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PROVOKATION: Jean-Marie Le Pen: «Ich bin die Kassandra, die niemand mag»

Jean-Marie Le Pen gehört in Frankreich zu den umstrittensten Figuren. Nun veröffentlicht der Front-National-Gründer seine Memoiren – und stört damit seine Tochter bei den Vorbereitungen für den nächsten Parteitag.
Stefan Brändle, Paris
Fühlt sich weiter als Chef des Front National: Jean-Marie Le Pen in seiner Villa in Paris. (Bild: Thibault Camus/AP (1. Dezember 2014))

Fühlt sich weiter als Chef des Front National: Jean-Marie Le Pen in seiner Villa in Paris. (Bild: Thibault Camus/AP (1. Dezember 2014))

Interview: Stefan Brändle, Paris

Jean-Marie Le Pen, Sie veröffentlichen Ihre Memoiren kurz vor dem Front-National-Kongress Ihrer Tochter Marine. Wollen Sie ihr ein letztes Mal die Schau stehlen?

Das ist purer Zufall. Marine Le Pen ist zweitrangig für mich. Nein, ich will Rückblick auf meine 44 Jahre an der Spitze des Front National halten, über sechzig Jahre in der französischen Politik.

Ihre Tochter hat Sie aus der Partei geworfen, doch per Gerichtsurteil bleiben Sie Ehrenpräsident. Werden Sie am 10. März beim Parteitag in Lille dabei sein?

Mal sehen. Ich werde auf jeden Fall nach Lille fahren. Einige wollen mich mit Gewalt am Betreten des Kongressgebäudes hindern, obwohl das gegen den Gerichtsbeschluss verstossen würde. Aber Marine Le Pen hatte noch nie viel übrig für Justizentscheide.

Nehmen Sie Leibwächter mit?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Mitglieder des Front National oder Marines Schergen mir körperlich Schaden zufügen wollten. Das wäre politisch tödlich für sie.

Wollen Sie mit Ihren Memoiren klarmachen, wer der wahre Chef der französischen Rechtsextremen ist?

Viele behaupten, ich wolle Marine Le Pen den Platz streitig machen. Dabei mache ich gar nichts. Ich hätte mehr Nachsicht durch die Partei verdient!

Weil Sie sie schon 1972 gegründet hatten?

Die «Nationale Front für Französisch-Algerien» hatte ich sogar schon 1960 ins Leben gerufen. 1972 gründete ich den eigentlichen Front National (FN) zusammen mit Georges Bidault und dem Ordre Nouveau.

Daher rührt noch heute das Parteilogo der Flamme, Symbol der Neofaschisten der «Neuen Ordnung».

Es stimmt, Ordre Nouveau hatte Beziehungen zu den italienischen Neofaschisten des MSI. Aber die verliessen den FN bald. Seither war es stets mein Ziel, alle französischen «Nationalen» unabhängig von ihrem Ursprung oder ihrer Vergangenheit zu vereinigen. Wenn es Patrioten waren, die Frankreich liebten und die tödliche Gefahr der Überfremdung erkannten, waren sie willkommen, ohne dass ich irgendwelche moralischen oder politischen Einwände anbrachte. Manchmal höre ich, dieser oder jener sei bei der Waffen-SS gewesen. Warum hält man sich anderswo nie darüber auf, wenn einer Bolschewik gewesen war?

In Deutschland ginge das nicht mehr durch.

Diese Waffen-SS sind heute 90 Jahre alt! Bei Stalin oder Lenin darf man hingegen gewesen sein. Das ist selektiver Antitotalitarismus.

Wahltaktisch war Ihre Nähe zum braunen Sumpf ein Fehler: Marine Le Pen, die sich davon verbal abgrenzt, macht heute doppelt so viele Stimmen wie Sie früher.

Ich war im Zweiten Weltkrieg im Widerstand und dabei mehrfach in Todesgefahr. Trotzdem bezeichnet uns die Linke als Faschisten. Dagegen ist kein Kraut gewachsen. Marine Le Pen versucht vergeblich, sich zu «dediabolisieren», also salonfähig zu werden. Unsere Gegner wollen das nicht zulassen. Oder wird sie von den Medien etwa besser behandelt als ich?

Sie provozieren jedenfalls weiter mit antisemitischen Sprüchen.

Nennen Sie mir einen antisemitischen Spruch, für den ich verurteilt worden wäre!

Etwa, die Gaskammern des Zweiten Weltkrieges seien ein Detail der Geschichte.

Das soll antisemitisch sein?

Die Justiz fand ja.

Als man mich fragte, was ich über die Gaskammern dächte, antwortete ich, ich hätte selber keine gesehen; aber ich sage nicht, sie hätten nicht existiert. Ich sagte, in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs sei das ein Detail. Was soll daran antisemitisch sein? Muss ich vor dem Unglück der Shoah niederknien? Ich bin ein freier Mann und ich sage Ihnen: Der wichtigste Tote des Zweiten Weltkrieges war mein Vater, der durch eine Mine umgekommen ist.

Nochmals: Ihre Tochter hat, indem sie solche Provokationen vermeidet, elf Millionen Stimmen erhalten, doppelt so viele wie Sie.

Sie profitiert von meiner Vorarbeit mit dem Front National. Seit einem halben Jahrhundert warne ich vor den unkontrollierten Migrationsbewegungen. Ich bin die Kassandra, die niemand mag. Wenn Sie in einzelnen Vorstädten von Paris den Bus nehmen und der einzige Europäer sind, denken Sie: Le Pen hatte recht. In den letzten 50 Jahren ist die Weltbevölkerung von drei auf acht Milliarden Menschen hochgeschnellt, in Algerien zum Beispiel von 8 auf 46 Millionen. Europa hingegen verliert Einwohner. Wir werden schwächer. Die Demoskopen sagen, wenn eine Gesellschaft weniger als 1,3 Kinder pro gebärfähige Frau mache, sei der Abwärtstrend unumkehrbar. Das ist der Fall in Spanien, Italien und Deutschland.

In Deutschland steigt die Geburtenrate gerade wieder.

Aber nur dank den Türken. Deutschland ist ein goldener Sarg. Alles steht scheinbar zum Besten; doch das deutsche Volk ist daran, zu verschwinden. Nicht sofort natürlich, aber auf die Dauer.

Sicher ist, dass Deutschland heute mehr Flüchtlinge aufnimmt als Frankreich.

Wer sagt Ihnen denn, dass sie immer noch in Deutschland sind? Viele haben das Land wieder verlassen; sie sind vielleicht längst anderswo im Schengen-Raum, ohne dass man wüsste, wo.

Was sagen Sie dazu, dass die AfD bei den letzten Bundestagswahlen so erfolgreich abgeschnitten hat?

Das freut mich natürlich, auch wenn ich die Verantwortlichen nicht kenne. Und ich denke, dass sie noch mehr Sitze erringen werden. Die Allianz Merkel-Schulz ist ein Skandal. Man teilt sich den Kuchen gemeinsam auf. In einer Koalition gibt es keine richtige Verantwortung – jedermann ist drin, aber nicht ganz; jeder dient dem anderen als Alibi. Das wird der AfD noch mehr Auftrieb verleihen.

In der Schweiz hat die SVP teils ein ähnliches Programm wie Sie. Und doch will diese Partei nichts mit dem Front National zu tun haben. Verstehen Sie das?

Diese Leute sind Opfer der Kampagne unserer Gegner. Das mündet in ein Verbot, mit Gleichdenkenden gemeinsame Sache zu machen. Wenn Journalisten wie Sie schreiben, der Front National sei antisemitisch, dann macht er halt Angst. Ich wurde schon als Ex-Offizier der Waffen-SS hingestellt. Eine komplett falsche Behauptung. 1940 war ich gerade mal zwölf Jahre alt.

Zurück zu Ihrer Tochter. Was hat Marine Le Pen bei den Präsidentschaftswahlen 2017 falsch gemacht?

Es war ein Fehler, gegen den Euro und die EU Kampagne zu machen. In den Umfragen war das nur das fünftwichtigste Thema der Franzosen. Ich hätte die massive Immigration an die Spitze gestellt, denn sie ist am Ursprung der Schul- und Wohnbaukrise, der Unsicherheit und der Arbeitslosigkeit. Dazu kam ein taktischer Fehler: Marine Le Pen hielt zu viele kleine Wahlmeetings ab. Zum Schluss war sie völlig erschöpft und attackierte Macron im letzten Streitgespräch auf eine unfeminine Art. Frankreich ist ein machistisches Land. Wenn eine Frau Präsidentin werden will, muss sie würdig, königlich auftreten.

Marine Le Pen will den Namen «Front National» ändern. Was halten Sie davon?

Das ist völlig verrückt. Der Name und die Marke einer Partei sind ein Mittel der Identifizierung. Das muss zwanzig Jahre lang aufgebaut werden. «Front National» scheint mir weiterhin eine gute Bezeichnung zu sein, sie ist klar der Rechten zuzuordnen.

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