Frankreich
Präsidiales Image, paranoide Ideologie: So tickt Marine Le Pen

Ein Blick hinter die staatstragende Fassade der Präsidentschaftskandidatin des Front National Marine Le Pen.

Stefan Brändle, Paris
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Hat sich der Rhetorik des «schimpfenden Pariser Taxifahrers» entledigt und kommt jetzt «clean» daher: Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen.

Hat sich der Rhetorik des «schimpfenden Pariser Taxifahrers» entledigt und kommt jetzt «clean» daher: Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen.

REUTERS

Suspendieren ist derzeit Mode im Front National (FN). Suspendiert wurde zum Beispiel Logan Dijan, Mitglied des ehemals berüchtigten rechtsextremen Studentenverbandes «Gud», dessen Mitglieder sich «schwarze Ratten» nannten. Der Kraftprotz hatte sich das Emblem einer SS-Division des Zweiten Weltkrieges auf den Bizeps tätowieren lassen. Das verbarg er, wenn er sich zusammen mit Marine Le Pens Nichte Marion fotografieren liess.

Der einstige FN-Lokalabgeordnete Jacques Gérard zog sich selber zurück, nachdem er einem maghrebstämmigen Gemeindevertreter bei einer Weltkriegszeremonie in Tournan-en-Brie ohne erkenntlichen Anlass bedeutet hatte: «Deppen wie dich habe ich während des (Algerien-)Kriegs etliche erledigt.» Ein FN-Mann entschuldigte den Spruch mit dem hohen Alter des 80-Jährigen.

Im März schloss Marine Le Pen auch das FN-Mitglied Benoît Loeuillet aus der Fraktion im Regionalrat der Côte d’Azur aus. Er hatte erklärt, es habe im Holocaust «nicht massenhaft Tote» gegeben. Alexandre Gabriac wiederum war aus der Partei ausgeschlossen worden, weil er die Dummheit begangen hatte, seinen Hitlergruss unverhüllt ins Internet zu stellen.

Jeanne d’Arc statt Mussolini

All das passt nicht ins neue Parteibild. Denn im Unterschied zu ihrem offen rassistischen Vater Jean-Marie gibt sich seine Tochter betont republikanisch, um in den Elysée-Palast einzuziehen. 2015 schloss sie den FN-Gründer sogar aus der Partei aus. In ihrer aktuellen Kampagne vermeidet sie jeden Hinweis auf den Front National und sein Flammenlogo, das auf die italienischen MSI-Neofaschisten zurückgeht.

Vielmehr stützt sie sich auf ihre eigene Bewegung «Rassemblement Bleu Marine» (RBM), die eine blaue Rose zum Emblem hat. Ihre Geschichtshelden sind nicht Mussolini, Pétain, auch nicht jene französischen Foltergeneräle des Algerienkriegs, denen ihr Vater als Leutnant tatkräftig zur Seite gestanden hatte. Die marineblaue Marine eifert politisch korrekt Jeanne d’Arc nach und will den zweiten Flugzeugträger Frankreichs, den sie im Falle ihres Wahlsieges bauen würde, nach dem früheren Kardinal Richelieu benennen. So sieht es Vorschlag 121 ihrer 144 «präsidialen Verpflichtungen» vor, die Tochter Le Pen im Februar vorgestellt hatte. Erstmals verzichtet sie auf die Forderung nach Wiedereinführung der Todesstrafe, die Frankreich 1981 abgeschafft hatte.

Vergleicht man das Programm der «Alternative für Deutschland» mit dem des Front National, kann sich Marine Le Pen sehen lassen. Anders als Frauke Petry hält sie den Islam heute für «kompatibel» mit der Republik. Der AfD-Mann Georg Pazderski nennt den Front National eine «sozialistische Partei». Objektiv würde also das Etikett «national-sozialistisch» zutreffen. Aber das wäre böswillig, und Marine lacht im direkten Gespräch nur darüber. Ihre Nichte Marion Maréchal-Le Pen meint ehrlich entrüstet: «Hören Sie doch endlich auf, uns als Faschisten zu bezeichnen!» Nur weil ihr Bekannter ein dickes SS-Wappen auf dem Arm trägt...

Rechte Ideologie in Reinform

Noch bei den Präsidentschaftswahlen 2012 hatte sich im FN-Wahlprogramm rassisches Gedankengut gefunden, indem es sich unter anderem an die «weissen heterosexuellen Männer» richtete. Auch dieser Faux-pas ist nun eliminiert.

Marine ist jetzt «clean». Im Wahlkampf 2017 schimpft sie nicht mehr wie ein Pariser Taxifahrer, sondern präsentiert sich auf Plakaten mit dem beruhigenden Titel «La France apaisée», Frankreich im Frieden. Böse Sprüche sind nicht mehr nötig – diese Sparte deckt Jean-Marie Le Pen ab. Eine geschickte Aufgabenteilung: Er das Scheusal, sie die Salonfähige. In einer Umfrage bezeichneten sich 82 Prozent der FN-Mitglieder als «rassistisch». Davon sind 43 Prozent «eher rassistisch», 39 Prozent «ein wenig». Vive la nuance.

Nein, Marine muss nicht länger ausfällig werden: Sie weiss, und die Antisemiten im Land wissen, wer gemeint ist oder sein könnte, wenn sie sagt, dass die EU-Kommissare in Brüssel «ihre Befehle bei Goldman Sachs holen». Der Feind ist laut der FN-Kandidatin das «Kapital», die «Kaste», die «Hyperelite» oder die «globale Finanz». Die sei die Antipode des realen Frankreichs mit seinen Arbeitern und Bauern; rechte Ideologie pur: Schon der Ultranationalist und Antisemit Charles Maurras hatte «das reale Land» für das Vichy-Regime von Marschall Pétain theoretisiert. Jetzt kehrt der Ausdruck zurück: Im März organisierten rechtsnationale Kreise in Paris-Rungis ein Fest des «pays réel».

Le Pen schafft es gar, vom «Totalitarismus des Geldes» eine Brücke zum «islamischen Totalitarismus» zu schlagen: In einer geradezu paranoiden Logik behauptet sie, die «Finanzelite» hole absichtlich Billig-Immigranten nach Frankreich, um auf die Löhne der wackeren Arbeiter drücken zu können, was zu Islamisierung und Fragmentierung der französischen Nation führe – und letztlich zu ihrem Untergang.

Nach den Terroranschlägen von Toulouse im Jahre 2012 hatte Marine Le Pen laut gefragt: «Wie viele Mohammed Merahs sind wohl in all den Schiffen und Flugzeugen, die jeden Tag voller Immigranten nach Frankreich kommen?» Dass der Täter Merah in Frankreich geboren war, tat nichts zur Sache. Die gleiche Annahme hatte 1973 schon der rechtsextreme Schriftsteller Jean Raspail in dem Buch «Le Camp des saints» (Das Heerlager der Heiligen) getroffen. Der in Paris lebende Autor beschreibt darin, wie Frankreich von einer «stinkenden» Welle von Indern überschwemmt werde. Sie würden in ihren Rostkähnen an die Côte d’Azur gespült, verbreiteten sich wie Ratten über das Land und zerstörten die christliche Zivilisation.

Parallelen zu Trump-Berater

Le Pen empfiehlt den auch auf Deutsch verkauften Roman immer wieder. Und siehe da, auch Steve Bannon, der Berater des amerikanischen Präsidenten Donald Trump, hatte in seinen Breitbart-Radiosendungen mehrfach auf Raspails Roman verwiesen, um daraus seine These zu ziehen, der Westen erlebe «keine Migration, sondern eine Invasion».

Bannon ist nicht das einzige Verbindungsglied zwischen Trump und Le Pen. Auch der Trump-Anhänger David Duke, bekannt als ehemaliges Mitglied des Ku Klux Klans, war unlängst voll des Lobes für die Französin. Diesen amerikanischen Rassisten kann sie leider nicht suspendieren.