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Nach dem Brand der Notre-Dame-Kathedrale: Polemik um Millionenspenden

Französische Konzerne spenden bis zu dreistellige Millionenbeträge für den Wiederaufbau der stark beschädigten Notre-Dame-Kathedrale. Kritiker werfen ihnen vor, gegenüber der sozialen Not in Paris die Augen zu verschliessen.
Stefan Brändle, Paris
Ein Blick in das Innere der Kathedrale Notre-Dame in Paris. (Dan Kitwood/Getty)

Ein Blick in das Innere der Kathedrale Notre-Dame in Paris. (Dan Kitwood/Getty)

Kaum hat sich der Brandgeruch auf der Pariser Seine-Insel verzogen, wächst aus den verkohlten Dachtrümmern von Notre-Dame die erste Polemik. Der Grund ist das liebe Geld – und vielleicht auch der Umstand, dass davon bereits zu viel vorhanden sein dürfte. Bis am Mittwoch war schon rund eine Milliarde Euro zusammengekommen. Damit könnten die Kosten der Rekonstruktion bereits gedeckt sein. Experten schätzen sie ohne nähere Abklärungen auf etwa 700 Millionen Euro (798 Millionen Franken).

Der beeindruckende Elan für das Pariser Wahrzeichen trägt sehr weit. Aus der ganzen Welt gehen Spenden ein, namentlich auf der offiziellen Webseite der Fondation du patrimoine (Kulturerbe-Stiftung), die gut 10 Millionen Euro gesammelt hat. Ein grösserer Betrag wird ausserdem von der amerikanischen Stiftung Friends of Notre-Dame erwartet.

Grosskonzerne überbieten sich

Schon jetzt überbieten sich die Grossspender aus Frankreich. Die Unternehmerfamilie Pinault, die den Luxusgüterkonzern Kering (Gucci, Puma) kontrolliert, stellte nach einem ersten Spendenaufruf durch Präsident Emmanuel Macron runde 100 Millionen zur Verfügung. Darauf konnte der vom Milliardär Bernard Arnault geleitete Rivale LVMH (Vuitton, Dior) nicht hintanstehen: Er versprach 200 Millionen Euro für ein Gebäude, das «Teil der französischen Geschichte» sei. Es folgten L’Oréal mit 200, der Energiekonzern Total mit 100 Millionen. Kaum ein Konzern des Pariser Börsenindexes Cac 40 hielt mit einer Millionenspende zurück.

In den anfänglichen Applaus für die generösen Gönner mischt sich indes immer mehr Kritik. Am schärfsten reagierte der frühere Präsidentschaftskandidat Philippe Poutou: «Arnault, Total, Pinault, das ist der Wettlauf der Steuerbetrüger.» Wenn diese Firmen zu viel Geld hätten, könnten sie es ja auch für «soziale Monumente» wie das Spital- oder Bildungswesen einsetzen, meinte der Linkspolitiker.

«Die Ärmsten nicht vergessen»

Auch die Sozialstiftung Abbé Pierre appelliert an die Grosskonzerne, «die Ärmsten nicht zu vergessen». Die Pariser Tageszeitung «Libération» kritisiert, dass das «sehr amerikanische Mäzenat» meist nur in Krisenzeiten greife, wenn die Emotionen hochwallten. Sie beträfen nicht anhaltende soziale Probleme. Heute gebe es in Paris rund 3600 Obdachlose.

Solche Äusserungen wecken auch Widerspruch: Die privaten Hilfsgelder für Notre-Dame seien umso willkommener, als die 14 Millionen Besucher der Notre-Dame-Kathedrale keinen Eintritt zahlen müssten, liest man in Internetforen. Anzufügen wäre, dass Frankreich auch keinerlei Kirchensteuer kennt. Lob erhalten Baukonzerne wie Bouygues, die vor allem technische und logistische Hilfe zusagen, oder verschiedene Waldbesitzer, die frische Eichenstämme liefern wollen. Jeder Balken des abgebrannten Dachstuhls von Notre-Dame erforderte einen ganzen Baumstamm.

Kritik gibt es hingegen an den Geldspenden, die sich seit 2003 zu 60 Prozent von den Steuern abziehen lassen. Dieses französische Steuerregime ist für die Spender günstiger als in den meisten anderen Ländern, wo die Beträge nicht direkt vom Steuerbetrag abgerechnet werden, sondern nur von dem Gesamteinkommen abgezogen werden können. Der Unterschied ist beträchtlich.

Gesetz soll den Umgang mit Spenden regeln

An diesem Regime stört sich nicht nur die Linke, sondern zum Beispiel auch der Abgeordnete Gilles Carrez, der Finanzexperte der konservativen Republikaner. Auch der französische Rechnungshof hatte bereits im vergangenen Herbst geraten, die Geldspenden fiskalisch «besser einzurahmen». Präsident Emmanuel Macron plant seit einiger Zeit, solcherlei Steuernischen zu straffen oder abzuschaffen. Premierminister Edouard Philippe kündigte am Mittwoch schon für nächste Woche ein Gesetz an, dass die Spenden für Notre-Dame regeln soll.

Die Pinault-Familie hat am Mittwoch indirekt auf die Vorwürfe reagiert und erklärt, sie verzichte bei ihrer Spende auf jeden Steuerabzug. Ziel sei einzig die Hilfe für ein historisches Gebäude, dessen Brand die Franzosen “bis ins Innerste erschüttert” habe.

Für das Publikum wieder zugänglich ab 2024

Wie lange die Rekonstruktion dauern wird, ist noch offen. Macron erklärte am Dienstag, bis zu den Olympischen Spielen von 2024 in Paris werde die Kathe­drale wieder für das Publikum zugänglich sein. Kulturerbe-Experten rechneten bisher eher mit zehn bis fünfzehn Jahren. Einzelne befürchten, dass der Wiederaufbau aus Rücksichten auf die Olympischen Spiele überhastet vonstatten gehen könnte.

Augen auf bei Spenden für Notre-Dame

Wer für den Wiederaufbau der Pariser Kathedrale Notre-Dame spenden will, sollte sich vor Betrügern hüten: Darauf weist die französische Kulturerbe-Stiftung Fondation du Patrimoine hin, die offiziell mit dem Spendensammeln betraut ist.

Die private Stiftung teilte am Mittwochabend in Paris mit, in Frankreich wie im Ausland versuchten Kriminelle in ihrem Namen, an Geld zu kommen.

Wer eine Mail oder einen Brief im Namen der Fondation du Patrimoine erhalte oder einen Anruf, sitze einem Betrüger auf, warnte die Stiftung. Spenden für Notre-Dame seien ausserhalb von Frankreich ausschliesslich über die Webseite don.fondation-patrimoine.org möglich, die es auch auf Englisch gibt. (sda)

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