PRIX CARITAS: «Man muss hartnäckig sein»

Sie ermöglicht Kindern im Irak eine Zukunft, ohne es an die grosse Glocke zu hängen. Den Preis, den Rachel Newton nun erhielt, kannte sie vorher nicht.

Interview Guy Studer
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Bundesrätin Simonetta Sommaruga (links) überreichte Rachel Newton am Mittwochabend im KKL den Prix Caritas. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Bundesrätin Simonetta Sommaruga (links) überreichte Rachel Newton am Mittwochabend im KKL den Prix Caritas. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Sie stellt ihr Leben in den Dienst benachteiligter kurdischer Kinder im Nordirak. Dafür ist die Engländerin Rachel Newton mit dem Prix Caritas ausgezeichnet worden (siehe Kästen). Den Preis überreichte ihr gestern Abend Bundesrätin Simonetta Sommaruga im KKL. Vorgängig hat unsere Zeitung mit Rachel Newton ein Interview geführt.

Rachel Newton, wie sind Sie dazu gekommen, sich so intensiv für benachteiligte Menschen in einem anderen Erdteil zu engagieren?

Rachel Newton*: 1998 war ich erstmals mit einer Nichtregierungsorganisation (NGO) im Irak. Eine Kollegin hatte mich dazu ermuntert, mitzugehen. Es war eine willkommene Abwechslung zum monotonen Alltag als Grafikdesignerin. Dort hat mich schwer beeindruckt, wie Kinder die ganze Verantwortung für ihre Familie übernehmen, gleichzeitig aber sehr wohl merken, dass sie dafür Opfer bringen, auf Bildung verzichten müssen.

Und dann gründeten Sie gleich Ihre eigene Organisation?

Newton: Ich sah mich dazu gezwungen, denn die NGO, bei der ich arbeitete, setzte andere Schwerpunkte. Mich interessierten explizit die arbeitenden Kinder.

Wie wollen Sie das Problem lösen?

Newton: Das lässt sich nicht einfach so schnell lösen. Wir können und wollen die Kinder nicht von der Arbeit fernhalten, denn damit entziehen wir den Familien ihre Lebensgrundlage. Trotzdem sollen die Kinder Perspektiven für später erhalten und wenn möglich Schulunterricht besuchen.

Warum gerade im kurdischen Nordirak?

Newton: Die Kurden haben unter Saddam Hussein besonders gelitten, viele Frauen und Kinder haben ihre Ehemänner und Väter verloren.

Was hatte der Sturz von Saddam Hussein für Auswirkungen auf Ihre Arbeit?

Newton: Das war eine sehr grosse Erleichterung für die kurdische Bevölkerung. Damit fiel die ständige Bedrohung weg. Das gibt den Menschen hier Mut, sie sind unternehmungslustiger geworden und investieren mehr als früher. Dies sorgt für einen gewissen Aufschwung. Trotzdem bleibt die politische Situation kompliziert, die Zukunft für viele ungewiss.

Die Situation ist besser, naht da auch ein Ende Ihrer Arbeit?

Newton: Von funktionierenden Sozialwerken sind wir noch meilenweit entfernt. Priorität hat für die Regionalregierung vor allem die wirtschaftliche Unabhängigkeit von der Hauptstadt Bagdad und weniger soziale Belange. Die Arbeit geht uns nicht aus. Zumal rund die Hälfte der irakischen Bevölkerung unter 18 Jahre alt ist. Zudem wird unsere Arbeit von der lokalen Bevölkerung sehr geschätzt.

Ihr Projekt ist ein Erfolg. Was ist das Geheimrezept?

Newton: Was sicher hilft, ist, dass wir uns nicht in den Vordergrund drängen. Wir halten uns weitgehend von den Medien fern, weil wir die Kinder nicht exponieren wollen. Das schafft Vertrauen bei den Familien, eine sehr wichtige Grundlage unserer Arbeit. Zudem wissen wir, dass es keine schnelle Lösung gibt. Man muss ganz einfach hartnäckig dranbleiben.

Was bedeutet Ihnen der Prix Caritas, wird er Ihrer Organisation auch konkret etwas bringen?

Newton: Das will ich doch hoffen. (lacht) Ganz ehrlich, ich wusste bisher gar nicht, dass es diese Auszeichnung gibt. Natürlich ist er eine Ehre für uns. Vor allem aber auch für unsere lokalen Mitarbeiter sowie die Kinder im Irak. Der Preis ist für sie eine Anerkennung und sicherlich eine Motivation.

Ist Ihre Arbeit gefährlich? Schliesslich herrschen im Irak noch immer kriegsähnliche Zustände.

Newton: Gefährlich sind nur die Landminen, die noch teilweise ausserhalb der Stadt liegen. Man muss wissen, wo man besser nicht wandern geht. Ernsthaft bedroht habe ich mich dort unten noch nie gefühlt. Man muss sich einfach richtig verhalten, sich nicht exponieren und auf den Rat der Einheimischen hören. Dann hat man keine Probleme. Zudem ist es in unserem Gebiet ziemlich ruhig. Gefährlicher ist es in den kurdischen Grenzgebieten.

Sind radikale Muslime ebenfalls kein Thema?

Newton: Es gibt wohl auch hier radikale, doch die Regionalregierung ist ihnen gegenüber sehr strikt und duldet sie nicht. Insofern ist das kaum ein Thema.

Hatten Sie jemals das Gefühl, Ihre Arbeit sei nur ein Tropfen auf den heissen Stein?

Newton: Nein, überhaupt nicht. Denn oft können wir eine Kettenreaktion auslösen: Kinder geben ihre Erfahrung an andere weiter, ermuntern diese etwa, in die Schule zu gehen. Ein gutes Beispiel für den Lohn unserer Arbeit ist einer unserer lokalen Mitarbeiter. Er war früher Kindersoldat und ermuntert nun andere Kinder, in die Schule zu gehen. Weil er dabei aber oft gefragt wurde, ob er selber zur Schule ging, und darauf keine Antwort wusste, hat er alles nachgeholt. Er besuchte Abendkurse, um den anderen Kindern ein Vorbild zu sein. Das ist doch unglaublich inspirierend.

Zur Schweiz. Was wissen Sie über dieses Land?

Newton: Ehrlich gesagt nicht viel. Soweit ich weiss, ist sie föderalistisch aufgebaut. Das finde ich gut. Ausserdem ist die Schweiz neutral, was der Entwicklungshilfe entgegenkommt. Sie ist keine vorbelastete Marke mit einem Image, wie etwa die USA oder Grossbritannien.

Geniessen Sie hier in Luzern einige freie Tage?

Newton: Es ist mein zweites Mal in Luzern, letztes Mal blieb gar keine Zeit für Ausflüge. Diesmal werden wir aber etwas unternehmen können, wahrscheinlich einen Ausflug auf den See.

Hinweis

* Rachel Newton (44) wurde im südenglischen Portsmouth geboren und wuchs in Hampshire auf. Nach ihrem Studium in Grafikdesign arbeitete sie auf diesem Beruf, bevor sie sich der karitativen Tätigkeit verschrieb. Sie verbringt neun bis zehn Monate des Jahres im Irak.

Erholung für arbeitende Kinder

Viele der 15 Millionen Kinder im Irak leiden unter den Folgen des jahrelangen Krieges und internationaler Sanktionen. Speziell betroffen sind Knaben, deren Väter getötet wurden oder das Land verlassen haben. Die jungen Söhne müssen oft einspringen und ihre Familie ernähren, indem sie auf dem Markt Waren verkaufen.

Neue Perspektiven für Kinder

Seit 2001 engagiert sich die von Rachel Newton gegründete Organisation Step (Seeking to equip people) für die Rechte und den Schutz von Kindern in der Stadt Suleymanya im kurdischen Teil des Nordiraks. Ihr Hauptziel ist es, den Kindern und Jugendlichen dort Hoffnung zu geben und Perspektiven zu eröffnen.
2002 eröffnete Step in Suleymanya ein sogenanntes Drop-in-Zentrum. In diesem Schutzhaus finden arbeitende Kinder oft die einzige Erholung. Sie erhalten zudem Verpflegung, können sich waschen und sich bei Spiel, Sport oder Musik ablenken. Kranke Kinder werden ebenfalls versorgt. Die erwachsenen Männer und Frauen des Marktes haben keinen Zutritt. Gemäss der Caritas Schweiz suchen immer mehr Kinder das Drop-in-Zentrum auf, da sie sich dort geborgen fühlen und den Mitarbeitern vertrauen. Über 12 000 Besuche verzeichnet das Zentrum jährlich, vor allem von Knaben.

Step organisiert, zusammen mit den Behörden, auch Weiterbildungen für Lehrpersonen und Sozialarbeiter zu Themen wie Kinderrecht und Kinderschutz. Newton und ihren Mitarbeitern gelingt es, jährlich rund 20 Kinder zur Rückkehr zur Schule zu bewegen.

Neues Projekt in Lagern

Seit 2008 unterstützt Caritas Schweiz die Organisation Step finanziell sowie beratend. Bisher hat sie rund 600 000 Franken investiert. Neu wird auch ein mobiles Drop-in-Zentrum eröffnet, um direkt an die Kinder in Lagern der Vertriebenen zu gelangen. Ziel ist es, bettelnden Kindern mit Nachhilfestunden den Wiedereinstieg in die Schule zu erleichtern.

Preis für soziales Engagement

Seit 2003 verleiht die Caritas Schweiz jedes Jahr den Prix Caritas. Mit dieser Auszeichnung werden Persönlichkeiten für ihre herausragende Arbeit im Bereich des Sozialen, in der Entwicklungszusammenarbeit oder in der interkulturellen Verständigung geehrt. Letztes Jahr ging der Preis an José María Romero aus Guatemala, der sich dort für das Recht auf Landbesitz für Kleinbauern engagiert.