Moskau
Propagandareise: So tauchen Schweizer Journalisten in die russische Parallelwelt ein

Russlands Regierung lädt Journalisten ein, um ihr Image aufzupolieren – und heizt den Konflikt mit dem Westen an.

Dennis Bühler und Antonio Fumagalli, Moskau
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Wahrheit: Es gibt keine Objektivität, sagt Kursleiter Oleg Dmitriev.
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«Sie haben keine Ahnung, Sie wissen rein gar nichts.» Maria Sacharowa, die Informationschefin im russischen Aussenministerium zu einem tschechischen Reporter.
Propagandareise nach Moskau
Alternativer Blickwinkel: Die Nachrichtenagentur Sputnik nimmt für sich in Anspruch, Unerzähltes zu erzählen..
Gruppenbild auf dem Roten Platz: Die vom russischen Präsidenten eingeladenen jungen Journalistinnen und Journalisten.Fotos: Alexander Kolchin/Rossotrudnichestvo
Dennis Bühler und Antonio Fumagalli (rechts) auf dem Roten Platz.
Zu Besuch in der Nachrichtenagentur «Sputnik»
Die Kommandozentrale von «Sputnik».
Antonio Fumagalli (l.) und Dennis Bühler am Radiomikrofon.
Die Nachrichtenagentur «Sputnik».

Wahrheit: Es gibt keine Objektivität, sagt Kursleiter Oleg Dmitriev.

Alexander Kolchin/Rossotrudnichestvo

Die acht Syrerinnen und Syrer eilen nach vorne, kaum hat Maria Sacharova die Fragestunde beendet, überreichen ihr ein Geschenk aus der Heimat und posieren
für ein Erinnerungsfoto. Mit einiger Mühe ringt sich die Informationschefin des russischen Aussenministeriums nun ein Lächeln ab. Denn die eigens für die aus aller Welt eingeladenen Journalisten im Alter von 25 bis 35 Jahren veranstaltete Pressekonferenz zuvor ist nicht nach ihrem Gusto verlaufen: Ein tschechischer Reporter hat sie in ein minutenlanges Wortgefecht verwickelt und mit seiner Frage, wie sie den völkerrechtswidrigen Einmarsch auf die ukrainische Halbinsel Krim rechtfertige, beinahe zur Weissglut getrieben.

«Die Krim ist und war immer russisch», antwortete Sacharova. «Nicht weil die russische Regierung das so wollte, sondern weil die Bevölkerung der Krim diesen Wunsch in sich trug.» Und: «Sie haben keine Ahnung, Sie wissen rein gar nichts.» Statt weiterhin an eine Welt jener Illusionen zu glauben, die uns westliche Massenmedien vorsetzten, sollten wir die Augen öffnen und beispielsweise bedenken: «Die USA finanzierten den Terroristen Osama Bin Laden jahrelang, bevor sie ihn bekämpften. Und afghanische Drogen wurden während Jahrzehnten in ganz Europa konsumiert.»

«Putin zu Dank verpflichtet»

Dank der Vertreter der – wie wir Journalisten – von der russischen Regierung nach Moskau eingeflogenen syrischen «Nichtregierungsorganisation», die sich als treue Anhänger ihres Präsidenten Baschar el Assad entpuppen, hat Sacharova wenigstens einen versöhnlichen Abgang. «Wir sind Wladimir Putin und seiner Regierung zu grossem Dank verpflichtet, weil sie uns im Kampf gegen Terroristen und Kriminellen zu Hilfe geeilt sind», sagen sie.

Der Umgang Sacharovas mit kritischen Fragen hat uns an den Vortag erinnert, als wir die staatliche russische Nachrichtenagentur Sputnik besuchten und uns deren Auslandchef Anton Anisimov Red und Antwort stand. Auf unsere Frage, weshalb die «Reporter ohne Grenzen» sein Land auf der alljährlichen Rangliste der Pressefreiheit heuer lediglich auf Platz 148 von 180 klassiert hätten, wenn doch seiner Meinung nach alles zum besten stünde, antwortete er mit einer Gegenfrage: «Wo hat diese Organisation ihren Sitz?» Anisimov gab die Antwort gleich selbst. «In Paris. Sie ist vom Westen finanziert und erstellt entsprechende Gutachten.»

Ob bei Sacharova oder Anisimov: Ihre Strategie ist eine Mischung aus Verschwörungstheorie und Argumentationsumkehr – selbst wenn es bei uns Defizite geben sollte, sind die euren noch viel grösser.

Um den Ruf Russlands im Westen zu verbessern, hofiert die russische Regierung nicht nur uns Journalisten, die sie im Vier-Sterne-Hotel im Stadtzentrum einquartiert, die Sehenswürdigkeiten rund um den Roten Platz zeigt und ins Ballett einlädt. Ähnliche Workshops gibt es auch für andere Branchen wie etwa Ingenieure. «Wir sind ein Instrument der russischen Aussenpolitik. Mit uns wird versucht, Ziele mittels ‹Soft Power’ zu erreichen», sagt Natalia Eremina, stellvertretende Leiterin humanitäre Zusammenarbeit und Jugendpolitik von Rossotrudnichestvo, einer staatlichen Abteilung, die man wohl am besten mit Imagebehörde übersetzt. Dass wir beiden Schweizer in unserer Reisegruppe abgesehen von zwei dänischen Radiojournalisten die einzigen Westeuropäer sind, sei Zufall, sagt Eremina. «Nur US-Amerikaner laden wir nie ein.»

«Amerikaner laden wir nie ein»

Zur russischen Aussenpolitik gehören nebst Besichtigungstouren auch andere, unzimperlichere Methoden. Im Frühjahr 2015 enthüllte die Investigativjournalistin Ludmilla Sawtschuk mittels Undercover-Recherche, wie von einem Bürokomplex in der Millionenstadt St. Petersburg aus versucht wird, die öffentliche Meinung im Westen zu beeinflussen. Rund 400 sogenannte Internet-Trolle würden in dieser Zentrale der russischen Online-Propaganda arbeiten, berichtete sie – ein jeder müsse eine tägliche Quote an Kommentaren auf westlichen Nachrichtenportalen erfüllen. Sie selbst habe in einer Abteilung gearbeitet, in der Mitarbeiter Blogs von fiktiven Personen schrieben, erzählte sie damals der «Welt». Darunter eine Wahrsagerin, die eine düstere Zukunft für Deutschland und die Europäische Union prognostizierte. Nach der Enthüllung sei die Trollfabrik nicht etwa geschlossen worden, berichtete die deutsche Tageszeitung kürzlich. Sie sei bloss einige Strassen weiter in ein neues Gebäude gezogen.

Auch im zurückliegenden Wahlkampf um die US-Präsidentschaft spielte Russland eine Hauptrolle: Das US-Ministerium für Inlandsicherheit jedenfalls ist überzeugt, dass der Kreml hinter den Hackerangriffen gegen die demokratische Kandidatin Hillary Clinton stand, die sie beim Duell gegen den Republikaner Donald Trump womöglich die entscheidenden Stimmen kosteten. Freilich setzt nicht nur Putin auf Propaganda: In der Hoffnung, vermeintlichen Konsens in ausländischen Onlineforen und auf sozialen Medien herzustellen, setzt beispielsweise auch das US-Militär schon seit Jahren auf Bots und Fakeaccounts. Und ein Onlineportal wie das Trump nahestehende rechtskonservative Breitbart News Network ist mit Sputnik und RT zumindest dahingehend zu vergleichen, als es vorgibt, eine Alternative zu den «MainstreamMedien» darzustellen und in seinen Berichten eine Geschichte in aller Regel bloss von einer Seite beleuchtet.

Auftrieb für Feindseligkeit

Zersetzt wird damit nicht nur der Glaube an die Existenz einer Wahrheit, geschürt wird auch gegenseitige Feindseligkeit. Als das (vom Staat unabhängige) russische Meinungsforschungszentrum Lewada 1989 fragte, ob das Land Michail Gorbatschows Feinde habe, antworteten 13 Prozent mit Ja. 24 Jahre später, noch vor Ausbruch des Ukrainekonflikts, antworteten auf die gleiche Frage 78 Prozent der Bürger Putins mit Ja. Gleichzeitig betrachten gemäss einer Umfrage des Instituts Gallup vom vergangenen Februar 86 Prozent der US-Bürger die militärische Kraft Russlands als Bedrohung.

Auch uns 31 Jungjournalisten lässt die viertägige Propagandareise nicht kalt. Wen aus unserer Reisegruppe wir auch fragen: Jede und jeder ist der Ansicht, wir befänden uns in einem Informationskrieg. Wir alle schauen besorgt in eine Zukunft, in der sich Ost und West wieder so unversöhnlich gegenüber zu stehen scheinen wie zu einer Zeit, als wir noch nicht geboren waren.

Gegen Merkel, Europa und das Establishment

Die folgenden drei Schlagzeilen dominierten gestern Mittag die Frontseite des deutschsprachigen Ablegers der russischen Nachrichtenagentur Sputnik: «EU-Politik gegenüber Moskau: ‹So tun, als ob sie nicht im Weissen Haus bestimmt wird›», «Frank-Walter Steinmeier: Wahlhelfer der AfD», «Merkel vor schwerer Wahl: ‹Letzte Soldatin der nationsübergreifenden Kräfte›». Die Auswahl illustriert, was die Newsmacher meinen, wenn sie ihr Portal mit dem Slogan bewerben, es berichte über Themen, die andere verschweigen: einen bunten Mix aus Angriffen gegen das Establishment (Steinmeiers SPD und Merkels CDU), martialischen Tönen («letzte Soldatin») und Verschwörungstheorien («Achse Washington-Berlin»).

Nach demselben Muster funktioniert «Der fehlende Part», die populärste Sendung des TV-Senders RT Deutsch, die bei Youtube jede Woche rund 30 000-mal angeschaut wird. In der aktuellsten Ausgabe ordnen «Experten» ein, was die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten für das Verhältnis USA-Russland bedeutet. Zu Wort kommen:

- Alexander Neu, Bundestagsabgeordneter der Linken, der sein Land aus der «US-Abhängigkeit» befreien und stattdessen eine gemeinsame Sicherheitspolitik von Lissabon bis Wladiwostok etablieren will.

- Rainer Rothfuss, «geopolitischer Analyst» und ehemaliger Professor der Universität Tübingen, der 2015 als Chef der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte abgewählt wurde, nachdem er sich kritisch zur Rolle der EU und der Nato sowie ukrainisch-faschistischer Kräfte im Ukraine-Konflikt geäussert hatte.

- Hannes Hofbauer, Autor von «Feindbild Russland», der zur anti-imperialistischen Linken Österreichs gezählt wird.

- Thomas Fasbender, Gründer der Deutsch-Russischen Wirtschaftsnachrichten, dessen Buch «Freiheit statt Demokratie – Russlands Weg und die Illusionen des Westens» 2014 erschien und der regelmässig für die «Weltwoche» schreibt: Lobeshymnen auf Wladimir Putin, Reportagen von der Krim und eigenwillige Analysen des Ukrainekonflikts («Putin ist an allem schuld: In der Ukraine steigen die Spannungen, aber Kiew kann sich weiter auf den blinden Schutz des Westens verlassen»).

Unisono sind die «Experten» zuversichtlich, dass es mit US-Präsident Trump zu einer Entspannung im Verhältnis mit Moskau kommen wird. So sagt etwa Fasbender: «Putin und Trump sind Alphamänner. Sie sind in der Lage, die Sache wie früher in der Sauna und beim Wodka auszuknobeln.»

Antiwestliche Kronzeugen

Der Einsatz von «Experten», welche die russischen Thesen legitimieren, hat System. Ob sie vom linken oder rechten Rand kommen, spielt keine Rolle. Politiker der Linken werden genauso oft in Sendungen eingeladen wie jene der AfD (Vize-Parteichefin Beatrix von Storch wurde gestern mit den Worten zitiert: «Trump ist die grosse Chance für Europa»). Jeder westliche Kritiker, der den Westen kritisiert, taugt zum – scheinbar objektiven – Kronzeugen.

Wie gerufen kommt da auch der Berliner Filmemacher und Journalist Uli Gellermann, Herausgeber eines obskuren Blogs namens «Rationalgalerie». In «Der fehlende Part» wird er befragt, wann immer die Redaktion eine Schelte der «Lügenpresse» wünscht. «Mediale Narrative und Mehrheitspositionen in den Medien entstehen durch galoppierende Dummheit», analysiert er in der neuesten Sendung die Gründe, weshalb RT Deutsch seit seiner Gründung vor zwei Jahren kritisch beäugt wird.

Eine weitere gängige Methode russischer Propaganda ist das Erzeugen von «Informationslärm» («FAZ»): Ein kleiner, unbekannter Blog publiziert eine Nachricht, die erst von weiteren dubiosen Websites wiederholt und dann von einem grösseren Medium wie Sputnik oder RT mit dem Verweis auf Internetquellen aufgenommen wird. Auch eine der eingangs erwähnten Schlagzeilen des gestrigen Tages kam so zustande.