PORTRÄT: Helmut Kohl: Der gefesselte Riese

Helmut Kohl wird morgen 85. Doch statt mit ihm anzustossen, gehen Weggefährten dem Altkanzler aus dem Weg. Die Schuld dafür sucht er jedoch selten bei sich selbst.

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Altkanzler Helmut Kohl - hier bei einem seiner seltenen Auftritte in Oggersheim im Mai 2014 - hat sich weitgehend aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen. (Bild: AFP/Daniel Roland)

Altkanzler Helmut Kohl - hier bei einem seiner seltenen Auftritte in Oggersheim im Mai 2014 - hat sich weitgehend aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen. (Bild: AFP/Daniel Roland)

Christoph Reichmuth, Berlin

Helmut Kohl hat viele Titel: «Der Kanzler der Einheit», «Der glühende Europäer», «Der Rekordkanzler», weil kein westlicher Regierungschef so lange wie Kohl von 1982 bis 1998 – im Amt geblieben ist. Dann gibt es aber noch die spöttischen: «Die Walz aus der Pfalz», in Anspielung auf seine hemdsärmlige Art und seinen Pfälzer Zungenschlag. Oder «Die Birne», in Anspielung auf seine Körperform und -fülle – und nicht zuletzt: «Der Herrscher über schwarze Kassen.» So nennt man ihn wegen der Parteispendenaffäre.

CDU feiert Kohl im Sommer

Helmut Kohl wird an diesem Karfreitag seinen 85. Geburtstag im kleinen, privaten Rahmen feiern. Seine Partei, die CDU, plant keinen Empfang, erst im Sommer soll es ein Symposium zu seinen Ehren geben. Vermutlich wird Kohl in seinem Haus in Oggersheim bei Ludwigshafen feiern. Sicherlich mit seiner zweiten Ehefrau, Maike Kohl-Richter. Ob seine beiden Söhne Walter und Peter aus erster Ehe dabei sein werden, steht noch in den Sternen. Kohl ist nach einem 2008 erlittenen Schädel-Hirn-Trauma gesundheitlich schwer angeschlagen: Er sitzt im Rollstuhl, das Sprechen fällt ihm schwer, seine Miene ist versteinert. Als den «gefesselten Riesen» bezeichnete ihn sein Freund, der ehemalige österreichische Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, letztes Jahr an einem Anlass zum 25. Jahrestag des Mauerfalles.

Es ist tatsächlich ein trauriges Bild, das der einst so mächtige Mann heute abgibt. Zweifelsohne wird Kohl einen festen Platz in der Geschichte Deutschlands einnehmen. Unter seiner Ägide hat das geteilte Deutschland wieder zueinander gefunden, er hat die Zeichen der damaligen Zeit erkannt und die Chance zur Einheit ergriffen. Er hat es geschafft, Michail Gorbatschow, Georg Bush senior, François Mitterrand und Margaret Thatcher von der Einheit zu überzeugen den Kreml-Chef sogar von einer Nato-Mitgliedschaft des wiedervereinten Deutschlands.

Wird Kohl heute fremdgesteuert?

In der Nacht zum 3. Oktober 1990 wurde die Einheit denn auch Wirklichkeit. Es dürfte Kohls glücklichster Moment als Kanzler gewesen sein. «Ich hab nichts Besseres, stolz zu sein, als auf die deutsche Einheit stolz zu sein», sagte er damals vor dem Berliner Reichstag. Ohne den Fall der Mauer, sagt Kohl-Biograf Hans Peter Schwarz, wäre Kohl «wohl ein mittelmässiger Bundeskanzler geblieben».

Privat blieb Kohl die Einheit versagt. Der Mann, der 1976 in den Bundestag einzog, sieben Jahre lang Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz war und am 1. Oktober 1982 SPD-Kanzler Helmut Schmidt aus dem Kanzleramt bugsierte, ist ein nachtragender Mensch, möglicherweise ist der Machtpolitiker, der unliebsame politische Gegner gerne unsanft aus dem Weg räumte, auch äusserst verletzlich. Mit früheren Weggefährten hat er heute gebrochen: So ist der ehemalige Generalsekretär Heiner Geissler, jahrelang Kohls engster politischer Vertrauter, nach einem CDU-internen Machtkampf Ende der 80er-Jahre für den Altkanzler Persona non grata.

Kohl: Einer der Gründerväter der EU

Sein ehemaliger Fahrer Eckhard Seeber, 40 Jahre lang so etwas wie ein Familienmitglied, gehört auch zu jenen Menschen, mit denen Kohl nichts mehr zu tun haben will und auch das Verhältnis zu seinen Söhnen aus erster Ehe ist belastet: Es gibt viele, die behaupten, Kohls zweite Ehefrau, Maike Kohl-Richter, 34 Jahre jünger als der Altkanzler, schotte ihren Mann von dessen ehemaligem Umfeld ab. Eine Obsession treibe sie an, sie alleine, heisst es, wolle die Deutungshoheit über die Geschichte des Altkanzlers zurückgewinnen.

Politisch gab es derweil schon bald nach der Wiedervereinigung Risse im Leben von Helmut Kohl. Sein Versprechen von den «blühenden Landschaften» in den neuen Bundesländern im Osten liess lange auf sich warten, die ostdeutsche Wirtschaft verkraftete die rasche Einführung der D-Mark nicht. Doch der glühende Europäer und wichtige Architekt Europas setzte sich weiterhin gegen parteiinterne Widersacher durch. Sein grosses Ziel war es, die Einheit Europas durch die Einführung der Gemeinschaftswährung Euro zu manifestieren. 1991 war er im niederländischen Maastricht einer der Protagonisten bei der Gründung der heutigen Europäischen Union.

Spendenaffäre als schwarzer Fleck

1998 verlor er die Wahl gegen Gerhard Schröder (SPD), kurz danach holte Kohl die Spendenaffäre ein. Er musste unter grossem Druck zugeben, als CDU-Chef Spenden bis zu 2 Millionen D-Mark entgegengenommen zu haben ohne diese zu deklarieren. Bis heute verrät der Pfälzer nicht, von wem das Geld stammt. Die Affäre warf dunkle Schatten auf sein Lebenswerk. Gegen eine Busse von 300 000 D-Mark wurde das Verfahren gegen ihn 2001 eingestellt. Er verlor trotzdem den Ehrenvorsitz in der CDU. Auch privat hatte Kohl einen schweren Schlag zu verkraften: Im selben Jahr nahm sich seine Ehefrau Hannelore, die unter einer Lichtallergie litt, das Leben. Das Paar war 41 Jahre lang verheiratet.

Das Verhältnis der Deutschen zu ihrem «Einheitskanzler» ist heute ambi­valent: Einerseits zollen ihm Bürger und Politiker grossen Respekt für sein Lebenswerk die Wiedervereinigung. Andererseits gilt Kohl als stur und uneinsichtig. Er ist offensichtlich nicht in der Lage, eigene Fehler einzuräumen.

Jüngst kamen Mitschriften aus einem Gespräch mit seinem Biografen an die Öffentlichkeit, die ebenfalls kein gutes Licht auf ihn werfen: Er beleidigt darin mehrere seiner früheren Weggefährten, ob Angela Merkel «die konnte ja nicht richtig mit Messer und Gabel essen» – oder den ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff – «das ist ein ganz grosser Verräter. Gleichzeitig ist er auch eine Null».