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Polit-Lektionen für britische Abgeordnete

Zementierte Positionen sorgen im Moment dafür, dass sich in den Brexit-Verhandlungen denkbar wenig bewegt. Einige Parlamentsmitglieder könnten deshalb durchaus Lektionen in konstruktivem Polit-Diskurs vertragen.
Gabriel Felder
Gabriel Felder

Gabriel Felder

Halb neun am Montagmorgen. Gegen 150 Studenten stehen am Eingangstorzu meiner Schule in London und «machen keinen Schritt weiter». Die Burschen, alle makellos in ihre Schuluniformen verpackt, demonstrieren gegen neu eingeführte Regeln, «die unseren Fortschritt als Studenten und unser Wohlbefinden als junge Menschen einschnüren», wie sie friedlich aber bestimmt postulieren. Ich bezeichne mich als Demokrat durch und durch, einer von der liberalen, progressiven Art, und konnte darum meinen Stolz auf «meine» Studenten kaum verbergen: Ich finde es grossartig, dass sie sich eine lebensechte Lektion in Demokratie verpassen. Eine Lektion, wie sie in keinem Schulzimmer gelernt werden könnte.

Die Anliegen der Studenten scheinen überdies sehr angemessen: Mehr Sorge tragen zum Personal (die Burn-out-­Rate in englischen Staatsschulen bewegt sich auf ein bedenkliches Niveau zu), keine unnötigen Uniform-Zwänge, eine Rückkehr zur Gratis-Benützung der Turnhalle, ein Mitspracherecht bei der Mittagsmenu-­Gestaltung – alles Punkte, die klar machen, dass die Studenten Engagement und Initiative zeigen. So weit, so gut.

Noch interessanter scheint mir darüber hinaus die Reaktion der herausgeforderten Autorität: Zeigt sich diese defensiv oder sogar bedroht, ­bekommen die Anliegen der Studenten automatisch mehr Gewicht. Was durch ein abwehrendes Verhalten seitens der Schulleitung nämlich an den Tag kommt, ist Unsicherheit. Könnte es sein, dass da etwas dran ist, an der Kritik der Demonstranten? Glücklicherweise zeigte sich die Schulleitung im hier beschriebenen Fall lernfähig und handlungsbereit: Ab dem neuen Semester darf wieder umsonst Korbball gespielt werden, um nur ein Beispiel der getroffenen Massnahmen zu nennen.

Das politische Tauziehen namens Brexit enthüllt ähnliche Dynamiken: Die Tatsache, dass sich im Moment denkbar wenig bewegt in den Verhandlungen rund um den Austritt Grossbritanniens aus der EU, hängt mit festzementierten Positionen zusammen. Premierministerin Theresa May darf sich ihrem Platz als unbeweglichste Regierungschefin aller Zeiten gewiss sein – aber sie ist mit ihrem starren Festklammern an Überzeugungen nicht alleine. Auf der linken wie der rechten Seite werden Standpunkte behütet, als ginge es um Leben und Tod. «Ich habe versagt, hauptsächlich, weil meine Partei sich weigerte, Kompromisse einzugehen», liess der Abgeordnete Nick Boles verlauten, als er am Montag nach fruchtlosen Verhandlungsbemühungen die Konservative Partei verliess. Eine Partei, die durchs Band Nein stimmte, als es um die Erwägungen von Alternativen zu Mays unbeliebtem Austritts-Vertrag ging. Dieser Starrsinn schient die ganze Brexit-Debatte infiziert zu haben. Wagt man es zum Beispiel, den Sinn hinter dem Brexit zu hinterfragen – und ich tue dies mit Inbrunst –, kriegt man aus gewissen Kreisen «sound and fury»: ein verbales Donnerwetter der unzimperlichen Sorte.

Beruhigen Sie sich, meine Damen und Herren: Wenn dieser ökonomische und politische Alleingang tatsächlich eine so bahnbrechend phänomenale Idee ist, lässt sie sich doch sicher mit ruhigem Blut und klarem Kopf ausführen. Und falls ein Parlamentsmitglied Lektionen in konstruktivem Polit-Diskurs vertragen könnte, wüsste ich da ein paar Studenten, die gerne als Berater einspringen.

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