Coronavirus
Peking und Seoul wappnen sich erneut: Die Angst vor einer zweiten Corona-Welle wächst

Viele ostasiatische Staaten sind erfolgreich gegen das Coronavirus vorgegangen. Doch Peking und Seoul bereiten sich auf eine Verschlechterung der Situation vor.

Fabian Kretschmer aus Peking
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Aus Angst vor importierten Coronafällen gibt es an Pekings Flughäfen penible Kontrollen.

Aus Angst vor importierten Coronafällen gibt es an Pekings Flughäfen penible Kontrollen.

Keystone

Fast schon zu vernachlässigen wirken die täglichen Neuinfektionen, die die Nationale Gesundheitskommission in Peking jeden Morgen publiziert: Am Donnerstag vermeldeten die Behörden etwa 35 neue Ansteckungen, wobei es sich ausschliesslich um sogenannte «importierte Fälle», also Einreisende aus dem Ausland handelt. Auch wenn sich Indizien häufen, dass die offiziellen Zahlen in China geschönt sein könnten, gilt doch im Grossen und Ganzen: Das Virus ist derzeit erfolgreich unterdrückt.

Dieser Zustand ist jedoch ein fragiler. Die vielleicht wichtigste Lehre aus Ostasien, in denen neben China auch Taiwan, Südkorea und Japan allesamt vergleichsweise erfolgreich gegen die Pandemie vorgegangen sind, ist eine ernüchternde: Der Kampf gegen das Virus lässt sich nur global gewinnen. Für jedes einzelne Land bleibt die Gefahr einer zweiten Welle bestehen.

In China rüstet man sich derzeit am radikalsten vor einem erneuten Entfachen des Erregers: Letzten Donnerstagabend hat die Regierung eine neue Direktive ausgegeben, die ausländischen Staatsbürgern, die sich derzeit ausserhalb Chinas aufhalten, die Einreise bis auf weiteres verbietet. Kaum mehr als 30 Stunden später, nämlich Freitagmitternacht, trat die Regelung in Kraft.

Wer also noch schnell ins Land wollte, dem blieb nur mehr ein geringes Zeitfenster. Dabei wurden zuvor die meisten internationalen Flugrouten nach China ohnehin bereits gestrichen, sodass etliche Ausländer mit Wohnsitz in China derzeit vor verschlossenen Türen – darunter auch knapp die Hälfte an deutschsprachigen Korrespondenten.

Einerseits liegt diese radikale Massnahme in der berechtigten Angst vor importierten Fällen begründet. In den letzten zwei Wochen wurden in China fast ausschliesslich Infektionen gezählt, die von ausserhalb kamen.

Gleichzeitig ist die Schliessung der Landesgrenzen auch eine populistische Massnahme, denn bis zu 90 Prozent aller infizierten Einreisenden sind tatsächlich chinesische Staatsbürger – etwa Auslandsstudenten. Um diese heimzubringen, erlaubt die Regierung derzeit nur rund 130 internationale Flüge pro Woche – landesweit.

Geöffnete Kinos müssen wieder schliessen

Zudem kann die Abschottung auch wirtschaftlich kein Dauerzustand sein: Bei einer am Donnerstag veröffentlichten Studie der deutschen Handelskammer Peking etwa gaben die Unternehmen an, dass ihr Geschäft am meisten unter den Reisebeschränkungen leiden würde.

Die Umfrage wurde jedoch kurz vor der Grenzschliessung durchgeführt. Die wahren wirtschaftlichen Auswirkungen werden sich erst in den nächsten Wochen widerspiegeln.

Gleichzeitig hat das Land wiederholt einige Lockerungen rückgängig gemacht. So haben letzten Monat allmählich die Kinos des Landes öffnen dürfen, nur um nun erneut eine Schliessorder zu bekommen.

Auch Sportveranstaltungen mit Publikum wurde bis auf weiteres der Riegel vorgeschoben: «Um unsere Pflichten zu erfüllen, dass das Virus nicht importiert wird und Inlandsinfektionen wieder ansteigen, werden bis auf weiteres Sportveranstaltungen, die Publikum anziehen, nicht fortgesetzt werden», heisst es in einer Mitteilung des Nationalen Sportbüros.

Taiwan verhängt hohe Geldstrafen

Auch in anderen asiatischen Ländern hat die Angst vor der zweiten Infektionswelle für strengere Massnahmen gesorgt: Südkorea war stets dafür bekannt, dass es aufgrund systematischem Testens die Wachstumskurve des Virus abflachen konnte, ohne flächendeckende Quarantänemassnahmen einzuführen oder sich abzuschotten. Nun muss jeder aus dem Ausland Einreisende sich für 14 Tage in Quarantäne begeben.

Japan hat seine Quarantänebestimmungen ebenfalls für Einreisende aus fast allen Teilen Europas ausgeweitet. In Taiwan werden mittlerweile Personen, die gegen ihre Quarantäneauflagen verstossen, mit Geldstrafen in Höhe von mehr als zehntausend Franken bestraft.

Es scheint zunächst wie ein Widerspruch: Ausgerechnet in jenen Ländern, in denen die Infektionszahlen sinken, steigen die Abriegelungen. Dies führt dazu, dass zwar innerhalb der Landesgrenzen zumindest annähernd «virusfreie Zonen» entstehen. Gleichzeitig aber scheint Isolation selbst für hochentwickelte Exportnationen in Asien der neue Normalzustand zu werden.