Frankreich
Paris geht gegen die Taschendiebe vor dem Louvre vor

Vorsicht vor dem Lächeln der Mona Lisa: Der Louvre gilt als Eldorado für Taschendiebe. Mit grösserem Polizeiaufgebot kämpfen die Behörden nun gegen die ungewünschten Personen.

Stefan Brändle, Paris
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In flagranti: Zwei Frauen bestehlen vor dem Louvre-Museum einen Touristen.JC Marmara/ Figarophoto

In flagranti: Zwei Frauen bestehlen vor dem Louvre-Museum einen Touristen.JC Marmara/ Figarophoto

Wie vor einem Popstar drängelt sich die Menschenmenge, die Handys und Tablets zum Fotografieren in die Höhe gereckt. Doch Mona Lisa, unbeeindruckt von dem Andrang, lächelt weiter. Sie ist hinter dem fünf Zentimeter dicken Panzerglas in Sicherheit. Ihre Fans weniger. Die sind zwar nach langer Suche durch das Labyrinth des Louvre-Museums endlich am Ziel und haben nur noch Augen für Leonardo da Vincis Muse.

«Aber manchmal», sagt ein Wachmann in Verwendung eines französischen Ausdrucks, «bleiben ihnen nur noch die Augen zum Weinen.» – Dann nämlich, wenn ihnen alles andere gestohlen wurde. Dann stehen sie im Polizeikommissariat des Louvre-Viertels Schlange, um einen Diebstahl zu deklarieren. 120 Trickdiebstähle pro Monat registrierte das grösste Museum der Welt bis im Frühling. Bis es dem Louvre-Personal zu bunt wurde: An einem Apriltag traten die Wachleute in den Streik, um gegen die zunehmend aufsässigen Banden meist minderjähriger «Pickpockets» – so der Pariser Jargon – zu protestieren.

Bewaffnet im Eiffelturm

Der Louvre blieb einen Tag geschlossen, und die Weltpresse berichtete darüber. Pariser Wirte und Hoteliers schimpften über den Imageverlust für die Lichterstadt, der konservative Stadtabgeordnete Pierre Lellouche betitelte Rumänien und Bulgarien als «Schurkenstaaten», die nichts unternähmen gegen den Kriminalexport.

Zumindest die Behörden handelten, um den Ruf der französischen Hauptstadt bei den fast 30 Millionen Besuchern im Jahr zu retten. Sie erklärte die wichtigsten Touristenattraktionen, darunter auch Champs-Élysées und Opéra, zudem Kaufhäuser und Luxushotels zu «extrem heiklen Zonen» (ZES). Dort patrouillieren nun 200 Polizisten in Uniform und zivil, zu Fuss oder auf Rollern. Im Eiffelturm fahren bewaffnete Uniformierte heute sogar mit dem Lift hoch, in dessen Gedränge die Langfinger besonders aktiv waren.

Im Mai feierte die Pariser Justiz einen ersten Fahndungserfolg: Der Bosnier Fahim Hamidovic, Kopf eines ganzen Pickpocket-Netzwerkes, das Dutzende von Mädchen aus Osteuropa zum Stehlen gezwungen hatte, wurde in Paris zu sieben Jahren Haft verurteilt.

Für die Bestohlenen führt die Polizei auf den Wachposten eine neue Software ein, die es erlaubt, die Aussagen in 26 Sprachen aufzunehmen. An den Pariser Flughäfen erhalten Einreisende aus Fernost eine Broschüre namens «Paris in völliger Sicherheit». Sie gibt Ratschläge: Keine Rucksäcke, keine Brieftasche in der Gesässtasche und so wenig Bargeld wie möglich auf sich tragen; nichts auf den Boden stellen, bei Entreissdiebstählen keinen unnötigen Widerstand leisten und keine Petitionen unterschreiben.

Der Strassenkehrer weiss Bescheid

Im Louvre steht die Mona Lisa nun flankiert von zwei grossen Tafeln, die in neun Sprachen, darunter vier asiatischen, deklamiert: «Achtung vor Taschendieben!» Seither sind die Diebstähle im Museum auf 25 Prozent zurückgegangen – obwohl die Besucher vor der Mona Lisa immer noch die Arme zum Fotografieren hochhalten und die Gürtelzone entblössen.

Auch vor dem Museumseingang sind die kleinen Diebinnen verschwunden. Die Patrouillen sind diskret: «Der Schein-Tourist mit Sonnenbrille und Fotokamera dort drüben – das ist ein Flic», lacht ein Besenmann neben der Louvre-Pyramide. Im benachbarten Tuilerienpark erzählt ein Wachmann ebenso freimütig, dass er heute Morgen eine Asiatin aus den Klauen zweier Pickpockets gerettet habe; sie hätten sich mit Mänteln über dem Arm herangemacht, um darunter in die Taschen des Opfers zu greifen.

Seit der Verurteilung des Hamidovic-Clans habe sich die Lage allerdings bedeutend gebessert, meint der Muskelprotz mit roter «Sécurité»-Binde. Immerhin: In der Metrolinie eins warnt nach der Station Louvre-Rivoli eine Live-Durchsage des Lautsprechers auf Französisch: «Es scheint, dass im hinteren Teil junge Taschendiebe eingestiegen sind. Achten Sie auf Ihr Gepäck.»

In dem durchgehenden U-Bahn-Zug entsteht Bewegung, bei der Station Concorde steigen ein paar Mädchen aus, allerdings ohne davonzurennen. Eine chinesische Familie wundert sich, dass ihnen alle Fahrgäste nachschauen.