Prozess
Schuldig, schuldig, schuldig: Nach dem Urteil gegen den Ex-Polizisten wegen des Todes an George Floyd ist Amerika erleichtert

Zwölf Geschworene in Minneapolis (Minnesota) sprechen den Ex-Polizisten Derek Chauvin schuldig für die Tötung des Afroamerikaners George Floyd im vorigen Mai. Nun droht ihm eine mehrjährige Gefängnisstrafe.

Renzo Ruf aus Washington
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In Minnesota wird das Urteil gegen Chauvin von Aktivisten gefeiert.

In Minnesota wird das Urteil gegen Chauvin von Aktivisten gefeiert.

Bild: Craig Lassig / EPA

Am Ende ging im Gerichtssaal C-1856 des Hennepin County Courthouse in Minneapolis (Minnesota) alles ganz schnell. Richter Peter Cahill, der souverän durch den drei Wochen dauernden Prozess geführt hatte, verlas am Dienstag das Urteil gegen den Ex-Polizisten. Dreimal lautete es «schuldig» im Sinne der Anklage. Dann fragte Cahill die zwölf Geschworenen, ob sie zu ihrer Entscheidung stünden. Alle sagten, mit fester Stimme: «Ja.» Weitere Kommentare über ihr einstimmiges Urteil gaben sie vorerst keine ab.

Und damit war der Prozess gegen den Mann, der am 25. Mai während eines brutalen Polizeieinsatzes beim Supermarkt Cup Foods den damals 46 Jahre alten George Floyd getötet hatte, zu Ende. Ein Ordnungshüter legte Chauvin, der die Verhandlung mit steinerner Miene verfolgt hatte, Handschellen an und führte ihn ab. Wohl im Juni wird der ehemalige Polizist erfahren, wie lange er ins Gefängnis muss. Auf den ersten Anklagepunkt, Mord mit bedingtem Vorsatz («second degree murder») steht eine Strafe von bis zu 40 Jahren.

George Floyds Bruder sagt: Ich kann wieder atmen

Kollektiv atmete Amerika nach dieser Urteilsverkündigung auf – sind sich amerikanische Bürgerrechtler und Aktivistinnen doch bewusst, dass es sehr schwer ist, einen Polizisten strafrechtlich für ein Tötungsdelikt zu belangen, das er im Dienst begangen hat. (Die entsprechende Rechtsdoktrin lautet «Qualified Immunity» und schützt Ordnungshüter vor Strafklagen, wenn sie sich angemessen verhalten.) In grossen und kleinen amerikanischen Städten versammelten sich deshalb Hunderte von Menschen, um das Urteil spontan zu feiern.

Am grössten und ausgelassensten waren diese Kundgebungen in Minneapolis, dem Schauplatz des Verbrechens am 25. Mai. Hier meldeten sich Familienmitglieder und Weggefährte von George Floyd zu Wort. So sagte sein Bruder Philonise: Weil die Geschworenen für Gerechtigkeit gesorgt hätten, könne er nun endlich wieder atmen und schlafen.

Darnella Frazier wiederum, die mit ihrem Smartphone gefilmt hatte, wie George Floyd durch den Polizisten Chauvin fast zehn Minuten lang auf den Boden gedrückt worden war, schrieb nach der Urteilsverkündung: «Danke Gott, danke, danke, danke, danke!» Die heute 18 Jahre alte Frazier war im Prozess als Zeugin der Anklage aufgetreten; ohne ihre Aufnahmen wäre das Verfahren gegen Chauvin und drei weitere Polizisten wohl nie ins Rollen gekommen.

In Washington wiederum fand Präsident Joe Biden lobende Worte für die Entscheidung der Geschworenen, würden doch Polizisten viel zu selten für ihr Fehlverhalten zur Rechenschaft gezogen. Biden beklagte aber auch, dass Afroamerikaner und andere Bevölkerungsminderheiten unter dem Rassismus von Ordnungshütern litten. Dies müsse ein Ende haben, «unsere Arbeit ist noch nicht getan». An die Adresse der Aktivistinnen und Aktivsten gerichtet, sagte Biden erneut, selbst im Kampf gegen «systemischen Rassismus» sollten nur friedliche Mittel angewendet werden.

Seine Stellvertreterin Kamala Harris verwies auf einen gesetzgeberischen Vorstoss, den sie im vergangenen Jahr – damals war Harris noch Senatorin aus Kalifornien – mitverfasst hatte. Das Gesetz zur Reform der Polizeiarbeit trägt den Namen von George Floyd und soll unter anderem die «Qualified Immunity» abschaffen. Im Senat ist das Paket allerdings nicht mehrheitsfähig, auch weil es den Republikanern zu weit geht.

Die Demokraten versprachen am Dienstag aber, im Namen Floyds weiter für das Gesetz zu kämpfen. So dankte Nancy Pelosi, die Vorsitzende des Repräsentantenhauses, dem Verstorbenen dafür, dass er sein Leben «für die Gerechtigkeit geopfert» habe – eine Aussage, die nicht nur im rechten Amerika auf Unverständnis stiess.

Es ist dies nicht das erste Mal im Verfahren gegen Derek Chauvin, dass sich Demokraten im Ton vergreifen. Richter Cahill rief Politiker deshalb am Montag, sichtlich enerviert, dazu auf, von weiteren Stellungnahmen abzusehen. Dies nachdem Cahill dem Verteidiger von Derek Chauvin gesagt habe, dass Aussagen der Abgeordneten Maxine Waters «vielleicht» hilfreich sein könnten, falls der Ex-Polizist in die Berufung gehen müsste. Waters hatte Aktivisten am vorigen Wochenende dazu aufgerufen, ihre Anliegen konfrontativer zu vertreten. Der Chauvin-Verteidiger hatte behauptete, sie habe die Geschworenen bedroht.

Achtung: Die Bilder im Video können verstörend wirken.

Video: Video Unit / Silja Hänggi