Reportage

Proteste in Washington: Polizist erzählt über seine Taktik gegenüber klauenden Teenies

Die Proteste nach George Floyds Tod gehen weiter – und die Stadtpräsidentin greift durch. Eindrücke aus Amerikas Hauptstadt.

Renzo Ruf aus Washington
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«Kein Geld für die Polizei», fordert ein Demonstrant in der US-Hauptstadt Washington. Seit einer knappen Woche dauern die Massenproteste schon an.

«Kein Geld für die Polizei», fordert ein Demonstrant in der US-Hauptstadt Washington. Seit einer knappen Woche dauern die Massenproteste schon an.

Bild: Yasin Ozturk/Getty

Die Szene könnte sich auch in einer Schulmensa abspielen: Es ist früher Abend und eine Gruppe junger Menschen debattiert angeregt über die gespannten Beziehungen zwischen dunkelhäutigen Amerikanern und der Polizei. Eine Frau sagt, sie sei Lehrerin, und es bereite ihr regelrechtes Bauchweh, dass sie junge Afroamerikaner bereits im Schulunterricht auf künftige Konfrontationen mit den Ordnungshütern vorbereiten müsse. Sie müsse ihren dunkelhäutigen Schülern beibringen, wie sie solche Konfrontationen entschärfen könnten – auch wenn die Aggressionen gar nicht von ihnen, sondern von der Polizei ausgingen.

Auch ein junger Mann, breite Schultern, offenes Lachen, beschwert sich über die Polizeitaktik in gewissen amerikanischen Städten. Er störe sich daran, dass der Afroamerikaner George Floyd von der Polizei von Minneapolis derart brutal festgenommen worden sei, obwohl er zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr für sein Umfeld dargestellt habe.

Das Aussergewöhnliche an diesem Wortwechsel: Der Mann, der sich über die brutale Festnahme von Floyd enerviert, ist selbst Polizist. Sein Namensschild weist ihn als «C. Wilhoit» aus. Carlton, wie er mit Vornamen heisst, arbeitet für die Stadtpolizei von Washington als Streifenpolizist. Er hat gerade Pause. Zu zehnt sitzen er und seine uniformierten Kollegen am Strassenrand der «F Street», höchstens fünf Minuten von den Barrikaden entfernt, mit denen die Polizei in der amerikanischen Hauptstadt das Weisse Haus abgesperrt hat.

Wieso die Polizei Ladendiebe auch mal springen lässt

Kaum hat es sich Wilhoit am Strassenrand bequem gemacht, wird er von einer Gruppe von Afroamerikanern umringt. Sie stellen ihm Fragen, auch über seine Rolle als Schwarzer im Dienst der Staatsgewalt. Er antwortet offen. Und statt Streit – wie er in diesen Tagen in Amerika so oft entsteht, wenn Polizisten und Demonstranten aneinandergeraten – entwickelt sich eine angeregte Diskussion.

Carlton Wilhoit betont immer und immer wieder, wie falsch sich seine Kollegen in Minneapolis verhalten hätten. Der Streifenpolizist weiss, dass die Polizei auch in einigen Stadtteilen Washingtons, in denen viele Afroamerikaner wohnten, nicht primär als Freund und Helfer wahrgenommen werde. Zentral sei deshalb die Bereitschaft, Situationen auch mal vorzeitig zu deeskalieren. Im Zweifelsfall lasse er einen Teenager deshalb springen, auch wenn er eine Packung Chips oder Kaugummis gestohlen habe.

Man könnte allerdings auch sagen: Wilhoit und seine Kollegen haben gut reden. Denn die Entrüstung der Demonstranten in Washington richtet sich nicht gegen die Arbeit der lokalen Ordnungshüter. Die Rolle des Sündenbocks haben die Einheiten der Bundespolizei übernommen, die im Auftrag von Präsident Donald Trump unter anderem das Weisse Haus bewachen.

Am Ende des Frühsommertages ist die Lage an der «H Street», am Eingang zum Lafayette Platz beim Weissen Haus, weitgehend unter Kontrolle. Die Ordnungskräfte – unter anderem Vertreter der Eliteeinheit Secret Service – stehen auf der einen Seite, Hunderte von zumeist jungen Demonstranten auf der anderen. Die Aktivisten halten Plakate in die Höhe, mit denen sie an die zahlreichen Männer und Frauen erinnern, die in den vergangenen Jahren in Polizeigewahrsam gestorben sind. Immer wieder sind Sprechchöre zu hören: «Say his name», schreit ein Mann, «sagt seinen Namen!» Die Menge ruft zurück: «George Floyd.»

Ab 19 Uhr darf in Washington keiner mehr raus

Die Stimmung ist angespannt, die Szenerie surreal. Die meisten Demonstranten tragen eine Gesichtsmaske und befolgen damit eine Empfehlung der Gesundheitsbehörden, um die Verbreitung des Coronavirus zu bremsen. Scharmützel bleiben weitgehend aus. Erst in den Abendstunden, als es dunkel wird, eskaliert die Situation auch in Washington erneut. Gebäude und Fahrzeuge gehen in Flammen auf, Geschäfte werden geplündert – obwohl ab 23 Uhr (Lokalzeit) eine Ausgangssperre für die Stadt in Kraft getreten ist.

Gegen 90 Personen werden festgenommen, angeblich stammen sie vornehmlich aus dem Grossraum Washington. Am Tag danach wird die afro­amerikanische Bürgermeisterin Muriel Bowser sagen, sie glaube, dass sich «professionelle Demonstranten» unter die Menschenmenge gemischt hätten, um die Polizei zu provozieren. Auch deshalb verhängte sie am Montag eine Ausgangssperre, die bereits vier Stunden früher begann.