Wahlen in Russland
Pussy-Riot-Aktivistin: «Die Hauptwaffe des Geheimdiensts ist die Angst der Bürger»

Russland hat gewählt. Aktivistin Maria Alyokhina von «Pussy Riot» und ihre Theatercrew machen derweil im Ausland unermüdlich gegen Präsident Putin Stimmung. Ein Treffen in Zürich

Julia Stephan
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Die Aktivistin Maria Alyokhina ist zurzeit auf Tour in der Schweiz.

Die Aktivistin Maria Alyokhina ist zurzeit auf Tour in der Schweiz.

Urs Bucher/St. Galler Tagblatt

Maria Alyokhina, Putin ist gewählt. Die sieben Herausforderer waren von vornherein chancenlos. Was bleibt dem russischen Bürger übrig, wenn er mit dieser undemokratischen Wahl nicht einverstanden ist?

Maria Alyokhina: Boykott ist eine Möglichkeit unter vielen. Was die Menschen auf keinen Fall tun sollten, ist ruhig zu bleiben. Sie sollen raus auf die Strasse gehen, protestieren, politisches Theater machen, Bücher schreiben oder Musik machen, wie wir es tun.

Wer begehrt denn auf?

Alyokhina: In diesen Tagen sieht man auf Russlands Strassen vermehrt junge Menschen, darunter viele Teenager, die gegen die politische Situation aufbegehren. Dass sie weder vor Schuldirektoren noch vor der Polizei Angst haben, stimmt mich optimistisch.

Vasily Bogatov, Sie haben viele Pussy- Riot-Aktionen gefilmt und sind auch für die Videos der in Zürich gezeigten Show «Riot Days» verantwortlich. Wie sieht Protest für Sie aus?

Vasily Bogatov: Protest sollte aktiv sein. Boykott meint nicht, auf der Couch zu liegen. Wer sich als Wahlbeobachter vor eine Urne aufstellt und genau hinschaut, hat bereits viel getan.

Maria Alyokhina, Sie wurden 2012 nach der Aufführung eines Punk-Gebets in der orthodoxen Christ-Erlöser-Kirche in Moskau wegen «Rowdytums aus religiösem Hass» für fast zwei Jahre in ein Arbeitslager gesteckt. Welche Form der Zensur und Schikane erlebt man als Künstlerin in Russland?

Alyokhina: Der russische Geheimdienst greift bei seinem Versuch, die Menschen zum Schweigen zu bringen, auf eine fast hundertjährige Tradition zurück. Im stalinistischen Russland der 1930er-Jahre wurde das kulturelle Leben völlig kontrolliert. Alle meine Lieblingskünstler aus jener Zeit hat man erschossen. Viele sind in der Haft gestorben oder ins Ausland emigriert.

Was ist die Hauptwaffe des russischen Geheimdiensts?

Alyokhina: Die Angst der Bürger. Um einen Menschen einzuschüchtern, muss er nicht unbedingt zwei Jahre in ein Arbeitslager gesteckt werden wie ich.

Yury Muravitsky, Sie sind Regisseur des Stücks und in Russland einer der renommiertesten Theaterdirektoren. Wie können Theaterhäuser überleben, die sich die Stimme nicht verbieten lassen?

Muravitsky: Sobald eines dieser unabhängigen Theaterhäuser es wagt, ein kritisches Stück aufzuführen, steht die Polizei vor der Tür und setzt die Hausbesitzer unter Druck. Das Theater muss dann geschlossen werden, weil die Besitzer nicht in Schwierigkeiten geraten wollen. Staatlichen Theatern sind von vornherein die Hände gebunden. Die beschränken sich auf ein harmloses Repertoire. Wagen sie dennoch mal etwas Systemkritisches, wird ihnen der Geldhahn abgedreht.

Wie kann man als unabhängiges Theaterhaus unter diesen Bedingungen überleben?

Alyokhina: Ich halte es für wichtig, dass eine Öffentlichkeit diese Menschen in ihrem Mut unterstützt, diese Projekte weiterzuverfolgen. Es geht mir hier keinesfalls nur um Pussy Riot, sondern um die vielen Menschen, die sich unbeachtet in den weit von den Städten abgelegenen Regionen engagieren.

In der Schweiz hat man manchmal den Eindruck, dass junge Menschen gar keine Motivation haben, für ein Anliegen ihre Stimme zu erheben. Auf Politaktivisten, die für ihre Anliegen bis ins Arbeitslager gegangen sind, muss das seltsam wirken.

Alyokhina: Ob man sich engagiert, hat damit zu tun, ob man die Geschichte seines Landes kennt. Dass Frauen hier erst seit 1971 wählen dürfen, ist doch sehr seltsam. Es liegt im Ermessen des Einzelnen, in so einer Tatsache ein Problem zu sehen. Für mich bedeutet das, dass die Schweizer gar nicht die Notwendigkeit einer Veränderung gesehen haben. Diese Notwendigkeit zu fühlen, ist meiner Meinung nach aber der erste Schritt zur Veränderung.

Wo soll man ansetzen als junger Mensch?

Alyokhina: Ende 2015 hielt ich mich in dem inzwischen aufgelösten Flüchtlingscamp bei Calais auf, mit 5000 Bewohnern in Europa damals das grösste seiner Art. Dort habe ich mit einer Theatergruppe das politische Theater für mich entdeckt. Zeitgleich waren da auch viele junge europäische Studenten vor Ort, welche die Menschen unterstützten. Für mich sind solche Erfahrungen wertvoller als jedes Universitätswissen. Wie soll man Politik verstehen ohne praktische Erfahrung?

In Europa tut man sich schwer, zu verstehen, warum die Russen auf diese autoritären, korrupten Staatsoberhäupter setzen. Wie erklären Sie es sich?

Muravitsky: Die Überzeugung des Russen, er brauche eine starke Hand, die ihn führt, stammt noch aus Sowjetzeiten.

Alyokhina: Es ist diese Mischung aus mangelnder Bildung und dieser Sehnsucht nach Sicherheit. Ein vermeintliches Sicherheitsdenken, das längerfristig deine Persönlichkeit korrumpiert.

Wie ein feministisches Frauenkollektiv zu einer Weltmarke wurde

«Ich habe fünf Mal die Schule gewechselt. Ich wollte nicht, dass mich jemand auf eine Zukunft vorbereitet, die nicht die meine ist.» Maria Alyokhina hat Wort gehalten. Berühmt wurde die 29-jährige Russin als Mitglied des 2011 gegründeten Frauenkollektivs Pussy Riot. Mit provokativen Kunstaktionen im öffentlichen Raum engagiert sich das Kollektiv unter anderem für Anliegen des Feminismus, kämpft gegen Repression im Putin-Regime und erweiterte das Vokabular der russischen Medien mit dem Wort «Feminismus».

Zur Märtyrerfigur wurde Alyokhina, als sie 2012 mit drei Frauen mit bunten, gehäkelten Sturmmasken im Haupthaus der orthodoxen Kirche in Moskau ein Punk-Gebet performte, das die Mutter Gottes zur Feministin erklärte und die unheilige Allianz zwischen dem Putin-Regime und der orthodoxen Kirche anprangerte. Die Aktion wurde im Internet zum viralen Hit. In einem Strafprozess wurden Alyokhina und ihre Mitstreiterin Nadezhda Tolokonnikova zu zwei Jahren Arbeitslager verurteilt. Alyokhina trat dort zeitweise in den Hungerstreik.

Nach der Entlassung gründeten Alyokhina und Tolokonnikowa die unabhängige Nachrichtenplattform ZonaMedia und eine NGO, die sich für Russlands Strafgefangene einsetzt. Während Tolokonnikowa mit US-Produzenten Musikvideos produziert, die gegen Trumps Machismo schiessen, veröffentlichte Alyokhina 2017 die aufrüttelnde Autobiografie «Riot Days» und schuf die dazugehörige Performance, mit der sie derzeit durch Österreich, Deutschland, Ungarn, Luxemburg und die Schweiz tourt. (jst)