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Paris wird zur Zeltstadt

Die Polizei hat ein wildes Flüchtlingslager in Paris geräumt. Es war aber nur das grösste von vielen: Hunderte von Migranten leben weiterhin in Zelten unweit der Touristenpfade.
Stefan Brändle, Paris
Ein Flüchtlingslager beim Saint-Denis-Kanal im Norden von Paris. (Bild: Ian Langsdon/EPA (Paris, 30. Mai 2018))

Ein Flüchtlingslager beim Saint-Denis-Kanal im Norden von Paris. (Bild: Ian Langsdon/EPA (Paris, 30. Mai 2018))

Es war einer dieser Momente, welche die ganze Absurdität des europäischen Asylwesens offenbaren. Hunderte von Bereitschaftspolizisten umzingelten gestern Vormittag das Lager «Millénaire» generalstabsmässig, vom Wasser her sogar mit Schiffen anfahrend. Allein, die jungen Männer aus Somalia, Sudan und Eritrea warteten schon um sechs Uhr in der Früh friedlich vor ihren Zelten, vor sich Bündel mit ihren wenigen Habseligkeiten. Von den Hilfswerken vorgewarnt, liessen sie sich widerstandslos in die Autobusse verfrachten.

Offensichtlich waren sie nur froh, das trostlose, verschmutzte Camp am Kanal Saint-Denis abzubrechen. Zelt an Zelt lebten die Afrikaner dort ohne fliessend Wasser und Essgelegenheit, lethargisch wartend oder krank geworden, nur von gelegentlichen Joggern oder Ratten besucht – und alle paar Tage früh aufgestanden, um sich in die neuste Endloswarteschlange für das Asylverfahren zu stellen. Zwei Männer ertranken im Mai in einem der Flusskanäle zwischen der Seine und Nordfrankreich.

Auch der Innenminister weiss nicht weiter

Wochenlang hatten sich die Regierung von Präsident Emma­nuel Macron und die sozialistische Bürgermeisterin Anne Hidalgo gegenseitig der Untätigkeit bezichtigt. Gestern gab Innenminister Gérard Collomb nach und liess die 1700 Flüchtlinge und Migranten des grössten Zeltlagers Frankreichs evakuieren. Sie wurden in Bussen in zwanzig Aufnahmezentren gebracht – meist Turnhallen im Grossraum Paris. Dort sollen die Asylbehörden Identitätskontrollen vornehmen. Und dann? Das weiss selbst Collomb nicht genau. Laut dem Minister, der von der Linken der Härte und von der Rechten der Laschheit gescholten wird, sind viele französischen Regionen «überschwemmt» von Ankommenden aus Krisenstaaten. Nach einem neuen Rekord von erstmals über 100000 Asylgesuchen im vergangenen Jahr hat Frankreich kürzlich die Gesetzgebung verschärft, unter anderem durch die Beschleunigung der Asylverfahren.

Aber Collomb sagt selbst, dass eine wirkliche Lösung nur gesamteuropäisch sein könne. Die meisten der in Paris Gestrandeten sind sogenannte «Dubliners»: Aufgrund des 3. Abkommens von Dublin im Jahre 2013 müssen sie ihr Asylgesuch im ersten EU-Land deponieren, das sie betreten haben. Das ist meist Griechenland, Bulgarien oder Italien. Aus Personalmangel oder Weigerung Italiens schafft Frankreich nur zehn Prozent der Zurückgewiesenen in die Ersteintrittsländer zurück. Und selbst wenn, reisen die meisten wieder zurück in den Norden.

Grossbritannien hat zwar an Attraktivität verloren, weshalb das aufgelöste «Dschungelcamp» in Calais nur verstreute und kleinere Nachfolger gefunden hat. Viele Migranten versuchen es heute in Paris, wo die Polizeibehörden uneins und entsprechend passiv sind.

Grösste Räumung seit 2015

Im Nordosten der Hauptstadt haben sich schon mehrere improvisierte Zeltlager gebildet. Am Kanal Saint-Martin warten zum Beispiel rund 500 Afghanen auf bessere Tage.

Jede Woche kommen laut der Hilfsorganisation «France terre d’asile» 400 bis 500 dazu. Das würde bedeuten, dass im Pariser Villette-Viertel nach einem Monat wieder gleich viele Asylsuchende auf der Strasse leben wie vor der neusten Polizeiaktion. Für Paris war es die 35. und zugleich grösste Räumung seit 2015. Ein junger Eritreer sagte zu den Journalisten beim Besteigen eines Busses: «Ich weiss nicht, wohin sie mich bringen. Aber egal, ich war zwei Wochen hier, ich kann nicht mehr.» Ein Sudanese, der seine Fingerabdrücke bei seinem EU-Eintritt in Italien hinterlassen hatte, erklärte sich zu allem bereit – nur nicht zur Rückkehr nach Italien, wo er «wie ein Sklave» eingepfercht gewesen sei. Er bevorzugt klar Paris, da lebt sich’s wie ein Clochard.

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