktion

Die lokalen Fernsehsender berichteten nonstop über den neuen Papst. Erwartungsgemäss füllte das Bild von Papst Franziskus die Titelseiten aller argentinischen Zeitungen - sogar diejenige der Sportzeitung Olé, die mit der Schlagzeile „Die neue Hand Gottes" die Brücke schlug zu Fussballgott Maradona. Am Donnerstag standen noch rund 15 Fernsehwagen vor der Kathedrale, darunter einige von ausländischen Agenturen. Zu berichten gab es aber nicht viel. „Wir sind hauptsächlich hier, damit wir für die Fernsehaufnahmen die Kathedrale im Hintergrund zeigen können", sagte eine Journalistin von Associated Press.

Einziges Ereignis an dem Tag war die Messe am Abend, die nur mässig besucht wurde. Unscheinbar war beim Eingang der Kathedralen ein A4-Blatt aufgehängt mit der Aufschrift „Habemus Papam" und einem Bild des neuen Papstes darunter. Einer nach dem anderen liessen sich Touristen davor ablichten, darunter auch ein Schweizer Ehepaar aus Kirchberg BE. „Wir hatten hier noch vor unserem Taxifahrer vom neuen Papst erfahren", erzählen sie. „Einige Argentinier sagten uns, sie hätten eher mit dem Brasilianer gerechnet."

„Er hat bei mir zuhause Mate getrunken"

Augenfällig war immerhin, wie die Stadt nach und nach mit Vatikanflaggen dekoriert wurde. Beim Obelisk an der Avenida 9 de Julio, dem Markenzeichen der argentinischen Hauptstadt, wurde am Donnerstag eine grosse gelb-weisse Flagge gehisst. Am Freitagmorgen liess Bürgermeister Mauricio Macri - ebenfalls politischer Gegner der aktuellen Landesregierung - an den Strassenlaternen an der Plaza de Mayo kleine Flaggen Argentiniens, der Stadt Buenos Aires und des Vatikans aufhängen. Die meisten Fernsehwagen waren da bereits weg.

Ausgeharrt hatte aber Leo Reales, ein Bewohner des bekanntesten Slums von Buenos Aires, der Villa 31. Neben ihm war ein weisses Leintuch aufgehängt, darüber aufgesprayt die Aufschrift: „Die Villa 31 ist anwesend." „Seit 30 Jahren geht Bergoglio ein und aus in unserem Viertel. Erst vor kurzem war er wieder bei uns", sagt Reales, der die Berichte, wonach der neue Papst ein Priester der Armen sei, bestätigt. „Er hat mehrmals Messen abgehalten in der Villa 31 und unsere Kinder getauft." Für ihn sei klar, dass sie deshalb ihre Freude öffentlich bekunden müssen. Mit ihm waren aber keine zehn Bewohner der Villa 31 anwesend. „Bergoglio war bei mir zuhause, hat bei mir Mate getrunken. Wir können kaum glauben, dass er jetzt Papst geworden ist."