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PROTESTE: Frankreichs Chinesen in Aufruhr

Der Tod eines Chinesen durch Polizeikugeln in Paris sorgt für Spannungen und Krawalle. Der umstrittene Fall schlägt Wellen bis nach China – und beschäftigt nun auch den französischen Präsidentschaftswahlkampf.
Stefan Brändle, Paris
Ein Porträt des getöteten Chinesen während eines Protests gestern in Paris. (Bild: Thibault Camus/AP (Paris, 2. April 2017))

Ein Porträt des getöteten Chinesen während eines Protests gestern in Paris. (Bild: Thibault Camus/AP (Paris, 2. April 2017))

Stefan Brändle, Paris

Shaoyao Liu war in seiner Pariser Wohnung offenbar gerade daran, einen Fisch abzuschuppen, als es an die Tür polterte. Der 56-jährige Familienvater öffnete und sah sich zwei Polizisten in Vollmontur gegenüber. Was danach passierte, ist umstritten. Laut der Tochter hielt ihr Vater nur eine Schere in der Hand, mit der er das Nachtessen zubereitete. Die Polizei behauptete hingegen, er habe damit auf einen der Ordnungs­hüter eingestochen. Auf jeden Fall eröffnete der andere das Feuer und verletzte Shaoyao Liu mit Schüssen tödlich.

Die Meldung von seinem Tod verbreitete sich blitzschnell. Im 19. Stadtbezirk von Paris, wo die chinesische Familie wohnt, kam es noch am gleichen Montagabend zu einem Volksauflauf, ­gefolgt von heftigen Ausschreitungen mit Brandstiftung und Angriffen auf die angerückte Bereitschaftspolizei.

Wichtigste chinesische Gemeinschaft in Europa

In den Tagen danach beruhigte sich die Lage kaum. Mehrere hundert Demonstranten vor allem asiatischer Herkunft riefen in Sprechchören «Polizisten, Mörder» und verlangten «Gerechtigkeit und Sicherheit». Die chinesische Gemeinschaft Frankreichs, mit schätzungsweise 700000 Vertretern die wichtigste in Europa und nicht als polizeifeindlich bekannt, spricht von einer «bavure», einem Schnitzer oder Fehler der Polizei.

Im aktuellen Ausnahmerecht, das in Frankreich weiterhin gilt, kommt es immer wieder zu Behördenübergriffen. Im Februar war ein junger Schwarzer in der Pariser Banlieue mit einem Polizeischlagstock brutal misshandelt worden, was zu Demonstrationen und teils schweren Krawallen führte. Das allgemeine Gefühl der Unsicherheit fernöstlicher Immigranten rührt auch von einem anderen Gewaltakt her: Im vergangenen Herbst war ein chinesischer Näher im Norden von Paris von drei später verhafteten Kleinkriminellen zu Tode geschlagen worden.

Behörden bangen um Touristen

Der neue Todesfall verstärkt noch das Gefühl eines verdeckten antichinesischen Rassismus in Frankreich. In Peking berichten die Medien ausführlich über die Lage ihrer Landsleute in ­Paris. Am Mittwoch wurde in Schanghai ein junger Franzose von einem Chinesen angegriffen und mit einem Messer am Hals verletzt. Die Pariser Behörden, die nicht zuletzt negative Folgen für den Reisetourismus aus China befürchten, liessen verlauten, die Sicherheit der chinesischen Bürger stelle für sie «eine Priorität» dar.

Der Pariser Polizeipräfekt empfing am Samstag den Botschafter Chinas sowie Vertreter chinesischer Vereine in Frankreich und drückte ihnen ihr Mitgefühl aus. In einem Communiqué hielt er indessen fest, die Polizei sei vor dem Vorfall durch Nachbarn gerufen worden, und der Verstorbene habe einen Ordnungshüter verletzt.

Kontroverse trifft auch Präsidentschaftskandidaten

Gestern gingen in Paris Tausende auf die Strasse, um für das Gedenken Lius zu demonstrieren. Die Affäre erhielt auch sonst eine politische Note, da bekannt wurde, dass der parteilose Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron die chinesische Diaspora empfangen hatte. Angesichts der umstrittenen Polizeirolle und des geltenden Terrornotrechtes wollte der – ausländischen Zuwanderern günstig gesinnte – Wahl­favorit seine Publicity offenbar auf die betroffene Gemeinschaft beschränken, veröffentlichte Macron doch weder Fotos noch Communiqué zum Treffen. Da unter der Delegation auch chinesische Journalisten waren, kam das Treffen trotzdem ans Tageslicht. Auch identifizierten diese Journalisten einen Teilnehmer als einen gewissen Jacques Sun, der laut dem französischen Geheimdienst DGSI ein Agent Pekings sein soll. Die Zeitung «Le Parisien» berichtete ihrerseits, die Krawalle seien von Drahtziehern aus dem Umfeld der chinesischen Mafia oder Geheimdienste angestiftet worden.

In der Öffentlichkeit bleibt der Eindruck zurück, dass der Kandidat in dieser politisch überaus heiklen Affäre unvorsichtig gehandelt habe. Das Aussenministerium in Peking verlangt seinerseits die «raschestmögliche Aufklärung» des Falls.

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