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PREISNIVEAU: Singapur – die unbezahlbare Stadt

Singapur wird immer wieder zum teuersten Wohnort der Welt gekürt. Wie lebt es sich in einer Stadt, deren Preise selbst Zürich und Genf in den Schatten stellen?
Ulrike Putz, Singapur
Schön, aber teuer: Singapur. Die Aufnahme zeigt die Skyline der Stadt mit Helix-Brücke (links), Art Science Museum (Blumenform in der Mitte) und Finanzdistrikt (rechts). (Bild: Getty/Suhaimi Abdullah)

Schön, aber teuer: Singapur. Die Aufnahme zeigt die Skyline der Stadt mit Helix-Brücke (links), Art Science Museum (Blumenform in der Mitte) und Finanzdistrikt (rechts). (Bild: Getty/Suhaimi Abdullah)

Ulrike Putz, Singapur

Es ist nicht so, dass die Delormes nicht gewarnt gewesen wären. Bevor die vierköpfige Familie vor knapp zwei Jahren aus Lausanne nach Singapur zog, hatte sich Vater Arnaud schlaugemacht. «Natürlich hatten wir gehört, dass Singapur sehr hohe Lebenshaltungskosten hat», sagt der 48-Jährige. Doch was sie nach der Ankunft erwartete, war dann doch ein Schock. «Die Preise hier sind wirklich unglaublich», so der Berater.

Singapur ist ein eigenartiges Fleckchen Erde. Die Tropeninsel ist nur etwa halb so gross wie der Kanton Luzern, macht seine geringe Grösse aber durch Superlativen wett. Singapur ist Asiens wichtigster Finanzplatz und beliebteste Shopping-Destination. Singapurer geniessen den mit Abstand höchsten Lebensstandard unter ihren Nachbarn, seine Einwohner behaupten, die grösste Feinschmecker Asiens zu sein. Doch die einstige britische Kolonie ist vor allem eins: teuer. Zum vierten Mal in Folge hat die angesehene Recherche-Abteilung des britischen Wirtschaftsmagazins «The Economist» Singapur nun zur teuersten Stadt der Welt gekürt. Laut «Economist», der regelmässig die Preise von mehr als 150 Posten wie Nahrungsmittel, Kleidung, Miete und Kosten für Haushaltshilfen vergleicht, liegt Singapur auch 2017 wieder vor Hongkong (Platz 2), Zürich (Platz 3) und Genf (Platz 7). Nirgendwo sonst sind die Lebenshaltungskosten danach so exorbitant wie in dem «Little Red Dot», dem kleinen roten Punkt auf der Landkarte, wie die Einwohner ihr Eiland liebevoll nennen.

Platzmangel und importierte Lebensmittel

Gründe gibt es dafür viele: Zuallererst ist es der Platzmangel, der die Preise in die Höhe treibt. Singapurs Wirtschaftsboom fusst auf ausländischen Arbeitskräften. Ob indische Bauarbeiter oder westliche Manager – sie alle zieht es nach Singapur. Hatte der Stadtstaat 1960 nur noch 1,6 Millionen Einwohner, sind es inzwischen 5,5 Millionen. Davon tragen 3,5 Millionen den knallroten Pass des Inselstaats, 2 Millionen leben und arbeiten nur temporär hier. Die Bevölkerungsexplosion hat Wohnraum zum teuren Luxusgut werden lassen: Für eine Drei-Zimmer-Wohnung in annehmbarer Lage zahlt man heute gern mal 4700 Franken Miete.

Um die wachsende Bevölkerung zu beherbergen, werden immer neue Apartmentblöcke hochgezogen. Das verdrängt die letzten Bauern, heute müssen fast alle Lebensmittel importiert werden. Das schlägt sich auf dem Kassenzettel nieder: Da zahlt man dann im Supermarkt schnell 4 Franken für ein Kilo neuseeländische Zwiebeln oder 36 Franken für ein Kilo australisches Rinderhack. Eingeflogene Blaubeeren kosten 15 Franken pro 500-Gramm-Schale, Erdbeeren schon mal 26 Franken das Kilo. Die exklusivste Frucht jedoch stammt von Plantagen im Nachbarland Malaysia, ist aber trotz des kurzen Transportwegs atemberaubend teuer. Durian, die mit ihrem stacheligen Äusseren aussieht wie eine wassermelonengrosse Esskastanie, riecht penetrant nach Katzenurin und rottendem Fleisch. Geschmacklich erinnert das Fruchtfleisch an gezuckerte Zwiebeln: Die Singapurer lieben es und blättern umgerechnet 90 Franken und mehr für ein Kilo hin.

Dass die Preise weiter anziehen werden, ist beschlossene Sache. Das Parlament hat jüngst entschieden, die Mehrwertsteuer von 7 Prozent zu erhöhen. Die Wasserpreise werden in zwei Schritten um 30 Prozent erhöht werden. Die steigenden Lebenshaltungskosten bereiten Einheimischen wie Expats zunehmend Kopfschmerzen. Eine Umfrage unter Singapurern ermittelte kürzlich, dass 74 Prozent die hohen Lebenshaltungskosten als ihr grösstes Problem ansehen, gefolgt von den hohen Preisen für Wohnraum. Um den Groll der Bevölkerung zu zerstreuen, liess die Regierung ihre Ökonomen die Statistik des «Economist» nachrechnen. Sie kamen zu dem Schluss, dass Singapur eigentlich nur für Expats teuer sei. Einheimische, die im sozialen Wohnungsbau lebten, auf den lokalen Märkten shoppten und statt in westlichen Restaurants in asiatischen Garküchen ässen, lebten in Wahrheit äusserst günstig. Für normale Bürger läge Singapur bei den Lebenshaltungskosten auf Platz 48 – «flankiert von Lissabon und Pittsburgh» – sagte der stellvertretende Premierminister Tharman Shanmugaratnam.

Expats wird es langsam zu teuer

Singapurer Blogger widersprachen prompt. Viele Preise seien für alle gleich, die für Autos zum Beispiel: Ein Kleinwagen wie ein Suzuki Swift, der in der Schweiz für 23000 Franken verkauft wird, kostet in Singapur stolze 71000 Franken. Zu den Anschaffungskosten kommt noch die Lizenz, die Autobesitzer erwerben müssen. Durchschnittlich beläuft die sich auf 40000 Franken. Die exorbitanten Kosten sollen die Bürger von der Anschaffung eines Autos abhalten. Hintergrund: Die Regierung des Stadtstaates will möglichst wenig seiner knappen Fläche für Strassen und Parkplätze verschwenden. Die Bürger sollen nicht im eigenen Auto, sondern im erstklassig funktionierenden öffentlichen Nahverkehr sitzen.

Dass es trotzdem viele Autos gibt, liegt daran, dass Singapur nicht nur viel Geld kostet, sondern auch hat. Indem sich die alte Hafenstadt als Finanzplatz neu erfunden hat, profitiert Singapur vom anhaltenden Wachstum der Region. Hinzu kommen die vielen Chinesen, die sich mitsamt ihren Vermögen in von Palmen beschatteten Villen niederlassen: Sie schätzen, dass Mandarin eine der Verkehrssprachen ist, der Stadtstaat politisch jedoch alles andere als kommunistisch ist. Die Löwenstadt ist heute Heimat und Spielplatz Tausender Superreicher. Jeder 707. Einwohner nennt 30 Millionen Franken oder mehr sein Eigen, hat das Wealth-X Institute, das Wohlstandsphänomene erforscht, für dieses Jahr ermittelt. Nur Monaco und Genf beherbergen mehr Grossvermögen. Dem zahlungskräftigen Klientel wird einiges geboten: So wird seit neuestem im Hipster-Café «The Coffee Academics» der teuerste Kaffee der Welt kredenzt. Umgerechnet 62 Franken kostet ein einzelner Espresso der Röstung Esmeralda Geisha aus Panama.

Viele der Expats klagen unterdessen, dass ihre Spesenkonten seit der Weltwirtschaftskrise stetig kleiner werden, während die Preise in Singapur immer weiter stiegen. «Früher haben viele Expats hier astronomische Gehälter verdient, aber diese goldenen Jahre sind vorbei», sagt Arnaud Delorme. Viele Ausländer müssen das Schulgeld von etwa 1700 Franken pro Monat und Kind für die internationalen Schulen inzwischen aus der eigenen Tasche zahlen. Angesichts dessen treibt viele die Frage um, ob Auslandsjahre in Singapur noch Sinn machten. «Es ist eine tolle Erfahrung, aber zum Sparen sollte man nicht hierherziehen», so Delorme.

Eine Übersicht, wie viel man in Singapur für eine 3-Zimmer-Wohnung und bestimmte Produkte bezahlt. (Bild: Grafik: jn)

Eine Übersicht, wie viel man in Singapur für eine 3-Zimmer-Wohnung und bestimmte Produkte bezahlt. (Bild: Grafik: jn)

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