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Polen demonstriert seine Stärke

Zum 100. Jubiläum der polnischen Unabhängigkeit finden im Land das ganze Jahr über zahlreiche Feierlichkeiten statt. Die pompösen Militärparaden sind in erster Linie allerdings als Zeichen gegen Russland zu deuten.
Philipp Fritz, Warschau
Die «Grosse Parade der Unabhängigkeit» zog in Warschau Tausende Schaulustige an. (Bild: Jaap Arriens/Nur Photo, 15. August 2018)

Die «Grosse Parade der Unabhängigkeit» zog in Warschau Tausende Schaulustige an. (Bild: Jaap Arriens/Nur Photo, 15. August 2018)

Insgesamt 1900 Soldaten marschieren über den Asphalt. An den Strassenrändern hinter metallenen Absperrungen jubeln ­ihnen Schaulustige zu, Familien, viele Kinder mit weiss-roten Fahnen in den Händen. Es lärmt aus Auspuffen, die polnischen Streitkräfte präsentieren ihr schweres Gerät, darunter den Rosomak, einen Radpanzer aus eigener Produktion. Am Himmel sind Hubschrauber zu sehen, Kampfflugzeuge donnern über die Köpfe der Besucher hinweg wie die F-16, der Stolz der polnischen Air Force. Polen ist das erste ehemalige Mitgliedsland des Warschauer Pakts, das den US-amerikanischen Jet auch noch in seiner neuesten Ausführung anschaffen konnte.

Es ist der 15. August 2018, wie jedes Jahr am Feiertag der pol­nischen Streitkräfte findet eine ­Militärparade in Warschau statt. Dieses Jahr jedoch ist sie grösser, noch mehr Hauptstädter können sich so «ihre Jungs» ansehen. Polen begeht das 100. Jubiläum der Wiedererlangung seiner Unabhängigkeit von 1918, nachdem es 123 Jahre keinen polnischen Staat gegeben hatte, aufgelöst von den Teilungsmächten Preussen, Österreich-Ungarn und Russland. Das ganze Jahr über finden überall in Polen Veranstaltungen zum Thema statt. Das Schaulaufen der Armee trägt denn auch den Titel «Grosse Parade der Unabhängigkeit».

Russland wird in Polen als Gefahr wahrgenommen

Es ist aber nicht bloss die Geschichte, die als Erklärung für das Spektakel herhält. Es ist überdies ein Signal der Wehrhaftigkeit an Russland. Allerspätestens seit März 2014, seit der Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim und dem Ausbruch des Krieges im Donbass, wird der aggressive aussenpolitische Kurs Moskaus auch in westeuropäischen Hauptstädten als Bedrohung wahrgenommen. In Polen klopfen sich Sicherheitsexperten seitdem gegenseitig auf die Schultern und raunen einander zu: Wir haben es denen doch schon immer gesagt. Seit jeher wird in Polen Russland als sicherheitspolitische Herausforderung, ja als Gefahr begriffen. Die wenigsten polnischen Politiker würden, so wie es in Deutschland oft der Fall ist, von Russland als einem Partner sprechen.

Das Verhältnis der Polen zu ihrer Armee, das Vertrauen, das sie in der Gesellschaft geniesst, und der überparteiliche Konsens, dass eine starke Truppe unbedingt notwendig sei, sind nicht zu verstehen, ohne Russland mitzudenken. «Die Armee war schon immer der Stolz der Polen», sagt dazu Stanislaw Koziej, Brigadegeneral, ehemaliger stellvertretender Verteidigungsminister und Chef des polnischen nationalen Sicherheitsrats.

Heute blicken viele Polen ­weniger romantisierend auf die Armee. Laut Koziej werde sie ­zunehmend als ein «normales Instrument des Staates zur ­Gewährleistung von Sicherheit» wahrgenommen. Ein solches Verständnis für die Notwendigkeit von Armee und einer Einschätzung von Nachbarn als äussere Bedrohung unterscheidet Polen deutlich vom Verhältnis der Deutschen zur Bundeswehr, die in den vergangenen Jahren an Vertrauen verloren hat.

«Deutsche Macht fürchte ich heute weniger als deutsche Untätigkeit.»

Erst 1993 zogen die russischen Streitkräfte als Nachfolger der Roten Armee ihre Soldaten aus Polen ab; von da an war es das Ziel Polens, sich in westliche Verteidigungsstrukturen zu integrieren. Am 12. März 1999 trat das Land der Nato bei – ein Datum, das vielen so wichtig ist wie der Beitritt zur EU 2004. Warschau ruhte sich jedoch nicht darauf aus, nun ein Mitglied im transatlantischen Bündnis zu sein. Denn US-amerikanische Basen als Sicherheitsgarantie, wie in Deutschland, gab es in Polen weiterhin nicht.

Zudem trauten polnische Strategen ihren europäischen Partnern nie zu, ihnen im Fall eines ­russischen Angriffs Beistand zu ­leisten, allen voran Deutschland nicht. Berichte über die mangelhafte Einsatzfähigkeit der Bundeswehr spielen bis heute in polnischen Medien eine beinahe so grosse Rolle wie in deutschen. Eine Unentschiedenheit in sicherheitspolitischen Fragen und die polnische Wahrnehmung deutscher Führungsschwäche gipfelten 2011 in einer bemerkenswerten Rede des damaligen polnischen Aussenministers Radoslaw Sikorski in Berlin: «Deutsche Macht fürchte ich heute weniger als deutsche Untätigkeit.»

Der trotz aller Protestrufe aus Ostmitteleuropa unvermindert fortgesetzte Bau der Gaspipeline Nord Stream 2, die durch die Ostsee Russland und Deutschland miteinander verbindet, die bal­tischen Staaten, Polen und vor ­allem die Ukraine umgeht, wobei Transitgebühren entfallen, ist auch keine vertrauensbildende Massnahme gegenüber jenen Staaten seitens Deutschlands. In Polen setzt man deswegen lieber auf sich selbst und auf die USA als sicherheitspolitischen Partner. Dass US-amerikanische Soldaten am 15. August in Warschau mitmarschiert sind, ist als Zeichen einer engen Beziehung zu verstehen. Und Polens Vorhaben, vermehrt Flüssiggas aus den USA zu importieren, als eine Reaktion auf Nord Stream 2.

Bevölkerung will mehr für Rüstung ausgeben

Donald Trumps rhetorischer Flirt mit Wladimir Putin beunruhigt Vertreter der nationalkonservativen Regierungspartei PiS (Recht und Gerechtigkeit) indes nicht zu sehr. Denn tatsächlich wurden im Januar 2017 erstmals US-Soldaten nach Polen verlegt, die seitdem aus dem Land raus- und wieder reinrotieren. Die Realität sieht also anders aus. Deutsche Politiker von SPD und Die Linke äusserten damals Unverständnis für die Truppenverlegung. Trump zeigt sich zudem empfänglich für die polnische Idee, eine dauerhafte US-Basis in Polen einzurichten. Der Scherz von Staatspräsident Andrzej Duda, diese «Fort Trump» zu nennen, schien ihm gut zu gefallen.

Polen wird für die regelmässige Einhaltung des sogenannten Zwei-Prozent-Ziels der Nato, also dafür, dass das Land mindestens zwei Prozent seiner Wirtschaftsleistung für Rüstung ausgibt, von Trump gelobt – im selben Masse, wie Deutschland von ihm für dessen Nichteinhaltung getadelt wird. Da die polnische Wirtschaft seit Jahren für europäische Verhältnisse stark wächst – derzeit um mehr als vier Prozent –, steigen auch die polnischen Rüstungsausgaben kontinuierlich.

Auf Kritik stösst das im Land kaum. Laut Zahlen des staatsnahen Meinungsforschungsinstituts CBOS halten 74,8 Prozent der Polen es für richtig, mehr Steuern für Verteidigung auszugeben. Wie wichtig den Polen ihre Armee ist, dürfte den meisten Deutschen trotzdem weiter ein Rätsel bleiben.

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