Paris protestiert gegen die Ausgangssperre - ist Macron zu weit gegangen?

Die rebellische Hauptstadt ist alles andere als glücklich mit den neuen Einschränkungen gegen das Coronavirus.

Stefan Brändle aus Paris
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Sperrt die Einwohner von Paris ab 21 Uhr in ihre Häuser ein: Präsident Emmanuel Macron.

Sperrt die Einwohner von Paris ab 21 Uhr in ihre Häuser ein: Präsident Emmanuel Macron.

Daniel Cole / Pool / EPA

Die ab Samstag gültige Sperrstunde für neun französische Grossstädte sorgt vor allem in Paris für einen «Wind der Revolte», wie die gutbürgerliche Zeitung «Le Figaro» voller Sorge berichtet. Die 16- bis 25-Jährigen verstünden nicht, warum sie nach 21 Uhr nicht mehr ins Kino oder die Disko dürften, während die Züge und Metro – wo man zeitweise sehr eng steht – weiterhin verkehrten.

Es ist hart, im Jahre 2020 zwanzig Jahre alt zu sein

Dabei hatte Macron alles versucht, um sich am Donnerstag bei seiner Ankündigung so verständnisvoll wie möglich zu geben. «Es ist hart, im Jahre 2020 zwanzig Jahre alt zu sein», meinte er mit mitfühlender Stimme. Das Linksblatt Libération wirft dem 42-jährigen Präsidenten dennoch vor, er setze «den Deckel» auf Paris.

Das ist ein Wortspiel mit dem Begriff Sperrstunde, der auf Französisch «Abdeckung des Feuers» (couvre-feu) heisst. Und das Feuer gehe in der Lichterstadt, aber auch in Studentenstädten wie Marseille oder Montpellier völlig aus, moniert «Libé», um nüchtern zu resümieren: «Macron heiligt die Arbeit und opfert die Nacht.» Anders gesagt: Er unterbinde das Sozialleben - das nun einmal abends stattfinde - einzig, um das Arbeitsleben zu retten.

Wirte und Kinobesitzer sehen sich als Bauernopfer

Und das kann namentlich Paris, wo Arbeiten im besten Fall Mittel zum Zweck ist, nicht durchgehen lassen. Die Wirte, Barkeeper, Theater- und Kinobesitzer fragen in den Medien, warum ihr Geschäft schliessen müsse, um die übrige Landeswirtschaft zu retten; sie gehörten schliesslich auch zu dieser Wirtschaft.

Kulturministerin Roselyne Bachelot verlangte von ihrer eigenen Regierung, dass Theater und Kinos bis 22 Uhr offenhalten könnten, um eine 20-Uhr-Vorstellungen abhalten zu können. Nachtklubbesitzer betonten diese Woche bei mehreren Protestkundgebungen, in Frankreich habe sich bisher keine einzige Diskothek als Covid-Hotspot erwiesen.

Die 12000 Polizisten, welche die Einhaltung der Sperrstunde ab Samstag kontrollieren müssten, stünden oft enger beisammen als die selten gewordenen Tänzerinnen und Tänzer in den Klubs. Immerhin müssen die Flics eine Schutzmaske tragen.

Neue Massnahmen noch unbeliebter als der Lockdown vom Frühjahr

Generell scheint es, dass die Pariserinnen und Pariser die neusten Schutzmassnahmen gegen das Coronavirus noch weniger akzeptieren als den vollständigen Lockdown im Frühjahr. Im April und Mai hatten alle 65 Millionen Franzosen gleichermassen zu Hause bleiben müssen. Nun trifft es einige stärker als andere: Die neun Städte, darunter auch Lyon, Toulouse oder Lille, kommen zusammen auf 18 Millionen Einwohner. Und auch in Paris mit seinen zwölf Millionen Bewohnern sind die Jugendlichen am meisten getroffen.

Allerdingts gelten sie, wie Macron am Donnerstag nur andeutete, als hauptsächliche «Spreader», als Virusverbreiter. Premierminister Jean Castex wiederholt seither fast stündlich, es gebe keine Alternative zur Sperrstunde. Damit sorgt er für zunehmend wütende Reaktionen, obwohl ihm die Zahlen recht geben.

Am Donnerstag wurden erstmals überhaupt mehr als 30000 Franzosen binnen 24 Stunden angesteckt - ein Zeichen mehr, dass die zweite Coronawelle voll über Frankreich schwappt. Die Bussen wegen Verletzung der Sperrstunde (21 Uhr bis 6 Uhr in der Früh) betragen 135 Euro, bei Rückfälligkeit sogar 1500 Euro. Aber in Paris ging das Ausgehen schon immer ins Geld.

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