PROTESTE: Katalonien: Tag eins in einer gespaltenen Stadt

Die einen wollen Unabhängigkeit um jeden Preis, die anderen endlich ihre Ruhe: Die Risse in der Bevölkerung Barcelonas wachsen – und gehen mitten durch Familien und Freundeskreise.

Anna Sophia Burch, Barcelona
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Anhänger der Unabhängigkeit Kataloniens demonstrieren am Montag in Barcelona gegen Polizeigewalt und für die Loslösung von Spanien. (Bild: Felipe Dana/AP)

Anhänger der Unabhängigkeit Kataloniens demonstrieren am Montag in Barcelona gegen Polizeigewalt und für die Loslösung von Spanien. (Bild: Felipe Dana/AP)

Anna Sophia Burch, Barcelona

Zertrümmerte Fensterscheiben, verschmierte Hausfassaden und blaue Blutergüsse – das ist Barcelona einen Tag nach der Abstimmung über die Unabhängigkeit Kataloniens. Nach den turbulenten Festivitäten des Sonntagabends, mit denen die Separatisten den positiven Entscheid feierten, scheint am Morgen danach wieder Normalität in die mediterrane Metropole eingekehrt zu sein. Ladeninhaber kurbeln die mit Wahlzetteln zugekleisterten Jalousien hoch, überfüllte Metrozüge und Busse transportieren gelangweilt wirkende Studenten und Pendler, darunter einige mit Schrammen oder blauem Auge. Und auch das Wetter zeigt sich versöhnlich nach der Regenepisode am Sonntag.

Doch der Schein trügt, denn überall ist Unmut über die Härte der Repression der spanischen Sicherheitskräfte gegen die rund 2,2 Millionen katalonischen Stimmwilligen zu spüren. So setzt bereits um zwölf Uhr mittags die vermeintliche Normalität wieder aus, als Tausende Studenten aus den Universitäten Richtung Plaça Catalunya marschieren, um dort unter Gleichgesinnten ihre Empörung über die Polizeigewalt kundzutun. Die Farben Rot und Gelb herrschen vor, welche gestreift angeordnet und zusammen mit dem weiss-blauen Stern die Unabhängigkeitsflagge Kataloniens zieren.

Mit einem X auf den Lippen für die Meinungsfreiheit

Daneben haben sich einige junge Männer ein rotes X auf den Mund gemalt, um ihren Protest gegen die eingeschränkte Meinungsfreiheit durch Spanien auszudrücken, passend zum Wahlslogan der Separatisten: «Für die Demokratie, für die Unabhängigkeit». Den Auftritten von Präsident Puigdemonts und Bürgermeisterin Colaus vor dem Palast der Regionalverwaltung von Katalonien in der Altstadt folgt tosender Applaus und es ertönten zustimmende Rufe aus der Menge wie «wir haben keine Angst» oder «wir sind friedliche Menschen und wollten einfach nur abstimmen».

Das Scheitern der friedlichen Proteste und des Dialogs mit Spanien gab den separatistischen Strömungen Auftrieb. «Die gewaltsame Reaktion des spanischen Staates auf unsere bewusst friedlichen Proteste bestärkt das von den Separatisten gezeichnete Bild eines undemokratischen Spaniens. Viele bisher noch unentschiedene Wähler lassen sich zunehmend von der sezessionistischen Argumentation überzeugen», so schätzt Núria Soler, Studentin aus Barcelona, die Lage ein. «Mit einer solchen Gewalt und Härte von Seiten der nationalen Polizei haben wir nicht gerechnet», sagt sie stellvertretend für Tausende katalanische Stimmberechtigte. Gleichwohl schwingt in ihrer Stimme Stolz mit, denn ungeachtet des allgemeinen Unmuts sei das katalanische Volk friedlich und einhellig, als eine generationenübergreifende Bewegung, aufgetreten.

Das Resultat des Referendums ist eine gespaltene Gesellschaft – Nachbarn, Arbeitskollegen und selbst Liebespaare sind unterschiedlicher Meinung. Mit Flaggen an Balkonen, Aufdrucken auf ­T-Shirts und Stickern an Windschutzscheiben wird die jeweilige politische Meinung zur Schau gestellt. Die Zukunft dieser gespaltenen Gesellschaft ist ungewiss. Niemand weiss, inwiefern und ob die Ausrufung einer katalonischen Republik umgesetzt werden wird.

Zweierlei Sehnsucht: Nach Unabhängigkeit oder Normalität

Neben katalanischen Separatisten und spanischen Sympathisanten teilt sich die Bevölkerung Barcelonas vor allem in zwei Gruppen: Die einen, die nichts mehr wollen als die Unabhängigkeit. Und die anderen, welche sich nach Normalität und zurück zu einem harmonischen Zusammenleben sehnen. Klar zur zweiten Gruppe zählt sich Anna Rodriguez, eine junge Juristin aus Nordspanien. Sie fürchte sich um ihren Arbeitsplatz. Benachteiligungen durch katalanische Vorgesetzte seien nichts Neues für sie, sagt sie. Falls sich die Fronten weiter verhärteten, sei sie bereit, in den Norden Spaniens zurückzukehren.

Fest steht, dass sich die katalanische Regionalregierung und die spanische Regierung nach dem Referendum unversöhnlich gegenüberstehen. Die Hoffnung vieler Katalanen ruht nun auf Vermittlern aus dem Ausland.

Doch bis dahin kämpfen die katalanischen Separatisten weiter. Für heute Dienstag ist ein Generalstreik angesagt. Die katalanische Regierung fordert auf, unter dem Motto «nah beim Volk» weiter gegen die Gewalt und die spanische Politik im Allgemeinen zu protestieren. Auf die Rückkehr der Normalität wird die Millionenstadt am Mittelmeer nach Lage der Dinge noch eine ganze Weile warten müssen.