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Bahnhof Frankfurt: Protokoll einer Tragödie, die ihren Anfang in der Schweiz nahm

In Frankfurt stösst ein Eritreer aus Wädenswil einen Jungen in den Tod – obwohl er seit Tagen von der Polizei gesucht worden ist.
Cornelie Barthelme aus Berlin
Grosse Anteilnahme: Auf diesem Gleis am Frankfurter Hauptbahnhof starb der 8-jährige Bub. Bild: Frank Rumpenhorst/Keystone (30. Juli 2019) (Bild: keystone-sda.ch)

Grosse Anteilnahme: Auf diesem Gleis am Frankfurter Hauptbahnhof starb der 8-jährige Bub. Bild: Frank Rumpenhorst/Keystone (30. Juli 2019) (Bild: keystone-sda.ch)

Wädenswil wird im Volksmund «Wädi» genannt. In Frankfurt, knapp 450 Kilometer entfernt, weiss das kein Mensch. Und niemand weiss in der hessischen Metropole am Montagvormittag, dass fünf Tage zuvor in Wädenswil der 40 Jahre alte gebürtige Eritreer A. seine Frau und seine drei kleinen Kinder in der gemeinsamen Wohnung eingeschlossen hat, ausserdem eine Nachbarin bedrohte, weil sie seiner Familie zu Hilfe kam.

Und erst recht weiss niemand in Frankfurt und auch nirgendwo sonst in Deutschland, dass A. – als die von dessen Ehefrau zu Hilfe gerufene Kantonspolizei Zürich ankommt – verschwunden ist. Denn die Kantonspolizei schreibt A. zwar umgehend zur Festnahme aus, aber nicht öffentlich. Und nur im Fahndungssystem der Schweiz. «Es gab», sagte gestern Werner Schmid, Chef der Regionalpolizei, «keinen Anlass für eine internationale Ausschreibung.»

Als Schmids Kollegen von der Polizei Frankfurt am Montagnachmittag «Tötungsdelikt» twittern und Zeugen suchen für die Tat, die sich am Vormittag auf dem Hauptbahnhof zugetragen hat, ist zwar der mutmassliche Täter gefasst. Aber von dessen Vorgeschichte wissen sie nichts.

«Gut integriert» und «vorbildlich»

Der Mann stösst um 9.59 Uhr eine 40 Jahre alte Frau und ihren achtjährigen Sohn vom Perron 7 ins Gleisbett, vor den einfahrenden ICE 529. Die Mutter kann sich wegrollen, das Kind aber wird vom Zug erfasst und stirbt auf den Gleisen. Eine 78 Jahre alte Frau, die der Täter in derselben Art angreift, kommt noch auf dem Bahnsteig zu Fall. Als der Mann flieht, setzen ihm Passanten nach, darunter ein Polizist in Zivil – und stellen ihn ausserhalb des Bahnhofs. Gestern erfährt die Öffentlichkeit: Der mutmassliche Mörder von Frankfurt ist A. aus Wädenswil, der Mann, der Frau, Kinder und Nachbarin bedroht hat. Und nach dem die Kantonspolizei sucht. Wegen häuslicher Gewalt.

Kurz vor Mittag am Montag hat die Polizeidirektion Frankfurt den Schweizer Kollegen ein Ermittlungsersuchen übermittelt. Gestern müssen diese sich bei einer Pressekonferenz in Zürich bohrenden Fragen stellen. Warum haben sie die Öffentlichkeit nicht von der Fahndung nach A. informiert? Warum nicht die Schengen-Staaten?

Bis Donnerstag, sagt die Kantonspolizei, war A. ein unbescholtener Mann. Einzig «wegen eines geringfügigen Verkehrsdelikts» polizeibekannt. 2006 ist der Eritreer eingereist, 2011 hat er eine Niederlassungsbewilligung der Kategorie C erhalten. Er ist verheiratet, seine Kinder sind ein, drei und vier Jahre alt. Bis Januar 2019 hat er gearbeitet, bei den Verkehrsbetrieben Zürich. Seither nicht; er ist «wegen psychischer Probleme krankgeschrieben». In Berlin sagen fast genau zur selben Zeit der deutsche Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) und der Chef der Bundespolizei, Dieter Romann, A. sei eine Art Musterexemplar von Asylbewerber gewesen: «Gut integriert» und «aus Sicht der Ausländer- und Asylbehörde vorbildlich».

Plötzlicher Gewaltausbruch

Am Donnerstag sagen Ehefrau und die Nachbarin von A. der Polizei «übereinstimmend, dass sie ihn noch nie so erlebt hätten». Und dass sein «Gewaltausbruch für sie völlig überraschend» gekommen sei. A. hat die Nachbarin bedroht, mit Worten und einem Messer. In Berlin sagt Polizeichef Romann, er habe die Frau auch gewürgt. Sie und die Ehefrau berichten der Kantonspolizei noch am Donnerstag, dass A. seit 2019 «in psychiatrischer Behandlung» sei. Die Kantonspolizei befindet dennoch: Interne Fahndung genügt. Regionalpolizei-Chef Schmid erklärt: «Täglich gibt es im Kanton Zürich rund ein dutzendmal Gewalt im Nahumfeld.» Und: «Es wurden die üblichen Massnahmen getroffen.» Die üblichen Massnahmen führen dazu, dass A. nach Deutschland einreist. Weil die Schweizer Polizei «keine Anhaltspunkte» sah, dass A. «sich ins Ausland absetzen könnte». Und, wie der deutsche Bundespolizeichef Romann annimmt, unkontrolliert. Weil es «an der Grenze zur Schweiz keine regulären Kontrollen» gibt. Niemand weiss, wie A. nach Deutschland kam. Er macht keine Angaben. Auch nicht zum Motiv.

Die Öffentlichkeit hat geurteilt

Fast zur selben Zeit muss in Frankfurt der Ermittlungsrichter über die gegen A. beantragte Untersuchungshaft wegen Mordes und zweifachen Mordversuchs entscheiden. Für die Öffentlichkeit ist A. längst verurteilt. Und für manche nicht nur er. Am Montagabend twittert die AfD-Fraktionschefin im Bundestag, Alice Weidel: «Während ganz Deutschland trauert, hebt Merkel ohne ein Wort der Anteilnahme in den Urlaub ab.» Gestern Morgen schiebt der AfD-Landeschef von Berlin, Georg Pazderski, nach: «Der tote Achtjährige vom Frankfurter Hauptbahnhof ist ein Fanal und muss die lange überfällige sicherheitspolitische Kehrtwende auslösen.»

Anders als von der AfD insinuiert, reagiert die deutsche Bundesregierung rasch. Seehofer – der 2015 als Regierungschef von Bayern in den Ferien noch nicht einmal ans Handy ging, als Angela Merkel ihn wegen der Flüchtlinge in Ungarn kontaktieren wollte – unterbricht seine Ferien. Trifft in Berlin die Chefs der Sicherheitsbehörden – und redet danach von der «moralischen Verantwortung, das Menschenmögliche zu tun», um solche Taten zu verhindern. Fast zur selben Zeit beteuert die Kantonspolizei Zürich, sie habe im Fall A. genau das getan.

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