Prinz Harrys Abrechnung mit dem selbstgerechten britischen Boulevard

Die Verweigerung der prinzlichen Pflichten ist ein längst überfälliger Protest gegen die Selbstherrlichkeit der britischen Medien.

Hanspeter Künzler aus London
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Dass die britischen Boulevardmedien einen eigenartigen Umgang mit News pflegen, bekam man unlängst bei den Parlamentswahlen zu spüren. «The Sun», «The Star», «Mirror», «Mail» und wie sie alle heissen, geben zwar an, objektiv über den britischen Alltag zu berichten. Gleichzeitig machen sie kein Hehl daraus, dass ihre politische Ausrichtung im Ton der Berichterstattung eine vordergründige Rolle spielt. Der «Mirror» konzentrierte sich ausschliesslich auf die Widersprüche in den Aussagen von Boris Johnson, der Rest stürzte sich wie die Geier auf die Ungereimtheiten im Auftritt von Jeremy Corbyn.

Der Umgang mit den Royals verläuft ähnlich. Nur ist man sich in dieser Sache einig: die Royals sind ein Aushängeschild für die Qualitäten der Nation. Verschwunden sind die Diskussionen über die Berechtigung des Königshauses, die noch in den 1980er-Jahren florierten. Dabei gelten die Queen und unterdessen auch Prinz Charles als Inbegriff der Würde, während die restliche Familie die Funktion von Soap-Opera-Figuren einnimmt. Anhand ihrer Geschichten können Emotionen ausgelöst und manipuliert werden.

Nur ein Thema: Blick in die britische Presse von Freitag.

Nur ein Thema: Blick in die britische Presse von Freitag.

Bild: EPA

Böse Erinnerungen an den Tod von Lady Di

Im Oktober reichte Prinz Harry Klage gegen die «Mail on Sunday» ein, die illegalerweise einen Brief von Meghan Markle veröffentlicht hatte. Dem liess er wenig später Klagen gegen die «Sun» und den «Mirror» folgen, denen er vorwirft, Telefonate abgehört zu haben. In der Boulevardpresse wurde dieser Schritt als ein «weiterer Schritt in seinem Krieg gegen die Medien» bezeichnet. Der Prinz wiederum argumentierte, die Art und Weise, wie Meghan Markle gemobbt würde, erinnere ihn an die Geschehnisse um den Tod seiner Mutter, er wolle eine Wiederholung der Geschichte verhindern.

Tatsächlich gibt es Parallelen. Nach dem BBC-Interview, in dem Diana 1995 über ihre Depressionen sprach, war sie ähnlichen Angriffen ausgesetzt, wie es Meghan Markle passierte, als sie im Herbst gestand, sie finde es nicht einfach, sich an ihre neue Rolle zu gewöhnen. Auch ihr wirft man vor, statt ihre Pflichten mit steifer Oberlippe hinzunehmen, sich selber in den Mittelpunkt zu rücken. Die Tatsache, dass von ihrer Familie bloss die Mutter zur Hochzeit in Windsor eingeladen war, wird als Zeichen dafür gewertet, dass sie schwierig im Umgang sein müsse.

Lang vor dieser «grandiosen, selbstgerechten Ankündigung» hätten die meisten Leute «die grossspurigen ‹Woke›-­Sprüche» und das «selbstmitleidige Winseln» der beiden gründlich satt gehabt, heisst es in einer «Daily Mail»-Kolumne. Dabei ist Harry bloss der erste Royal, der sich gegen die Selbstherrlichkeit der Boulevardmedien wehrt. Nicht erst mit dem Tod seiner Mutter, sondern seit seiner Geburt hatten sie ihm das Leben schwer gemacht, zum Beispiel mit Spekulationen, dass Prinz Charles nicht sein leiblicher Vater sei.

Die britische Nation sei empört, tönt es im Boulevard, der sich jäh um einen wichtigen Klatschlieferanten geprellt sieht. Gemäss einer Umfrage der «Times» stellen sich 45 Prozent der Briten auf die Seite von Harry und Meghan, 30 Prozent ist es egal – nur ein Viertel ist mit dem Schritt nicht einverstanden.