PARIS: Vergessener Held des Bataclan

Ein Saalwächter (35) des Pariser Bataclan-Lokals hat bei den Anschlägen im November Dutzenden Gästen das Leben gerettet. Jetzt könnte der Algerier Franzose werden.

Stefan Brändle, Paris
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Ermittlungsarbeiten vor dem Lokal Bataclan in Paris nach den Anschlägen. (Bild: AP/Christophe Ena)

Ermittlungsarbeiten vor dem Lokal Bataclan in Paris nach den Anschlägen. (Bild: AP/Christophe Ena)

Er nennt sich Didi, seinen Nachnamen will er nicht angeben. Er scheut das Rampenlicht und zeigt sich auch nicht im Bild. Aber seine Tat dringt langsam ans Tageslicht. Der 35-jährige Türsteher rettete im November, als drei Terroristen in das Pariser Konzertlokal Bataclan drangen und 90 Personen eiskalt erschossen, zahlreiche Leben. Erst jetzt, zwei Monate nach der Blutnacht von Paris, wird das Ausmass seines Handelns bekannt. Eine Petition, die in wenigen Tagen mehr als 37 000 Unterschriften gesammelt hat, verlangt, dass die Regierung dem gebürtigen Algerier die französische Staatsbürgerschaft verleiht.

Verdient wäre sie allemal. An jenem Freitag dem 13. befand sich Didi vor dem Konzertlokal. Zuerst eröffnete das schwer bewaffnete Trio das Feuer auf die Caféterrasse vor dem grossen Saal. «Es war sofort klar, das war kein Böllerzeug, auch kein Einbruch», erzählt er heute. «Die wollten Leute töten.»

Er blieb, statt zu rennen

Didi hätte wie alle anderen davonrennen können. Er blieb. Sein erster Gedanke galt den 1500 Gästen des ausverkauften Rockkonzertes. «Es war wie ein Reflex, dass ich in den Saal rannte, die Türe eines Notausgangs aufriss und die Leute zum Verlassen des Saals anhielt.» Spätestens jetzt hätte sich Didi mit ihnen in Sicherheit bringen können. Doch der Türsteher, seit 2004 für die Sicherheit im Bataclan verantwortlich, wusste, dass der Ausgang sehr eng war. Ohne sich die Folgen zu überlegen, rannte er seitwärts durch den Saal und öffnete weitere Notausgänge ins Freie. Doch jetzt waren die Terroristen eingetroffen. Didi war wie die Umstehenden in der Falle. Er legte sich wie alle auf den Boden. Die, die noch lebten, stellten sich tot.

«Ohne ihn wäre ich tot»

In dem Moment wurde Didi von einem Kollegen gesucht. «Cyril an Didi, bitte kommen», schnarrte sein Walkie-Talkie. Der Anruf hätte sein Todesurteil bedeuten können. Doch Didi dachte nicht ans Sterben, sondern passte eine Gelegenheit zum Handeln ab. Als die Täter ihre Magazine nachluden, sprang er auf, rannte zum zehn Meter entfernten Notausgang, öffnete ihn und rief: «Schnell, kommt schnell.» Die ersten Gäste retteten sich, auf die hinteren schossen die Killer; Didi versuchte mit anderen, die Verletzten ins Freie zu ziehen. Eine der Geretteten, Myriam, erklärte am französischen Fernsehen, sie sei in dem Inferno blind Didis vertraueneinflössender Stimme gefolgt. Die Frau ist sich sicher: «Ohne ihn wäre ich tot.»

«Positive Beispiele zeigen»

Lanciert wurde die Petition für den «vergessenen Helden des Bataclan» von der Anti-Rassismus-Organisation Cran. Sie erinnert daran, dass auch die Charlie-Hebdo-Anschläge von Januar 2015 einen Helden hervorgebracht hätten, der aus der Immigration stamme: Lassana Bathily, ein 25-jähriger Angestellter des jüdischen Supermarktes, hatte mehrere Geiseln im Untergeschoss versteckt und dann die Polizei informiert. Sowohl der Malier Bathily wie er, der Algerier Didi, haben die gleiche Herkunft wie einzelne Terroristen, die feige auf Wehrlose schossen und deren Konterfeis um die Welt gingen.

Die Heldentaten ihrer mutigen Landsleute korrigieren das Bild. Auch deshalb heisst es in der Petition: «Es ist wichtig, den Jugendlichen in Frankreich positive Beispiele zu zeigen, mit denen sie sich identifizieren können.» Und weiter: «Es wäre ein Zeichen für den Willen des französischen Staates, mit der Stigmatisierung einer gewissen Kategorie französischer Bürger aufzuräumen.» Deshalb, so die Petition, solle beiden Männern zudem die Ehrenlegion verliehen werden.

Gemeinsam ist beiden auch die Bescheidenheit. «Die wahren Helden sind die Hunderten Verletzten und jene Angehörigen, die nun ohne Sohn, Tochter, Vater oder Mutter weiterleben müssen», erklärte Didi, der kürzlich geheiratet hat. Lassana – der heute als Angestellter eines Pariser Sportstadions für monatlich 1400 Euro arbeitet – sagte vor einem Jahr schon, als ihn Innenminister Bernard Cazeneuve die Staatsbürgerschaft verlieh: «Die wahren Helden sind die Leute, die für Frieden kämpfen wie Nelson Mandela.»